Che - Guerrilla - Redaktionelle Kommentare Film

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Die große Illusion

TitelChe - Guerrilla
Filmbewertung vom21.07.2009
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
Che - GuerrillaFilm Bewertung
Genug war nicht genug für den frischgebackenen Comandante. Nachdem Ernesto Rafael „Che“ Guevara de la Serna maßgeblich dazu beigetragen hatte, Diktator Fulgenico Batista aus dem Inselparadies Fidel Castros zu vertreiben, muss sein Rebellenherz in ein mentales Loch gefallen sein (dem er offenbar auch als nachmaliger Leiter der Nationalbank Kubas bzw. als dessen Industrieminister nicht entkam). Mochte sich der Amerika-kritische Zeitgeist an den Idealen des lungenkranken Weltverbesserers gesundstoßen, er selbst fühlte sich weiterhin zur maximalen Markentreue - dem „Neuen Menschen“ - verpflichtet. Vaterland oder Tod, andere Optionen waren nicht verhandelbar. Ganz oder gar nicht. Also legte er die ihm vom Màximo Lìder übertragenen Ämter alsbald nieder und sprang erneut für das Lumpenproletariat in die Bresche – diesmal in einem fremden Land, unter gesundheitlich prekären Voraussetzungen und nicht zuletzt gegen die innere Bereitschaft jener, denen das Fanal der Hoffnung zuvorderst galt: der bolivianischen Landbevölkerung. Nur, die zog bekanntlich in keiner Phase mit, um über den von Che aufopferungsvoll geführten Guerillakampfes die eigene Knechtschaft abzuschütteln. Offenbar sehenden Auges nahm der gebürtige Argentinier hin, dass sein Lebenslicht bereits an beiden Enden brannte. 80 Jahre alt werden (was er anno 2009 geschafft hätte) und noch ein bisschen weise sein - für ihn wohl ein gelebten Widerspruch in sich. Warum aber sein strategisches Genie ausgerechnet während der Neuauflage umstürzlerischer Aktivitäten so eklatant versagte, gibt noch immer Rätsel auf. Denn die Risiken der geplanten Operation lagen auf der Hand. Die überlieferte Einschätzung Castros zum ideologischen Exportmodell durch seinen Kampfgenossen war eindeutig; dem kubanischen Staatschef erschien das Vorgehen angesichts der ungefestigten Entwicklung im eigenen Land verfrüht. Che hätte gewarnt sein müssen. Unverdrossen forcierte er dennoch die Losung, weltweit möglichst „zwei, drei, viele Vietnams“ zu schaffen.
Dabei konnte das charismatische Alphatier eigentlich schon seine bolivianische Karte nur noch als politisches Himmelfahrtskommando begriffen haben. Ahnte er, seine Pläne in den Fußstapfen des bolivianischen Freiheitshelden Simon Bolivar versinken zu sehen? Ob „uns (von ihm) bleibt, was gut war und klar war,“ ist jedenfalls historisch umstritten. Sein Charakterbild schwankt ja inzwischen bedenklich. Geschichts- und Geschichtenschreiber folgen längst nicht mehr unwidersprochen Wolf Biermanns euphorischer Wahrnehmung, „dass man bei dir immer durchsah.“ Wie es sein pragmatischer Förderer tatsächlich mit ihm hielt, bleibt ebenfalls Spekulation. Ohne Zweifel aber stellt die ungeheure Strahlkraft des einstigen Kampfgefährten für Fidels Regime den bis heute größten anzunehmenden Imagegewinn dar. Dessen absehbares Fiasko beim militärischen Rumble in the Jungle dürfte für Lateinamerika durchaus noch politischen Sprengstoff bergen. Hierzulande freilich hat die Posterikone ihr revolutionäres Pulver restlos verschossen.
Meist beschränkt sich der Stellenwert von „Christus mit der Knarre“ (W. Biermann) auf kommerzielle Chiffren, obgleich es im grenzenlosen Freizeitpark nicht an Versuchen fehlte, den bekanntesten Freiheitsapostels unter der Sonne hell erstrahlen zu lassen. Oft stießen die medialen Schatzsucher nur auf Opa Hoppenstedt. Zeigte man den rigorosen Anti-Kapitalisten in seinem revolutionären Element, wurde höchstens der groteske Rahm abgeschöpft. So etwa bei der Fox-Version von 1968 (Regie: Richard Fleischer). Omar Sharif verkörperte darin den Titelhelden wie einen unter Speed stehenden Dr. Schiwago. Jack Palance - der damalige Schurke vom Dienst – spielte (genauer: grimassierte) Fidel, dass die angeklebte Pappnase zitterte. Ein differenziertes Porträt des militanten Idealisten war also überfällig.
Da machte sich auf, Steven Soderbergh („Erin Brockovich,“ 2000) aus dem gelobten Atlanta, das Wesen des Polit-Idols via Hollywood nachzubessern. Mit dem ersten Teil der Helden-Saga überzeugte er die Kritik vollauf. Dennoch hielt sich der Publikumszuspruch in Grenzen. Dabei ließ sich der bedingt stille Teilhaber des kubanischen Abenteuers hier noch als Siegertyp präsentieren. Nun aber, acht reale Jahre später in Ches bewegter Biographie, zelebriert das Revolutionsepos das tragische Scheitern an widrigen Umständen, an den Compa`neros, an der CIA, an Verrat und an sich selbst. Das verlustreiche Schicksal in GUERILLA könnte den Schutzheiligen aller Gedemütigten jetzt auch an der Kinokasse ereilen.

Der nahe liegende Schluss: Che Guevara und seine praktisch angewandten Theorien vom entbehrungsreichen Kreuzzug gegen die Unterdrückung sind für uns Mitteleuropäer kaum mehr der Rede wert, selbst wenn sie gelegentlich und unter speziellen Bedingungen Erfolg haben. Es sind Auslaufmodelle, über Jahrzehnte stark lädiert von der vielen Parteien Gunst und Hass, geliebt ausschließlich von Romantikern. Ihnen kommt es natürlich vor allem auf den Mythos Che an, den „beispielhaften Menschen,“ gegenüber dem man „eine Verpflichtung für seine Werte, seine Ideen, seinen Kampf, sein Erbe“ habe – ja, warum auch nicht?
Schade um das menschliche Kolossalgemälde. Denn mit der Fortsetzung seiner Che-Pastorale gewinnt Soderberghs Gesamtschau einerseits an Kontur, auch wenn sich die Motivation des Protagonisten (zusammen mit einer Handvoll Getreuer das Heil ausgerechnet im Andenstaat zu reloaden) bis zum bitteren Ende einer klaren Deutung entzieht. Andrerseits sieht Benicio Del Toro als Rächer der Enterbten alt aus, weil nicht einmal seine Ausnahmeleistung dem permanenten Märtyrer-Pathos standhält. Das emotional freizügig ausgestattete „Revoluciòn“- Szenario von feiernden Massen weicht der Götterdämmerung in Schlamm und Morast, in Hunger, Krankheit und Tod. Die naturgemäß spröder angelegte Verlängerung politischer Revolte lässt den Zuschauer ordentlich mitleiden. Was man bei dem nachempfundenen Gewaltmarsch gegen die Allmacht des Kapitals und der Ignoranz auf Seiten der Opfer wirklich vermisst, sind flankierende Fakten. So bezieht sich Soderbergh auf Ches „bolivianisches Tagebuch.“ Das aber konnte zum Beispiel während dieses Zeitfensters und mitten im Hochland-Scharmützel vom verhängnisvollen Zusammenspiel zwischen der Landesregierung und amerikanischen Militärberatern noch kaum Genaues enthalten. Einfluss und Verantwortung von außen zählte jedoch zu den vernichtenden Mosaiksteinen der geheimen Mission. Viel einschneidender jedenfalls, als Ches Bekenntnis, den „größten Fehler selbst gemacht“ zu haben, „als ich meine Medikamente liegen ließ.“ Für ein generationenübergreifendes Publikum hätte man vielleicht stärker charakteristische Merkmale und weniger bekannte Details der gescheiterten Kampagne betonen sollen.

Fazit
Trotz offenkundiger Schwächen wäre dem Film Erfolg zu gönnen. Die treibende Kraft hinter dem künstlerischen Großeinsatz (Benicio Del Toro, zusätzlich als Produzent) hat ihn bereits – im Gegensatz zum historischen Vorbild, dem die Utopie wortwörtlich den Atem nahm.
In Havannas Straßen rufen die jungen Pioniere: „Seremos como el Che“ – seien wir wie Che. Ob sie damit dessen große Illusion meinen?

Bewertung
80%

© 2012 Martin Graetz
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