Günter Wallraff: Schwarz auf weiss - Redaktionelle Kommentare Film

(0 Bewertungen)

Darf´s etwas mehr sein?

TitelGünter Wallraff: Schwarz auf weiss
Filmbewertung vom16.10.2009
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
Günter Wallraff: Schwarz auf weissFilm Bewertung
Unbeirrt glaubt Günter Wallraff an eine „positive Wirkung“ seiner verdeckten Ermittlungen - selbst wenn die Frucht seiner Arbeit im aktuellen Fall etwas schal schmeckt. Natürlich wird es wieder zu den erwünschten Diskussionen in Bürgerzentren und Talk-Shows kommen. Aber seine neueste Variation, das deutsche Wesen auf seine hinlänglich bekannten Schwachpunkte filmisch abzuklopfen, ist nicht gerade ein Höhepunkt investigativen Journalismus und sie lässt sich auch als moralischer Weltklimagipfel in und um Köln herum nicht gut rechtfertigen. Mit diesem leicht anrüchigen Schnellschuss ist unser bekanntester Undercover-Mann vorläufig „ganz unten“ angekommen. Man kann dem Dokumentaristen Michael Moore wahrlich einiges ankreiden. Aber noch nie musste sich der Amerikaner des Vorwurfs erwehren, dröge Pointen zu verspritzen und leeres Stroh zu dreschen. Wallraff jedoch tut genau dies. Seine konzeptionslos anmutende Reise durch die Republik belegt schwarz auf weiß überbeanspruchte Bilder und einen Hang zu Verallgemeinerungen. Es ist schon ärgerlich, was der verdienstvolle Seismograph deutscher Arbeitswelten hier auf den emotionalen Grabbeltisch packt. Dass, und vor allem zu welchen Anlässen sich in Teilen des Volkskörpers Ressentiments herausbilden, ist nun wirklich keine Geheimwissenschaft. Selbst im tiefsten Tal der Ahnungslosen hat sich herumgesprochen, wie man mit bestimmten Gruppen schnell Zoff bekommt. Was bitte hat der gute Günter aus dem fernen Multi-Kulti-Köln erwartet, als er sich im „Neger“- Outfit ausgerechnet bei Cottbusser Glatzen nach dem Fußballergebnis erkundigt? Den Roten Teppich? Was, wenn er als „Kwami“ den östlichen Laubenpiepern nahe tritt, um eine Datsche anzumieten? Kaffe und Kuchen zum Willkommen? Und was, wenn er als Schwarzer im schwärzesten Oberbayern einen Jagdschein beantragt? Keine Spur von „Integration“ nicht, folgert der rheinische Gesinnungsbeauftragte verschnupft. Ist das Rassismus? Natürlich.

Zu fragen ist dennoch, inwieweit Wallraffs provokantes Funktionsprinzip den Anspruch seriöser Recherche erfüllt.

Keine Frage - der Mensch wird „fast ausschließlich“ über seine Hautfarbe definiert. Ja und? Welch ein tiefenpsychologischer Befund!

Die Wallraff`sche Demaskierung, aus deutschen Landen frisch auf den Tisch, ist alles andere als eine Bereicherung für das offene Bewusstsein. Insbesondere die letzte Episode der Aufklärungstour verdeutlicht das. Zurück im heimatlichen Kölle macht Kwami der nächsten Kneipe seine Aufwartung. Ein Pärchen unterhält sich beim Tässchen Bier. Der Schwatte spielt Russisch Roulette, indem er einem Tamilen den ganzen Rosenstrauß abkauft, der Frau schenkt und prompt zum Tanz bittet. Kommentar der männlichen Begleitung: „Hör mal, du machst dich gerade ein bisschen unbeliebt!“

Das unübersehbare Problem des Günter Wallraff ist wohl seine zunehmende Unfähigkeit, die eigene Wahrnehmung einer tendenzbezogenen, geschweige denn künstlerischen Kontrolle zu unterziehen. Man stelle sich vor, der deutsche Michel besäße in vergleichbarer Situation die Chutzpe, einem türkisch-dominierten Tisch ohne Nachfrage die Dame zu entführen. Der Mann hätte vermutlich für immer ausgetanzt.

Warum thematisiert der selbsternannte Rächer der Entrechteten nicht zur Abwechslung mal die bösen Kehrseiten der Zuwanderung? Etwa die mangelnde Bereitschaft zur Integration speziell der Immigranten vom Bosporus. Zu leugnen, dass Ausländer insgesamt hinsichtlich der Kriminalstatistik gewaltig aufgeholt haben, entsprechende Ängste verbreiten und auch deshalb häufig auf Ablehnung stoßen, ist sinnlos. Bei Wallraff freilich sind Ausländer im Zweifel Opfer; er sitzt in der Falle des guten Glaubens fest und hält es mit der Kritik des Einäugigen.

Prinzipiell kann man es nur begrüßen, dass dem Deutschen von Fall zu Fall jemand auf die Zehen tritt. Aber bitte doch nicht mit einer Beliebigkeit, die als Steilvorlage für rechte Deppen missverstanden werden muss. Sonst darf`s lieber etwas weniger sein, Herr Wallraff.
Bewertung
40%

© 2012 Martin Graetz
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spam-Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können

 

DVD-Neuheiten


Das Orangenmädchen DVD
Das Orangenmädchen
30.07.2010
Single Edition
Sickpigs DVD
Sickpigs
29.06.2010
Single Edition
Das Urteil - Jeder ist käuflich DVD
Das Urteil - Jeder ist käuflich
25.06.2010
Single Edition
Gigante DVD
Gigante
18.06.2010
Single Edition
(traum)job gesucht DVD
(traum)job gesucht
11.06.2010
Single Edition



Kinotraum-Newsletter

Immer besser informiert sein: Bestellen Sie den kostenlosen Kinotraum®-Newsletter!
Name:
Email:


Kinotraum-Newsletter bestellen
Powered By PageCache
Generated in 1.26206 Seconds