Glück mit beschränkter Haftung
| Titel | Lourdes |
| Filmbewertung vom | 31.03.2010 |
| Redakteur | Martin Graetz
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Film Bewertung Wer’s glaubt und mit Eifer zum wirtschaftlichen Selbsterhalt von Mutter Kirche beiträgt, kann sich dem katholischen Himmel eigentlich recht nahe wähnen – es sei denn, er musste als minderjähriger Domspatz zölibatäre Süchte stillen. Zwangsläufig erleuchtet wird man deshalb freilich nicht; der religiöse Status garantiert keine göttlichen Boni. In Sachen Wunderheilung etwa liegt die leichtgläubige Kundschaft notorisch im Widerstreit mit eigenen Heilserwartungen. Als Paradebeispiel für des Menschen seltsame Hörigkeit kann Lourdes gelten. Der 15 000 Seelen zählende Wallfahrtsort im Südwesten Frankreichs - mit jährlich rund sechs Millionen Übernachtungen führend im sakralkommerziellen Ranking – steht traditionell für volle Kassen und leere Versprechungen. Denn die Erfolgsquote hinsichtlich gesund gebeteter Seelen ist überschaubar. Insgesamt verzeichnet das medizinische Büro seit Gründung der Erlösungsindustrie gerade mal 67 institutionell anerkannte „Wunder.“ Im Sinne der Betreiber ist das Lied von (Hirtenmädchen) Bernadette ein genialer Hit, ein weltumspannender Mythos, voll und ganz auf das temporäre Wohlbefinden seiner geistig und/oder körperlich geschlagenen Klientel abgestimmt. Hier fühlt sich der Pilgertourist noch als König Kunde ernst genommen. Nachdem er bei Mariens Grotte eingecheckt hat, mag er das merkantile Getriebe vollends mit überirdischer Anteilnahme verwechseln. Bei entsprechender Verfasstheit schieben ihn wunderschön gewandete Mädchen per Rollstuhl zur jeweiligen Bestimmung. Auf unverhoffte Segnungen haben die charmanten Schubkräfte zwar keinen Einfluss, auf den männlichen Flankenschutz in prächtigen Uniformen dafür um so mehr. Jedenfalls suggeriert die wie eine Semidokumentation konzipierte Heils-Glosse der gebürtigen Österreicherin Jessica Hausner („Hotel,“ 2004) ein gehöriges Maß weltlicher Gefallsucht unter den karitativen Ordnungskräften.
Ist es also ein Wunder, dass die Vorsehung ob solch frevelhaften Begehrens zürnt und eine derer im Dienste des Herrn für immer aus dem heilkräftigen Verkehr zieht? Das bleibt Glaubenssache. Satirischen Zuspitzungen dieses Musters hätte ein kleiner Risikozuschlag seitens der Produzenten nicht geschadet - um deutlicher wider den religionswissenschaftlichen Stachel zu löcken, um das gezielte Schweigen der geweihten Männer beim Objekt derart einträglicher Begierden aufzubrechen. Verzweifelte Bittsteller oder eben auch ein unvoreingenommenes Publikum mit salbungsvoller Unverbindlichkeit abzuspeisen, hat etwas Verstörendes. Im Gegensatz zur zaghaften Ritualisierung scheinheiliger Positionen, bekam Jessica Hausner ihre Darsteller bestens in den Griff. Vor allem die Französin Sylvie Testud als Multiple-Sklerose-Patientin Christine ist eine Offenbarung. Die erfährt gerade die Gnade der späten Wiedergeburt, tanzt jedoch nur einen Tanz; spiritueller Irrtum von oben. Noch vor dem ersten Hahnenschrei wird sich Christine mit dem Rollstuhl aussöhnen. Von wegen - Wunder gibt es immer wieder. Dagegen ist der Kenntnisstand der Würdenträger unerbittlich realistisch. Während ihrer Mußestunden erbauen sich die Men in Black an rustikalen Witzen:
Der Heilige Geist, Jesus und Maria sitzen auf einer Wolke und machen Urlaubspläne. „Fahr’ mer doch nach Bethlehem.“ „Na“ sagt Jesus, „da war mer ja eh scho so oft.“ Der Heilige Geist schlägt die Reise nach Jerusalem vor. Um Gottes Willen, nicht schon wieder, meckern die Anderen. „Jetzt hab’ ich’s,“ kommt der Heilige Geist auf Touren: „Mer besuchen Lourdes.“ „Au prima,“ jauchzt Maria, „da war ich noch nie.“
Das Wirken der Geistlichkeit kann ja so lustig sein. Der Film ist es nicht. Schwerer wiegt freilich, dass er das Gegenteil ebenso substanzlos in die Waagschale wirft. Entsprechend dürftig nehmen sich die Randnotizen um die Hauptfigur aus. Dass der Gesamteindruck im Ungefähren versandet, geht ein weiteres Mal ohne Wunder ab.
Bewertung
40%
© 2012 Martin Graetz
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