Das Massaker von Katyn - Redaktionelle Kommentare Film

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Die Morde des Herrn Dschughaschwili

TitelDas Massaker von Katyn
Filmbewertung vom15.09.2009
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
Das Massaker von KatynFilm Bewertung
Glaubt man der Heiligen Schrift, so hat Gott vor langer Zeit einen hübschen Garten angelegt. In der Mitte ließ er zwei Bäume wachsen - den der Erkenntnis von Gut und Böse und den des Lebens. Der Mensch sollte für sich und seine Nachkommen in freier (wenn auch nichtgeheimer) Wahl zukunftsweisende Pflöcke einzuschlagen. Jedoch überforderten ihn die Konsequenzen der vom Himmel vorgeschlagenen Urabstimmung alsbald und auch noch das letzte Glied der Evolutionskette dürfte daran zu knabbern haben. Gut und Böse, diese elementaren Eckpfeiler religionsphilosophischer Eingebung, begleiten das Ebenbild Gottes bis in alle Ewigkeit; dann und wann höllisch angetrieben von apokalyptischen Reitern.
So wie beim Jahrhundertverbrechen Katyn, einem der düstersten Kapitel der bluttriefenden Weltkrieg II-Jahre. Diese Perversion mit kommunistischem Antlitz verantwortet Iosseb Dschughaschwilis (Kampfname: Stalin) – jener Polit-Teufel, dem die russische Seele inzwischen schon wieder das Lied der Taiga singt. Bis in die Gorbatschow-Ära hinein galt vielen Historikern die Urheberschaft des staatlich sanktionierten Mordauftrags an mehr als 22 000 polnischen Offizieren und Zivilisten durch Einheiten des sowjetischen Innenministeriums als nicht zweifelsfrei bewiesen; sicher ein wesentliches Hemmnis dafür, dass man das nationale Trauma bislang filmkünstlerisch eher auf Sparflamme würdigte. Nun ja, noch ist Polen nicht verloren.
Und wenn irgendjemand dazu berufen sein konnte, den völkerrechtswidrigen Befehl des Genossen Stalin, dessen totalen Bruch mit sozialen Normen für die Leinwand zu kommentieren, so war es von seiner persönlicher Biographie, seinem Alter und der weltweiten Reputation her, Andrzej Wajda. „Der Mann aus Eisen“ (1981), Großmeister der polnischen Nachkriegschronik, geachtet und vielfach geehrt, steht zu Recht unter künstlerischem Artenschutz.

Heißt freilich ebenso, dass der 83-jährige Regisseur den Zenit seines eindrucksvollen Schaffens längst überschritten hat und „Katyn“ definitiv nicht zu jenem kraftvollen Alterswerk wurde, das man erhoffte – vielleicht liegt dafür Wajdas eigene Messlatte auch viel zu hoch.
Eine indiskutable Leistung ist dieser Film über das vom großen Menschheitsbeglücker aus Moskau angeordnete Inferno deshalb beileibe nicht. Während der letzten zwanzig Minuten des gut zweistündigen Tötungsreports zeigt Wajda noch einmal die gewohnte Form. Insgesamt jedoch dominiert bei „Katyn“ der Zwiespalt. Die Einzelschicksale aus dem zivilen Bereich etwa wirken gegenüber dem quasi-militärischen Komplex befremdlich isoliert und hängen zudem an sentimentalen Strippen; ein privater Überhang, der Wajdas Biographie geschuldet sein mag, weil sein Vater zu den Opfern der Vernichtungswelle gehörte.
Am 13. April 1943 entdeckte man in den Wäldern von Katyn Massengräber von mehr als 22 000 gewaltsam zu Tode gekommenen Männern. Es waren Gefangene der Roten Armee, nach Sprachregelung des Politbüros der KPdSU „Nationalisten und konterrevolutionäre Aktivisten“ – Offiziere, Soldaten der polnischen Armee, der Polizei sowie Intellektuelle. Auf Weisung des russischen Machthabers wurden sie im Frühjahr 1940 allesamt exekutiert. Ursprünglich waren sogar 25 700 Todgeweihte erfasst. Diese beispiellose Säuberungsaktion lastete der Kreml - zunächst durchaus erfolgreich - der deutschen Wehrmacht an. Hitler drehte später den propagandistischen Spieß um. Inzwischen geben die Expertisen keine Rätsel mehr auf; es war eine der wenigen Rosstäuschereien, an denen unser Mann aus Braunau schlechten falls indirekt teilhatte. Denn erst die Unterzeichnung des Nichtangriffspaktes zwischen den beiden Gröfazen bereitete den Boden für „eine der großen politischen Intrigen des 20. Jahrhunderts“ (Franz Kadell). Eine historisch heute nicht mehr zu leugnende Tatsache, eine Tragödie ohnegleichen.
Es ist verdienstvoll, die vier Dekaden lang unterdrückte Wahrheit über das monströse Staatsverbrechen zu thematisieren (wobei man in Wajdas Heimat deutlich emotionaler reagieren wird).

Sehr schade allerdings, dass der Verzicht auf ein Mehr an politischen Hintergründen nur das Gefühlskorsett stärkt, statt der grausam-heimtückischen Leitlinie der Sowjet-Repräsentanten analytisch nachzuspüren. Schade vor allem, dass die entsprechenden Quellen nicht zur Verfügung standen, als „Der Mann aus Marmor“ (1977) noch den Biss der frühen Jahre vom Baum des Lebens hatte.
Bewertung
60%

© 2012 Martin Graetz
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