Die offene Wunde
| Titel | Storm |
| Filmbewertung vom | 08.09.2009 |
| Redakteur | Martin Graetz
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Film Bewertung Nur die Auflösung der „Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien, Slowenien, Kroatien und Mazedonien“ ist wirklich unstrittig. Die übrigen Weiterungen des daraufhin folgenden Balkanbrandes ermöglichen – je nach Interessenlage - dehnbare Interpretationen. Zur bekannten B. Brecht-These, nach der „von den neuen Antennen die alten Dummheiten kommen,“ gesellte sich Brisantes durch den mittlerweile ergrauten Peter Handke. Der österreichische Literat forderte in seinem gleichnamigen Buch „Gerechtigkeit für Serbien.“ Dafür kassierte er verbal eine Menge Prügel; den westlichen Militäreinsatz als „Nato-Angriffskrieg gegen Jugoslawien“ zu geißeln, kam vorher und nachher keiner Körperschaft oder einer in politischer Verantwortung stehenden Einzelperson in den Sinn. Andrerseits konnte die Staatsanwaltschaft des völkerrechtlich legitimierten Gerichtshofs in Den Haag dem ehemaligen Präsidenten Slobodan Milo?sevi?c trotz einer 600 000 Seiten starken Dokumentation keine ihm zur Last gelegte Einflussnahme auf den Ablauf ethnischer Säuberungen nachweisen. Die lange halbherzig-dilettantisch geführten Versuche des Tribunals (bzw. der serbischen Behörden), Radovan Karadzic` und seines Vasallen Ratko Mladic` habhaft zu werden, stellen ebenfalls ein Glaubwürdigkeitsproblem staatlich beauftragter Spurensucher dar und beeinträchtigten so generell die Wahrheitsfindung. An psychologischen Ungereimtheiten mangelte es während und nach dem blutigen Bürgerkrieg weiß Gott nicht. Gut möglich, dass Handke, der „Reisende in Sachen Wahrheit“ (Berliner Zeitung) von der Flut des Grauens (ganz nahe seiner Heimatstadt) übermannt wurde und sich zwanghaft zurück ins Leben schreiben musste. Der erste Schein trügt oft, das weiß jeder Kinogänger. Unsere „gesicherten Erkenntnisse“ beruhen überwiegend auf Medienberichten, die ihre Glaubwürdigkeit manchmal schneller einbüßen, als der nächste Schuss. Besondere Skepsis gegenüber Meldungen aus dem Hexenkessel des Vielvölkerstaates dürfte bei Tag und Nacht geboten sein. Zumal vermehrt westliche Interessen hineinspielen.
Natürlich macht die belastete Seite von solcherart Verunsicherung erfolgreich Gebrauch. Keineswegs zufällig und keineswegs einmalig wurde die ehemalige Chefanklägerin Del Ponte in ihrem Eifer ausgebremst, die großen Fische zu fangen. Aber wenigstens gingen ihr einige der außer Kontrolle geratenen Folterknechte und Killermaschinen ins Netz. Was Wunder – die mittleren und unteren Befehlsstrukturen sind stets besser durchschaubar, der Widerstand schneller gebrochen, das Versteckspiel schneller beendet. Wie sich der aktuelle Amtsinhaber - „Großoffizier des Kronenordens“ (von Belgien), Serge Brammertz – bei der Hatz auf die zwei letzten Flüchtigen schlägt, ist dagegen von nachlassender Bedeutung. Ohnehin soll gemäß der „Abschluss-Strategie“ des UN-Sicherheitsrates das ICTY seine reguläre Arbeit bis Ende 2010 abgeschlossen haben; der mörderische Nachwuchs aller Herren Länder steht schon Schlange.
Mitten im schönsten Finanzschlamassel wagt sich ein deutscher Filmregisseur auf dieses sowohl politisch, als auch künstlerisch brisante Terrain, während beiderseits der Rollbahn sagenhafte Hohlkörper vom Format „Wickie und die starken Männer“ um Kundschaft buhlen Keine Frage, wer hier den wirtschaftlich stärkeren Sturm entfesseln wird. Aber was soll`s. Hans-Christian Schmidts Film wirkt kolossal nach. Der Regisseur, zu beachtlichem Renommee gekommen durch „23“ (1998) und „Crazy“ (2000), beweist mit diesem Requiem auf rechtsstaatliche Institutionen, dass noch beträchtlich Hopfen und Malz im bundesdeutschen Kreativkessel ist. Schmid entwirft in der deutsch-dänisch-holländischen Koproduktion das fiktive Panorama eines auf ökonomische Effizienz gebürsteten Justizapparats, bei dem kernige Merksätze („kein Frieden ohne Gerechtigkeit, keine Gerechtigkeit ohne Wahrheit“) nicht vor moralischem Offenbarungseid schützen. Und der obendrein (wirklich) zeitlich limitiert ist.
Hannah Maynard (Kerry Fox), Anklägerin am Kriegsverbrechertribunal, führt einen Prozess gegen Goran Duric, einen ehemaligen Befehlshaber der jugoslawischen Volksarmee.
Ihm wird vorgeworfen, für die Deportation und die spätere Ermordung bosnisch-muslimischer Zivilisten verantwortlich zu sein. Der Film zeigt das Spannungsfeld auf, in dem Maynards Integrität mit „der Biegsamkeit der Wahrheit“ konfrontiert wird, in dem sie schließlich mittels ihrer unbestechlichen und unnachgiebigen Auffassung von Pflichterfüllung ins Außenseitertum getrieben wird.
Bereits auf der diesjährigen Berlinale erntete Hans-Christian Schmid viel Bewunderung für sein engagiertes Polit-Drama. Der Autor gesteht, selten solch offiziöses Lob aus Überzeugung geteilt zu haben. Hier ist es aber gewissermaßen Ereignis. Da bleibt selbst für relativierende Spitzen wenig Angriffsfläche. Schmids internationales Debüt, äußerst dicht inszeniert, getragen von der absolut überzeugenden Kerry Fox aus Neuseeland („Intimacy,“ 2001) braucht keine 3D-Brille, um zu fesseln – obwohl ein dreidimensionaler Rundblick über Köln-Kalk (wo die Gerichtsszenen entstanden) bestimmt seinen Reiz gehabt hätte.
Bewertung
80%
© 2012 Martin Graetz
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