Che - Revolucion - Redaktionelle Kommentare Film

(0 Bewertungen)

Der ewige Mythos

TitelChe - Revolucion
Filmbewertung vom09.06.2009
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
Che - RevolucionFilm Bewertung
Kein Superlativ vermochte dem real existierenden Arzt, Politiker, Militärtheoretiker und Guerillaführer in seiner Einzigartigkeit gerecht zu werden. Überlebensgroß waren die ihm zugeschriebenen Attribute. Viele davon wären dem zeitweiligen Weggefährten Fidel Castros wohl selbst nicht mehr geheuer, zumal sich seine quasireligiöse Überhöhung längst in Poster-Posen erschöpft. Für die militanten Thesen seiner global ausgerichteten Visionen ist die Halbwertzeit schon seit Jahrzehnten abgelaufen. Während der revolutionären rush our in den 60ern zog Ernesto Guevara de la Serna die Jugend der Welt tatsächlich in seinen Bann - der charismatische Guerillero rockte den Kennedy. Im offiziellen Kuba wird „Che“ freilich noch immer planwirtschaftlich als Volksheld vergöttert. Das „Time Magazine“ rechnet ihn gar zu den 100 einflussreichsten Menschen des 20. Jahrhunderts. Alberto Kordas Schwarzweiß-Aufnahme (anlässlich einer Trauerfeier 1960 für getötete Gesinnungsgenossen bei einer Schiffsexplosion) gilt als berühmtestes fotografisches Abbild eines Menschen überhaupt und machte aus dem Symbol der 68er-Bewegung eine Dauerikone der Pop-Kultur - kommerziell nach wie vor ergiebig.
So darf denn nicht allein nostalgische Sehnsucht nach politischen Utopien als Triebfeder für den cineastischen Doppel-Whopper unterstellt werden, obschon Regisseur Steven Soderbergh („Traffic,“ 2000) mit der Intention ans Werk ging, „die geistigen und physischen Herausforderungen detailliert zu betrachten, welche nun mal Grundlagen der beiden revolutionären Kampagnen waren.“ Auf die charakterliche Ambivalenz seines Helden geht er dabei freilich nicht nennenswert ein. Im Brennpunkt steht vielmehr das ideologische Alphatier auf dem Kriegspfad. An dessen komplexem Wesen sollte eigentlich mal die westliche Hemisphäre genesen. Nun, sein Scheitern im Drillich tat`s auch und für die linke Glaubenrichtung war dies erst recht legendentauglich.

Dass El Commandante auch sehr dunkle Seiten auslebte, die nicht so ganz mit jenen Idealen in Einklang zu bringen waren, aus denen eine verzweifelte Bevölkerung Hoffnung und Stärke schöpfte „und die sich nur durch eine Kugel aufhalten ließen,“ konnte oder wollte man seinerzeit nicht so genau wissen. Das moralische Idol der Außerparlamentarischen Opposition versuchte seinen Anspruch an den „Neuen Menschen“ durchaus brachial zu erzwingen. Geschichtswissenschaftler lasteten dem „romantischen Helden“ bereits zu Lebzeiten unter anderem politische Unterdrückung und die Exekution zahlreicher Gegner im nachrevolutionären Kuba an. Von einer ansonsten akribisch geführten Chronik darf man erwarten, dass sie bezeichnende und folgenreiche Denkmuster ihres Protagonisten offen ausstellt, soll nicht erneut das übliche Klischee vom weltweit anerkannten Polit-Wahrzeichen mit Knarre und Zigarre die Runde machen. Man sollte von Ches verbürgter Bereitschaft erfahren, Atomraketen gen USA abzufeuern (was ihm das sozialistische Lager versagte), von seiner Enttäuschung über den kommunistischen Bruderstaat, der sich während der Kuba-Krise letztendlich für die friedliche Koexistenz mit der westlichen Führungsmacht entschied. Man sollte beiläufig einfließen lassen, wie verdächtig nahe die Leitfigur der rebellierenden Jugend dem Massenmörder Josef Stalin (Hitlers Bruder im Geiste) stand – näher jedenfalls, als sich die klassenkämpferische Schulweisheit träumen lässt. Entgegen dem ausdrücklichen Wunsch seiner Gastgeber legte Che Guevara anlässlich seines Besuchs wegen neuer Kreditvereinbarungen 1960 in Moskau am Grab des Tyrannen Blumen nieder. Für eine ambitionierte Biopic brisant und doch nicht relevant?
Wer den völligen Verzicht auf eine kritische Würdigung des von den Zeitläufen zum Märtyrer verklärten Marxisten toleriert, für den werden die Leiden des kranken Che freilich zur interaktiven Selbsterfahrung. Was der Film nicht zeigt ist bedauerlich. Was er zeigt, ist jedoch stilistisch, bildästhetisch und darstellerisch großes Kino; unbestreitbar „ein tollkühner Stunt“ (Süddeutsche Zeitung). Bei den Lektionen in Sachen Disziplin und Opfermut drückt Che-Mann Benicio Del Toro als asthmageplagter Anwalt der Unterdrückten so ziemlich jeden Knopf menschlicher Gewinn- und Verlustrechnung.

Ob in Rückblenden auf diplomatischem Parkett, dem Auftritt in New York (1964) vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen etwa oder im unübersichtlichen Gelände – jede Etappe der verschiedenen Zeitebenen ist kunstvoll verwoben mit der souveränen Haltung des Ketten rauchenden Che. Seine Annäherung an die patriotische Besessenheit Guevaras, an dessen strategisches Genie während der heißen Phase in der Sierra Maestra 1956 (Teil 1, REVOLUCION - ab11. Juni) und noch intensiver in Tei 2 (GUERRILLA – ab 23. Juli), wo der 1966 auf gesellschaftliche Umwälzungen hinarbeitende Ex-Industrie- und Handelsminister einer Zuckerrohr bewachsenen Karibikinsel weidwund im bolivianischen Dschungel von wenigen Getreuen gestützt, schließlich vom einheimischen Militär gestellt wird, ist gespenstisch gut gespielt. Womöglich kann diese Interpretation als ultimatives Porträt des gebürtigen Argentiniers gelten.
Hierbei beweist das Tandem Soderbergh/Del Toro in doppelter Hinsicht Steher-Qualitäten. Del Toro, der mutmaßlich Beste für diesen Erlöserjob, betätigte sich bei diesem Projekt zusätzlich als Produzent.
Es bedurfte wohl auch eines künstlerisch wie finanziell belastbaren Aufgebots, um den Mythos Ernesto „Che“ Guevara stilecht und durch eine eigens dafür entwickelte Kameratechnik zu konservieren. Del Toros Vorbild war - körperlich betrachtet – nicht eben ein Mann aus Eisen, obschon überzeugt, sieben Leben zu haben. Ein lässlicher Irrtum für sein Alter, im Vergleich zur Illusion, dass sich bolivianische Bauern von seinen politischen Vorstellungen über Volksaufstände inspirieren ließen. Stattdessen ging das Synonym für Widerstand und Emanzipation an elendem Verrat zugrunde. Dennoch oder wohl gerade deshalb entfaltete Ches zweite, unvollendete Revolution ihren posthumen Charme. Selten wurde ein Symbol gefühlsechter auf die Leinwand gebracht. Nicht einmal die Mitwirkung von Franka Potente (als Tamara „Tanja“ Bunke) kann dem Monument etwas anhaben.

Fazit
Wer lieber die unrühmliche Seite der verfilmten Revolutionssaga „Vaterland oder Tod“ kennen lernen will, übt sich besser in endloser Geduld. Zwischenzeitlich sorgt der Terminator für Erlösung oder die Spekulation, wie schnell der fünffache Vater Che Guevara im Erfolgsfall die soziale Unschuld verloren hätte und ob es nicht generell genügt, Ernestos Glorienschein zu streicheln.
Aber das ist nur ein Vorschlag.

Bewertung
100%

© 2012 Martin Graetz
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spam-Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können

 

Film-Rezensionen

Lourdes von Martin Graetz
Martin Graetz

Wer’s glaubt und mit Eifer zum wirtschaftlichen Selbsterhalt von Mutter Kirche beiträgt, kann sich dem katholischen Himmel eigentlich recht nahe wähnen – es sei denn, er musste als ... [mehr]

Henri 4 von Martin Graetz
Martin Graetz

Wir sind dann mal jeck, muss Regina Zieglers Devise gewesen sein, als sie Patrice Chêreaus vielfach ausgezeichnete Hugenotten-Schlachtplatte „Bartholomäusnacht“ (1994) nachzuahmen ... [mehr]

Das Kabinett des Dr. Parnassus von Martin Graetz
Martin Graetz

Schon der Titel deutet an, dass die phantastische Handlungsreise des ehemaligen Monty Python-Frontmannes Gilliam in Stilrichtung „Caligari“ zielt; zu einem jener wegweisenden Klassiker ... [mehr]


DVD-Neuheiten


Das Orangenmädchen DVD
Das Orangenmädchen
30.07.2010
Single Edition
Sickpigs DVD
Sickpigs
29.06.2010
Single Edition
Das Urteil - Jeder ist käuflich DVD
Das Urteil - Jeder ist käuflich
25.06.2010
Single Edition
Gigante DVD
Gigante
18.06.2010
Single Edition
(traum)job gesucht DVD
(traum)job gesucht
11.06.2010
Single Edition

Filmtipps der Redaktion


Micmacs - Der große Coup der kleinen Leute Filmtipp
Micmacs - Der große Coup der kleinen Leute
Crazy Heart Filmtipp
Crazy Heart
Männer die auf Ziegen starren Filmtipp
Männer die auf Ziegen starren
U2 3D Filmtipp
U2 3D
A Serious Man Filmtipp
A Serious Man

Weitere Filmtipps der Redaktion



Kinotraum-Newsletter

Immer besser informiert sein: Bestellen Sie den kostenlosen Kinotraum®-Newsletter!
Name:
Email:


Kinotraum-Newsletter bestellen
Powered By PageCache
Generated in 1.27123 Seconds