Die aus der Armut kam
| Titel | Coco Chanel - Der Beginn einer Leidenschaft |
| Filmbewertung vom | 11.08.2009 |
| Redakteur | Martin Graetz
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Film Bewertung Der Frau glückte die Emanzipation de luxe, wenngleich eher unbewusst. Ohne die von ihr neu erdachte Kleiderordnung würde Madonna vielleicht noch heute im Burka-Dress strippen. Die uneheliche Waise aus der südfranzösischen Provinz – ein Fashion-Traum. Coco Chanel revolutionierte das äußere Bild der Weiblichkeit und hat sich damit mindestens einen Hauch Unsterblichkeit erarbeitet. Sie stellte über Jahrzehnte die letztgültige Instanz bei der Festlegung und Durchsetzung modischer Normen dar. Die ehemalige Näherin hielt während ihrer goldenen Ära 4000 Menschen in Brot. Sie baute ihr Label zur unanfechtbaren Institution des von ihr selbst kreierten Modegeschmacks aus. Sie galt der Grande Nation gleichsam als gesellschaftliche Sonne, deren Abglanz die internationalen Spitzen aus Politik (Premier Winston Churchill) und Kultur (Jean Cocteau, Igor Strawinsky, Pablo Picasso, Colette oder Romy Schneider) wärmte. Nach Kriegsende bekam die Karriere des Haute Couture-Zugpferds freilich wegen Fremdelns mit dem Erzfeind unschöne Dellen. Einst aus den Niederungen bürgerlicher Hackordnung zum Liebling der Götter emporgestiegen, bekam Madame Chanel nun ernsthaft Probleme, weil sie zu offenherzig mit der politischen Mode ging. Der hässliche Ruf einer Kollaborateurin zwang sie erst in Haft und später ins Schweizer Exil. Angesichts der exorbitanten Partnerwahl durchaus plausibel. Das Tête-à-tête zwischen einem germanischen Mannsbild und der Grand Dame des gehobenen Geschmacks soll jedes Maß koketter Vertraulichkeit gesprengt haben. Man teilte die Bettstatt und studierte offenbar nebenher die Schnittmuster von Krieg und Frieden – sehr delikat, aber eben auch ein Klassiker der Naivität.
Jedenfalls schmiedete Gabrielle (so der eigentliche Vorname) Coco Chanel und ihr Boyfriend von jenseits des Rheins (Hans Günther von Dincklage, seines Zeichens immerhin „Sonderbeauftragter des Reichspropagandaministeriums“) den verwegenen Plan, Weltkrieg II mal eben durch Geheimverhandlungen (Operation „Modellhut“) mit dem englischen Premier Churchill kurzfristig zu beenden.
Bekanntlich war die deutsch-französische Privatinitiative keine Krönungsmesse wert; Churchill passte (offiziell) wegen einer Lungenentzündung, der Weltenbrand musste ohne Coco gelöscht werden. Die kurzlebige Liaison bescherte ihr lange Jahre luxuriöser Ungnade. Erst Anfang der 1950ger setzte sie „die Kunst, Chanel zu sein“ (so der Titel von Paul Morands Aufzeichnungen über die Erfinderin des „kleinen Schwarzen“) fort. Nach dem Ableben der Mode-Queen (am 10.01.1971) wurde das Imperium ökonomisch angezählt, schlug dann allerdings mit Karl dem Großen (Lagerfeld) als eingesetztem Thronerben erfolgreich zurück. Der Mythos ist einfach nicht totzukriegen. Der 100. Geburtstag des Stammhauses steht an und damit der Mythos wieder mal in voller Blüte. Zu dem Revival trägt leider auch der aktuelle Film von Anne Fontaine („Das Mädchen aus Monaco,“ 2008) sein künstlerisches Scherflein bei. Dieses Glied in der medialen Verwertungskette ist einigermaßen schwach. In ihm werden keinerlei besondere Kennzeichen oder Irritationen der zweifellos interessanten Persönlichkeit Chanels sichtbar. Hier ist die Modeschöpferin ausschließlich guter Mensch, hier darf sie korsettfrei und langweilig sein. Wenn es damit wenigstens sein schönfärberisches Bewenden hätte! Dass „der Beginn einer Leidenschaft“ mit erotisch-heißer Nadel gestrickt sein würde, kann bei solcher Wortwahl nicht überraschen. Wohl aber, dass sich die Kombination Mode, Männer und Moneten so trostlos langweilig darstellen lässt. Und dass Regisseurin Anne Fontaine dem widersprüchlichen Charakter ihrer Protagonistin (gleichmütig runtergespielt von Audrey Tautou) nur eine bleierne Zeit belangloser Beziehungen abgewinnt, grenzt schon an Arbeitsverweigerung. Mehrere Liebhaber später bleibt immer noch nebulös, welche Eigenschaften und Umstände die junge Näherin aus der südfranzösischen Provinz zu Höhenflügen mit Weltgeltung befähigt haben mögen. Ihre Herkunft war es im Zweifel wohl nicht.
Für Zuschauer, die mit Jersey, Tweed oder Sweatern nicht vertraut sind, erschließt sich nicht einmal das spezielle Metier, von dem hier die Rede ist. Coco Chanel erschien dem Literaten Paul Morand als „Würgeengel der Jahrhundertwende,“ gar als Anarchistin, deren „tiefer Drang zur Zerstörung und Neuanfang“ sie in die Couture geführt habe. In beruflicher Hinsicht war sie sicher ein knochentrockner Solitär („Ich habe nicht die Kleider geliebt, sondern die Arbeit“). Privat war sie sich selbst genug („Mein Leben, das ist die Geschichte der allein stehenden Frau......ohne all dies werde ich weiterleben und arbeiten: allein auf mich gestellt“). Die filmische Interpretation des Vorbilds erinnert leider nicht an jene Persönlichkeit von unvergleichlichem Format, die anlässlich der Präsentation ihrer Frühjahr- und Sommer-Kollektion 1969 selbstbewusst ausrief: „Ich bin die erste Frau des neuen Jahrhunderts,“ sondern an gepanschten Wein. Wer über den 1883 geborenen Menschen Gabrielle Bonheur Chanel mehr erfahren möchte, sollte entsprechende Lektüre bevorzugen; im Kino ist er schlecht beraten. Hinzu kommt übrigens ein ganz bestimmter Duft. Das aktuelle Chanel Nr. 5-Topmodel ist – bitte dreimal raten: Audrey Tautou.
Es war einmal ein willenstarkes Waisenkind. Und wenn es nicht gestorben wäre, würde es sich vielleicht gegen diese Form der Huldigung verwahren.
Bewertung
20%
© 2012 Martin Graetz
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