Nokan - Die Kunst des Ausklangs - Redaktionelle Kommentare Film

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Six Feet Under mit Anspruch

TitelNokan - Die Kunst des Ausklangs
Filmbewertung vom24.11.2009
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
Nokan - Die Kunst des AusklangsFilm Bewertung
Gestorben wird immer – ein todsicherer Tipp. Ebenso, dass der Dahingegangene mit dem letzten Atemzug seiner irdischen Pflichten entbunden ist. Oder dass dies die Stunde der erbberechtigten Komödianten ist, die dessen aufgekündigte Lebenserwartung nun vor aller Welt zu beweinen haben; im Westen nichts Neues. Wobei man die Vorbereitungen für „die letzte Reise“ des stets unersetzbaren Menschen den Bestattungsprofis überlässt; im Osten wohl auch nichts Neues mehr.
Nun, wer die Zeit des endgültigen Abschiednehmens für ein Quantum Trost anderer nutzen will, muss selbst viel Demut mitbringen. Nokan, die meditative Reflexion über Vergänglichkeit, strahlt sie in lebensbejahender Weise aus und hat überdies beachtlichen Unterhaltungswert.
„Die Kunst des Ausklangs“ heimste neben dem Oscar (bester fremdsprachiger Film) weitere Preise in Japan, Kanada und den USA ein. Dieser Zuspruch leuchtete angesichts der starken Konkurrenz (etwa „Waltz With Bashir“) nicht jedem Kritiker ein, lässt sich aber durchaus noch vertreten.
Der junge Daigo Kobayashi (Masahiro Motoki) hat es als Cellist bis in ein Tokioter Symphonie-Orchester geschafft. Das wird jedoch aus den üblichen Gründen (wenn ein Sponsor abspringt) kurzfristig abgewickelt. Daigo begräbt daraufhin seine ohnehin nicht hochfliegenden Träume vom gefeierten Musiker und zieht mit seiner ihm ergebenen Frau (Ryoko Hirosue) ins ländliche Haus seiner verstorbenen Mutter. Jobangebote sind hier rar. Doch er wird fündig. Der Stellenbeschreibung nach sucht ein Reisebüro Mitarbeiter. Tatsächlich aber warten auf Daigo höchst delikate Aufgaben. Denn der potentielle Arbeitgeber macht mittels traditionellem „Nokan“ Tote fit für den ewigen Kreislauf. Bei dem alten Bestattungszeremoniell werden die Verblichenen auf den Übergang in eine andere Welt vorbereitet. Anfangs überwindet sich der Feingeist wegen des Top-Gehalts. Seine finanzielle Lage zwang ihn bereits das sündhaft teure Instrument abzugeben.

Seiner Ehefrau gegenüber verheimlicht er aus Scham zunächst ganz den Charakter seiner beruflichen Tätigkeit, weil er zu Recht fürchtet, zwischen ihr und der Arbeit wählen zu müssen. Die Gesellschaft ächtet „Nakanshis.“ Sollen sie doch was Anständiges machen, nicht so eklige Sachen. Den im Grunde unverzichtbaren Helfern obliegt die rekonstruktive Aufbereitung der Leichen, die Wiederherstellung des ästhetischen Erscheinungsbildes (besonders nach Gewalteinwirkung), die hygienische Grundversorgung (Waschung, Desinfektion) der Toten. Zunehmend jedoch gewinnt er dem traurigen Handwerk mit seinen umständlichen Ritualen positive Seiten ab und das verlorene Gleichgewicht zurück.
Regie-Veteran Yojiro Takita, ehemaliger Assistent Akira Kurosawas, beschreibt dieses visuelle Lehrstück mit angemessenem Respekt vor dem Tabuthema. Es ist großes Gefühlskino und wirklich zum Sterben schön. In seiner japanischen Heimat wollten über sechs Millionen Zuschauer die Wandlung des Protagonisten miterleben. Der würdevolle Umgang mit dem leblosen Überrest menschlicher Existenz traf dort offenbar den kulturellen Nerv. Sehr fraglich, ob man dem sympathischen „Reisebegleiter“ in fernen Regionen – wo der Weg etwas seltener das Ziel ist - die gleiche Ehre erweist. Und sei es nur des Berufsbildes eines Thanatopraktikers wegen, das auch hierzulande die wenigsten als Berufung empfinden dürften.
„Nokan.....“ wirkt hinsichtlich seiner Intentionen total in Einklang mit sich selbst – jedenfalls soweit er auf originelle Beigaben oder pathetische Kniffe verzichtet. Leider verscherzt er sich genau dabei einiges Wohlwollen und überspannt mit gut 130 Minuten Laufzeit den künstlerischen Bogen erheblich.
Aber das ist bei Gott noch kein Grund, sich hinter den Zug zu werfen.
Bewertung
60%

© 2012 Martin Graetz
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