Zustände wie im alten Rom?
| Titel | Kapitalismus - Eine Liebesgeschichte |
| Filmbewertung vom | 10.11.2009 |
| Redakteur | Martin Graetz
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Film Bewertung Ob eine These zu bleibender (Spreng)-Kraft findet, hängt von den Reanimierungskünsten ihrer Anwender ab und natürlich von den gesellschaftlichen Umständen. Gegenwärtig stehen beide Kriterien in einem fast indifferenten Abhängigkeitsverhältnis zueinander. Thesen und Anti-Thesen wechseln derart geschwind, dass kaum eine Synthese Chancen hat. So scheint aktuell die Deutungshoheit komplexer Zusammenhänge innerhalb von Wirtschaft und Politik ausschließlich in den Händen des Michael Moore zu liegen. Der Welt bekanntester Provokateur steht diesem Sektor mit so viel medialem Herzblut vor, dass selbst die Nackten und die Toten auf seine elektronischen Schocks reagieren müssten. Wohl agitiert der von seinen Gegnern „Egomane“ Gescholtene häufig am Rande der Legalität, die Ergebnisse seiner Recherchen kollidieren manchmal spektakulär mit der Realität und die Beweisführung seines Plädoyers für eine Erneuerung des Gesellschaftssystems („Weg mit dem Kapitalismus, es lebe die Demokratie“) ist im Detail arg löchrig. Dennoch mag man dem selbsternannten Spiritus rector des investigativen Film-Journalismus im Kern kaum widersprechen. Warum? Unter anderem wohl deshalb, weil niemand sonst auf drastisch-unterhaltsame Weise die (inzwischen wieder blühenden) Geschäfte an der Wallstreet und ihre Konsequenzen für die internationale Volkswirtschaft zu interpretieren weiß. Dabei war Moores kapitaler Rundumschlag ursprünglich gar nicht als spezielle Kritik am Casino-Kapitalismus und seinen Investment-Protagonisten gedacht. Als eigentliches Objekt seiner Obsession hatte er Bush jun. auserkoren. Die „Love Story“ sollte den Höhepunkt seiner mit „Roger & Me (1989) begonnenen Themenreihe bilden, die sich mit bissigem Humor gegen ein bestehendes System wendet, „das Korruption erlaubt, unterstützt, sie geradezu garantiert“ und das offensichtlich beide Parteien fest im Griff hat. Es gäbe nicht genug Desinfektionsmittel auf der Welt, um Washington zu desinfizieren, meint Moore: „Hat irgendjemand dort (in der amerikanischen Hauptstadt) eine reine Weste?“
Also Zustände wie im alten Rom? Jein – denn auch Infotainer Michael Moore sieht trotz fetziger Polemik kein beweiskräftiges Wetterleuchten jenseits der Kollapsserie, das vom Niedergang des amerikanischen Imperiums kündet. Freilich trägt der enttäuschte Liebhaber rechtsstaatlicher Prinzipien weder so noch so die Beweislast für die Folgen „des größten Raubzugs in der Geschichte des Landes.“ Michael Moore ist kein Che Guevara. Eher ein patriotisch gesinnter Don Quijote, der sein wertendes (Kamera)-Auge in Stellung bringt, wo immer er Ungemach plus deftigem Knalleffekt wittert. Als verlässlichen Indikator der massiven Übel hat er die Reagan-Administration ausgemacht, die nach seiner Auffassung staatliche Obliegenheiten an den industriellen Komplex delegierte und damit zum idealen Wegbereiter für die Bush-Krieger wurde. Das zumindest dürfte im historischen Kontext auch schlüssig sein. Der Mann polarisiert bis zum Anschlag; da wird schnell mal seine Habenseite überblättert. So trat er mit seiner Dokumentation „Sicko“ (2007) über das Gesundheitssystem der USA eine Debatte los, ohne die Obamas Vorstoß möglicherweise ähnlich gescheitert wäre, wie die einstigen Reformbemühungen Hillary Clintons. Keine Frage, Moore begreift sich als Propagandisten für die zu kurz gekommenen; all jene, die sich tagtäglich in den Fallstricken des hoch komplizierten Finanzsystems verfangen oder auf sonstige Weise an den Verhältnissen Schaden nehmen. Hin und wieder strapaziert er bei seiner Menetekel-Show sogar christliche Metaphern. So sei der Kapitalismus „schließlich moralisch nicht vertretbarer, als ein Casino. Er ist das Böse, das exakte Gegenteil von dem, was uns die Bibel lehrt.“ Nun ja, solch Amerika tauglichem Overkill samt satirischer Grundierung zum Trotz - der Mann mit der Baseballkappe lässt eine Arbeitsthese vom Stapel, von der sich das frei gemauerte Deutschland eine Scheibe abschneiden sollte. Denn auch hier „macht es für Politiker keinen Sinn, sich heldenhaft zu verhalten und gegen den Strom zu schwimmen. Denn das wäre zu riskant.“ Also bedarf es gezielter Anstöße von außen, um Veränderungen herbeizuführen. Das muss ja nicht unbedingt durch die revolutionären Kinder von Baader und Coca Cola geschehen.
Unterstützt werden die grandios (wenngleich oft erkennbar manipulativ) montierten Bilder vom Wandel zwischen der endenden Ära Bush und der beginnenden Amtszeit Barack Obamas durch die verbale Schlagkraft des auch im übertragenen Sinn schwergewichtigen Produzenten/Regisseurs und Interviewers Michael Moore. Unnachahmlich, wie der Doku-Guru mit einer Frage nach Sinn und Unsinn von Derivaten den amerikanischen Albtraum in den Fokus rückt. Oder wie er bei Goldman Sachs vorfährt, um das gestohlene Geld zurückzufordern, wie er aufdeckt, dass Banken heimlich für ihre Angestellten Versicherungspolicen abschließen und bei deren Ableben Kasse machen. Der jeweiligen Witwe steht der Tod dann gar nicht gut, denn bei dieser Dramaturgie geht sie leer aus. So intensiv betrachtet, könnte die bekannt neckische Mahnung, der Kapitalismus sei im ideologischen Wettkampf durchaus nicht siegreich, sondern einfach nur übrig geblieben, ein Ansatz für systemkritische Saalwetten sein.
Bewertung
80%
© 2012 Martin Graetz
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