Das Kabinett des Dr. Parnassus - Redaktionelle Kommentare Film

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Terry Gilliams surreale Traumwelten

TitelDas Kabinett des Dr. Parnassus
Filmbewertung vom06.01.2010
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
Das Kabinett des Dr. ParnassusFilm Bewertung
Schon der Titel deutet an, dass die phantastische Handlungsreise des ehemaligen Monty Python-Frontmannes Gilliam in Stilrichtung „Caligari“ zielt; zu einem jener wegweisenden Klassiker aus den 1929ger Jahren, dessen Reputation und dessen künstlerischer Einfluss auf die internationale Cineastik bis heute kaum zu überschätzen ist. Ganze Generationen suchten den innovativen Urknall (Regie: Robert Wiene) zu überbieten – meist mit mäßigem Erfolg. Auch diese US-Produktion kann es im Hinblick auf neue Impulse nicht mit dem deutschen Kulturbrocken aufnehmen. Für sich genommen ist Terry Gilliams magische Fabel ein absolut sehenswerter Film. Dass die chaotischen Begleitumstände seiner Entstehung zu einem solch beachtlichen Resultat führen könnten, galt unter Beobachtern als durchaus zweifelhaft. Nachdem Hauptdarsteller Heath Ledger auf tragische Weise vom Set ging, schien zunächst die komplette Produktion mit zu sterben. In derart brenzligen Situationen werfen die Verantwortlichen meist schnell das Handtuch. Nicht so beim alt gedienten Kreativposten aus der Monty-Truppe. Glücklicherweise basierte Ledgers Figur auf Transformationen, weil sein Part innerhalb verschiedener Realitätsebenen angesiedelt und zudem der Großteil der „wirklichen Welt“ schon im Kasten war. Gilliam verfiel deshalb auf den genialen Dreh, die mit Ledger befreundeten Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell (jeweils unter Gagen-Verzicht zugunsten Ledgers Tochter) in seine surrealen Traumwelten einzubeziehen; die berühmten Drei mimten die wechselnden Identitäten Tonys (Heath Ledger) äußerst würdevoll zu Ende. Schwer zu sagen, ob und wie die durch höhere Fügung erzwungene Umbesetzung den ursprünglich erdachten Gesamteindruck beeinträchtigt hat. Das Imaginarium des Terry Gilliam lässt keinen diesbezüglichen Bruch erkennen, jedenfalls soweit man die ohnehin unkonventionelle Arbeitsweise von „Captain Chaos“ in Betracht zieht. Seine Ideenschmiede ist ja beneidenswert komplex, seine Visualisierungen werden gefeiert, nur mit der erzählerischen Stringenz klappt es nicht immer.

Das brachte dem Regie-Veteranen manchen Ärger ein - zuletzt bei der Fantasy-Version der „Brothers Grimm“ (wo seine barocke Bildgewalt die unausgegorene Geschichte dominierte); ändern werden sich seine charakteristische Elemente freilich kaum mehr. Andrerseits ist Terry Gilliam ein unentbehrlicher Monolith in der Parallelwelt der Utopien. Wer seine Pforten durchschreitet, trifft auf die Ritter der Kokosnuss, auf Baron Münchhausen, auf den König der Fischer oder auf 12 Monkeys, nicht auf Rosamunde Pilcher; also eine diesseits vernachlässigte, krisenanfällige Spezies. Spätestens seit dem legendären Scheitern seines mit Inbrunst verfolgten Don Quijote-Projektes (2000) haftet an Gilliam der Odem des großen Pechvogels. Seinerzeit konnte er Jonny Depp und Jean Rochefort für den Mann von La Mancha gewinnen. Doch das Vorhaben stand unter keinem guten Stern. Es versank kurz nach Drehbeginn im stürmischen Nichts. Dieses Jahr nun will er einen neuen Anlauf nehmen. Rückschläge sind schließlich sein täglich Brot.

Fazit
Ohne diese Besessenheit wäre das packende Wettrennen des Dr. Parnassus (Christopher Plummer) gegen die Zeit, seine märchenhafte Spiegel-Attraktion, sein jahrtausende alter Pakt mit dem Teufel (herausragend Tom Waits) und auch das Denkmal für den Ausnahmeschauspieler Heath Ledger nicht zustande gekommen.
Wenn „Das Kabinett.....“ kein Meisterstück geworden ist, so aber immerhin ein großartiger Film.

Bewertung
80%

© 2012 Martin Graetz
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