Schwerter zu Lichtspielen
| Titel | Henri 4 |
| Filmbewertung vom | 03.03.2010 |
| Redakteur | Martin Graetz
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Film Bewertung Wir sind dann mal jeck, muss Regina Zieglers Devise gewesen sein, als sie Patrice Chêreaus vielfach ausgezeichnete Hugenotten-Schlachtplatte „Bartholomäusnacht“ (1994) nachzuahmen trachtete. Das klappte - leider ist anzumerken - dank Einbindung französischer, tschechischer, österreichischer, spanischer und praktisch der gesamten öffentlich-rechtlichen Produktionspartner in Deutschland, reichlich (Förder)- Asche und (Regie)-Diamant Joe Baier. Nun also sind 155 Min. super-tief angelegte Inspiration durch Heinrich Manns zweiteilige Romanvorlage auszusitzen. Preisfrage: wem könnte die narrative Schlaufe der 20 Mio. € teuren Historiensaga, bestückt mit halbwegs bekannten, aber völlig überforderten oder fehlbesetzten TV-Mimen, besonders wertvoll erscheinen? Wohl allein den Mittel vergebenden Gremien (davon nahezu 4 Mio. aus dem NRW-Topf).
Bei allen Heiligen - dieser 4. Henri ist wirklich nicht erste Wahl. Für seinen Regisseur kommt das Prestigeprojekt einem künstlerischen Debakel gleich. Joe Baier spielte seine spezifischen Stärken bislang eher über private Tragödien aus (“Wambo,“ 2001 – „Schwabenkinder,“ 2003), dafür bekam er immer wieder und zu Recht, viel Anerkennung. Beim Versuch jedoch, das frankophile Blutgerinnsel nuanciert nachzubilden, arbeitete sich Baier wie im Kölner U-Bahnschacht vor; keine Baustelle trägt überzeugend zum Ganzen bei. Zudem hat er ein eklatantes Glaubwürdigkeitproblem mit seinem gepushten Staraufgebot; es ist das schlimmste Casting, seit es Schokolade gibt. Der personelle Fehlgriff (Hannelore Hoger, Joachim Król, Andreas Schmidt, Ulrich Noethen, Devid Striesow, Sandra Hüller) wird über inszenatorische Schwächen und staubtrocken-biedere Dialoge noch parodistisch verstärkt.
Bleibt die Kameraarbeit des bewährten Gernot Roll („Der bewegte Mann,“ 1994 – „Rossini,“ 1997 – „Buddenbrooks,“ 2008). Der fühlte sich offenbar in freier Natur rund um Köln wohler als im Studio. Seine dort eingefangenen Kampfszenen hoch zu Ross, Mann gegen Mann im morastigen Geläuf, lassen erahnen wie ein mit Sorgfalt erdachtes Drehbuch, ein befähigtes Darsteller-Ensemble und möglicherweise ein dem Stoff mehr zugetaner Regisseur den Ritt in die Kino-Zweitklassigkeit vermieden hätte. Berlinale-Besucher kehrten dem sogenannten Amphibienfilm (wegen der bereits vor Drehbeginn eingeplanten TV-Vermarktung) gnadenlos den Rücken.
An „Deutschlands erfolgreichster Filmproduzentin“ dürfte es nicht gelegen haben, dass sich die Mammutgeschichtsstunde über den guten König in theatralisch auswattierten Nichtigkeiten erschöpft. Als wäre man mit Sönke Wortmanns kürzlich gestarteter (und längst in der Versenkung verschwundenen) PÄPSTIN nicht schon gestraft genug. War das ernorme Budget mehr Last, als Lust und Antrieb, das Sujet zu fremd, standen die Sterne etwa ungünstig? Der Film sagt auf derart tranige Schulfunkweise die Vergangenheit voraus, dass leicht aus dem Blick gerät, welch aufregende Epoche er vergeigt. Auch wenn sich Michael Schmid-Ospach begeistert äußert: Henri 4 entspreche genau dem „Grundgesetz“ der Filmstiftung NRW (deren Geschäftsführer er noch befristet ist). Er sei „kulturell, wirtschaftlich und interessant.“ Nun ja. Gemessen am geschichtlichen Potential schrumpft Henri 4 made in Germany zur reinen Ausstattungsorgie.
Im Frankreich des Jahres 1563 geht es zwischen Protestanten und Katholiken richtig rund. Beiderseits natürlich stets im Namen des Glaubens. Henri von Navarra führt die zahlenmäßig unterlegenen Protestanten gegen die mächtige Rivalin seiner Mutter an: Katharina de Medici, die katholische Königin von Frankreich. Diese bietet ihm die Hand ihrer Tochter als Zeichen der Versöhnung. Wie wir schon ohne den Kostümreigen wussten: die Hochzeit hat ein Blutbad zur Folge.
Die Handlung ist bekanntermaßen auf den Hintergrund der Hugenottenkriege fixiert. Sie zeichnet das Leben von Henri IV nach, der das in Europa tonangebende Frankreich, geschwächt durch Glaubenskriege wieder aufbaute und das Edikt von Nantes schuf, in dem französischen Protestanten freie Religionsausübung zugesichert wurde.
Ein Humanist von Gottes protestantischen Gnaden also. Die cineastische Sinnestäuschung hat er nicht zu verantworten.
Bewertung
20%
© 2012 Martin Graetz
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