Die Chemie des Todes
| Titel | The Limits of Control |
| Filmbewertung vom | 26.05.2009 |
| Redakteur | Martin Graetz
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Film Bewertung Die Arbeiten des in der Wolle gefärbten Independent-Kings Jim Jarmusch sind durchweg von gebremster Erzählweise. Manch namhafter Rezensent - wie Roger Ebert von der Chicago Sun-Times – ließ seinerzeit nicht einmal den großartigen DEAD MAN (mit Johnny Depp) gelten. Zu „langsam, fremdartig und keinesfalls lohnend“ befand der Fachjournalist. Nun, manchmal spinnen die Amis eben. Keinesfalls lohnend ist es, den US-amerikanischen Regisseur, Drehbuchautor, Schauspieler und Filmproduzenten wegen dessen spezifischer Entdeckung der Langsamkeit abzuschreiben. Denn der ehemalige Wenders-Adept lässt mit seiner meditativ entschleunigten Epik immer noch das Gros der Regie-Konkurrenz hinter; selbst seinen deutschen Meister. Selten hatte man bislang das ungute Gefühl, hier drehe sich einer im kreativen Kreis. Für das aktuelle Werk aus Jims Rätselecke gilt dieser Eindruck allerdings ganz und gar nicht. Es ist - bei gutwilliger Auslegung der Veranstaltung - so eingerichtet, dass man eine spezifische Form von Kompromisslosigkeit hineindeuten kann. Daneben aber hebt der Unabhängigkeitsfanatiker offenkundig auf die Belastbarkeit seiner Fans ab („....ich denke überhaupt nie an das Publikum, wenn ich einen Film mache“). In der Summe fasziniert sein zwischen Brecht und Beckett pendelnder Road Trip durch magische Bildfolgen (von Christopher Doyle, dem Wong Kar-Wai- Kameramann). Die „Geschichte“ hingegen setzt sich aus Fragezeichen jenseits der üblichen Kinochiffren zusammen und die fände in Form geraffter Dialoge schon nach drei Minuten ihr mystisches Finale. Mit diesem künstlerischen Sedativum hat der Amerikaner einen bunten Rahmen für filmhistorische Spiegelungen und eine Wim Wenders-Gedächtnisplakette erschaffen – Leerstellen, fast solange der Film dauert (117`).
Es geht um die Überwindung innerer und äußerer Grenzen, um menschliche Kontrollmöglichkeiten, um Solidarität, schließlich um die Idee einer Verschwörung. Ein sehr weites Feld, das Jim Jarmusch zunächst wunderhübsch beharkt.
Man glaubt sich auf gedankliche Tiefe einstellen zu können und nimmt anfangs erfreut zur Kenntnis, dass hier wohl kein geschwätziger August droht. Doch zunehmend gleitet das Experiment Tiefsinn in Richtung Stummfilm-Monotonie ab, der Betrachter kann sich ob solch vorgegaukelter Bedeutungsschwere
kaum fassen. Handlung wird weitgehend durch Imagination ersetzt. Daran ändert auch die zyklisch angewandte Floskel nichts, die Jarmusch seinen obskuren Mittlern in den Mund legt: „Entschuldigung, sprechen sie spanisch?“
Als Metapher „für die Unordnung unserer Sinneswahrnehmungen“ gedacht, schickt er einen (farbigen) Mann in die Welt, dem auf einem europäischen Flughafen Order für ein nicht näher bezeichnetes Vorhaben erteilt wird. Fraglich bleibt, ob hier legale Mittel zum Einsatz kommen. Dafür lässt sich der Fremde ohne Namen (Isaach De Bankolè) von zwei sinistren Typen Köfferchen und einen Satz heißer Schlüssel überreichen. Er scheint alles unter Kontrolle zu haben. Nur verbale Kommunikation ist offenbar seine Sache nicht. Wenig später besteigt er das Flugzeug nach Spanien. Dort trifft er auf mysteriöse Gestalten, die rätselhafte, wohl auch bedeutende Botschaften in Streichholzschachteln für ihn bereithalten. Sind alle Teil einer internationalen Verschwörung?
Sinn und Zweck des meditativen Anti-Thrillers enthüllt sich während der gesamten Veranstaltung nicht. Wir sehen das sich stets wiederholende Ritual, bei dem der moderne Samurai Nachrichten oder Codes austauscht, sie nach Kenntnisnahme verzehrt und zum nächsten Treff in einer anderen Stadt weiterzieht. Das Drehbuch gibt keinerlei Aufschluss über diese Figur und insbesondere ihre Beweggründe. Solch mühselige Kontemplation fördert nicht eben die Verständnisbereitschaft für das spröde Konzept. Der Hauptdarsteller macht als der große Schweiger einen exzellenten Job; er muss im wenig strukturierten Drehbuch einen auf den Kopf gestellten Vertreter des absurden Theaters a la „Warten auf Godot“ hergeben, einen verfremdeten Westernhelden, der die jeweilige Begegnung schweigsam abwickelt. Neben den schier überwältigenden Aufnahmen der spanischen Landschaft hat der Film in seinen Stichwort gebenden Gewährsleuten die stärksten Momente. Ihrem Wesen nach auch sie Schablonen, dennoch überaus präsent.
Wobei Tilda Swinton (der „Fetisch“ des Regisseurs) mit grellweißer Strähnenperücke als Schaumkrone des überambitionierten Vexierspiels gelten kann - ohne den anderen Mitwirkenden, etwa Bill Murray, John Hurt oder Gael Garcìa Bernal, Abbruch tun zu wollen.
Es ist ein schwer durchschaubarer Kosmos, in den sich der gute Jim da hineingeträumt hat. Trotz deutlicher Vorbehalte gegenüber dem Resultat sollte man seiner bizarren Odyssee wünschen, sie möge nicht kampflos im Tarantino-Strudel untergehen. Denn der Mann hat mehr zu bieten, als eine etwas langweilige Version vom Reisenden mit der Chemie des Todes. Hoffen wir, dass die Finanziers für seine Inspirationen ein kleines Konjunkturpäckchen schnüren.
Bewertung
40%
© 2012 Martin Graetz
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