Die Anwälte - Eine deutsche Geschichte - Redaktionelle Kommentare Film

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Karrieren im Zeitraffer

TitelDie Anwälte - Eine deutsche Geschichte
Filmbewertung vom17.11.2009
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
Die Anwälte - Eine deutsche GeschichteFilm Bewertung
Diesen Film durchzieht ein sehr schmales Band der Sympathie. Zu wenig von dem, was wir schon immer mal von den Vorkämpfern „linker Gerechtigkeit“ wissen wollten, ist erhellend. Das zeitgeschichtliche Gruppenbild dreier gesetzter Herren gleicht Regisseurin Birgit Schulz (Regie/Buch) allzu schönfärberisch mit der bundesdeutschen Wirklichkeit ab; stets darauf bedacht, Geheimnisse zu lüften, die nie welche waren. So dient die Rückschau auf Kindheit und Karriere der Politpromis in erster Linie deren Selbstdarstellung. Insbesondere Otto Schily darf sich ohne den geringsten Erkenntnisgewinn in larmoyanter Behäbigkeit ergehen. „Also, ich kann einen Satz meiner Mutter sagen,“ verrät er etwa. „Die hat gesagt: Du kannst werden, was du willst, bleib nur ein anständiger Mensch.“ Nun, inwieweit der mütterliche Rat in das Tagesgeschäft des späteren (SPD)-Bundesinnenministers Schily einging, wäre sicher für eine Spurensuche des schwankenden Charakterbildes von Bedeutung. Birgit Schulz fordert dem Mitbegründer der grünen Bewegung nichts als narzisstisches Geschwurbel ab. Politisch relevante Fragen standen offenbar gar nicht auf ihrem Drehplan. Auch Hans-Christian Ströbele - welche Überraschung - gibt für die Dokumentation ein weiteres Mal frei verfügbaren Aufschluss über menschliche Wärme, Würde und Loyalität. Selbst der einsitzende Horst Mahler lässt nichts auf den „Öko-Messias von Kreuzberg“ kommen. Tatsächlich hat Ströbele durch seine kollegiale Haltung und sein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl manchen für sich eingenommen. Aber die Nachricht ist nun wirklich weder brisant noch neu. Im Wesentlichen bestätigt die gefilmte „Herausforderung“ (B. Schulz) über ein spannendes Kapitel deutscher Vergangenheit mit all ihren geschichtsimmanenten Zweifeln nur den öffentlichen Konsens darüber. Einst saß man auf der gleichen Bank im Gerichtssaal, um die RAF-Desperados vor dem Staat zu schützen.

Als sich die juristische Nachbearbeitung revolutionärer Trugbilder durch Knast und Tod seiner Bandleader erledigt hatte, sah das Anwalts-Trio Schily, Ströbele und Mahler seine Mandanten im Volk schlechthin. Wobei einem der Ehemaligen (Schily) in der Folge seines beruflichen Aufstiegs die innere Sicherheit so exzessiv ans Herz wuchs, dass er während Baader-Meinhofs antiimperialistischer Hochgefühle keine Woche überlebt hätte. Dieser Stellungswechsel war für den heute 77-jährigen kein Problem, weil er sich eigentlich nicht zu den Linken rechnete. Der gute Ströbele würde es dagegen in hundert Jahren nicht auf deren Abschussliste geschafft haben. Und Horst Mahler? Der dritte im seligen APO-Bunde hat den Rechtsweg wieder mal für eine Weile verlassen und sitzt derzeit wegen Holocaust-Leugnung ein. Jetzt der unverzeihliche Clou des Lehrstücks: genau jener Figur, die ständig dem paranoiden Affen Zucker gibt, widmet Birgit Schulz vergleichsweise dürftige Aufmerksamkeit. Dabei wäre der radikale Kämpe bestimmt für einen coolen Snack zu haben gewesen - Rede gewandt und willig, wie er vor der Kamera poussiert. Hier hätte sich vielleicht – wenigstens teilweise – die rätselhafte Biographie des (1936) geborenen Schlesiers entschlüsseln lassen. Wie konnte aus dem brillanten Verteidiger linker Positionen ein Mann der NPD werden? Wie erklärt sich (in der 68-ger Revolte-Phase) sein verbissener Einsatz gegen das Establishment?
So lobenswert die Absichten gewesen sein mögen, das Porträt der Anwälte verdient kaum das Prädikat „Besonders wertvoll.“ Es kann interessierten Geistern zur Auffrischung des selbst Erlebten verhelfen. Und da tun es auch ein paar rhetorische Unverbindlichkeiten. Sagt beispielsweise der Hans-Christian Ströbele: „Ich erinnere mich daran, dass ich durch nichts so aufgewühlt wurde wie Ungerechtigkeiten, die entweder mir passiert sind oder anderen.“ Zu Mahlers kurioser Entwicklung fällt dem grünen Volksvertreter aber schon nichts mehr ein; man hat sich wohl ohnehin nichts mehr zu sagen.
Bewertung
40%

© 2012 Martin Graetz
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