12 Meter ohne Kopf - Redaktionelle Kommentare Film

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Sturm im (Brack)-Wasserglas

Titel12 Meter ohne Kopf
Filmbewertung vom08.12.2009
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
12 Meter ohne KopfFilm Bewertung
Nichts Genaues weiß man nicht über Klaus, Pit, Hein oder auch Jan Störtebeker. Der Legende nach soll er ein Rebell, ein „Robin Hood der Meere“ gewesen sein, ebenso trinkfest wie rauflustig. Belegen lässt sich wenig aus der Vita des Gesetzlosen. Nicht seine Herkunft, nicht sein Aussehen. Während die einen schwören, er sei ursprünglich aus Wismar (in dem tatsächlich ein gewisser „nicolao stortebeker“ dem eigenen Namen mittels zünftiger Schlägereien Geltung verschaffte), verweisen andere Quellen auf Rotenburg an der Wümme als Geburtsort. Aber nichts Genaues weiß man eben nicht über die Keimzelle des sagenhaft Aufmüpfigen. Die Spuren von Klaus, alias weiß der Henker, sind derart gründlich getilgt, dass man fast geneigt ist, dessen reale Existenz (* um 1360; vermutlich bis 20.Oktober 1401) anzuzweifeln. Nun sind seine vorgeblichen Schandtaten aber auch schon einige Jahrhunderte verjährt. Aus dieser biographischen Not machte Regisseur Sven Taddicken („Emmas Glück, 2006) eine platt-deutsche Untugend und prompt die künstlerische Freiheit zur Minna. Die mannigfachen Leerstellen am Bildnis des „Gleichteilers“ überfilmte er gegen die Laufrichtung einer spannenden Piratengeschichte. Gerade wegen der dürftigen Faktenlage hätte es sich angeboten, die historische Figur zu einem originelleren Charakter aufzubauen. Nur wären dann die vielen Brüllaffen um Klaus, den Kino-Widergänger, noch penetranter ins Gewicht gefallen, hätten die hanseatischen „Pfeffersäcke“ noch weniger Grund gehabt, vor der viel beschworenen „Freundschaft fürs Leben“ zu zittern. Oha, nicht mit mir, schoss es wohl Taddicken durch den Kopf; mit knackigen Dialogen will ich mich nicht auch noch belasten. Viel einfacher, viel bequemer ist es, das staatlich geförderte Seemannsgarn als zeitgemäße Selbstfindungsschote zu spinnen. Und Statisten, die sich auf Planken und in Kaschemmen die Lunge aus dem Hals schreien möchten, gibt es ja zuhauf.

Dabei gelingt dem Regisseur das Kunststück, seinen im Brackwasser ausgesetzten Freibeuter als maritime Neufassung des Wachstumsbescheunigungsgesetzes vom Stapel zu lassen - sinnfreies Tamtam für ganz Anspruchslose, substanzloses Gewäsch, das den fragmentarischen Sprachduktus der heutigen Generation nachäfft („Fick die Hanse“) und visuell bestenfalls ZDF- mäßig dahindümpelt. Ronald Zehrfeld, der die Titelrolle verkörpert, kriegt sich gar nicht mehr ein: „Was wir hier drehen, ist kein Piratenfilm, das ist ein Kessel Buntes. Das ist eine abgefahrene, geile Scheiße.“ Diese Scheiße dauert 102 Minuten an, kämpft jedoch gleich zu Beginn mit starker Schlagseite. Abenteuer, Dramatik, tödliche Gefahren, Liebe? Nein, schmerzlichen Dank. Denn der Stil-Mix aus Klamotte (mehrheitlich), Romanze (total verkorkst) und (See)- Räuberpistole passt von Bug bis Heck nicht, vor allem nimmt die Regie ihre eigene Schöpfung nicht ernst. In keiner Phase hasst, liebt oder leidet man mit den armseligen Pappnasen. Sven Taddicken schwebte vermutlich eine deutsche Version von „Fluch der Karibik“ vor. Das Resultat ist niederschmetternd. Um den Proll-Faktor seiner Störtebecker-Crew hervorzuheben, lässt der Film mit dem Soundtrack von THE CLASH, THE THERMALS, T. REX und CODY gar noch den musikalischen Innovationshammer kreisen, weil ja das Kapervölkchen mitsamt seinem Anführer schon vor über 600 Jahren hipp bis in die morschen Knochen war. Und so zetern die E-Gitarren, dass sich die Takelage biegt. Leider nahm der Murks nicht sofort Kurs auf das Bermudadreieck, jetzt muss er halt vom Zuschauer abgewrackt werden.

Es waren einmal zwei Krawallbrüder, Klaus S. (Ronald Zehrfeld) und Gödeke Michels (Matthias Schweighöfer). Die erarbeiteten sich einen soliden Ruf durch unzählige Beutezüge auf Nord- und Ostsee. Doch im ständigen Kampf mit den verhassten Pfeffersäcken der Hanse hat sich das einst unbezwingbare Duo aufgerieben. Nach einer verlustreichen Kaperschlacht wurde Störtebecker schwer verletzt und begann zu sinnieren, ob dieser Berufszweig noch Zukunft hat. Guerilla oder Gemüsebauer, das schien hier die Frage. Nur nicht für Gödeke Michels. Der betrieb das Handwerk mit Inbrunst. Seine Braut war die Waffe. Also war Konflikt in Sicht. Der Klaus wiederum verliebte sich in die hübsche Bille (Franziska Wulf) und träumte immer unverhohlener vom Landleben.
Ja, es hätte wirklich alles schön und gut geblieben sein können, wenn denn die böse Hanse endlich Ruhe gegeben hätte...
Sie aber besiegelte Störtebeckers Ende. Sein letzter Wunsch: Jeder seiner Männer, an dem er ohne Kopf noch vorbeilaufen könne, solle verschont werden. Angeblich lief er kopflos noch an 11 Männern vorbei. Dann wurde es dem Henker zu bunt und er stellte ihm ein Bein. Das war am 21.Oktober 1401.
Da sind Regisseure besser dran.
Bewertung
20%

© 2012 Martin Graetz
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