Die Besucherin - Redaktionelle Kommentare Film

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Aus der Tiefe der Gefühlspfütze

TitelDie Besucherin
Filmbewertung vom12.05.2009
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
Die BesucherinFilm Bewertung
Das Glück des Menschen erwächst aus seiner Spekulationsmasse. Inwieweit die sich zu eigenem Nutz und Frommen kneten lässt, ist unter gewöhnlich Sterblichen strittig. Eine systematische Steuerung des hormonellen Ausnahmezustands jedenfalls wäre kaum die wünschenswerte Alternative zum Unglücklichsein. Fest steht: Alle Wege führen nach Rom und viele davon zum Glück. Manchmal klappt`s auch über die „Erforschung des größtmöglichen Abenteuers.“ Aber manch gut gemeintes Beispiel entpuppt sich bei Kinolicht besehen lediglich als größtmögliche Tranigkeit. Der erste Langfilm von Jungregisseurin Lola Randl scheint sämtliche Merkmale des bekannt schwergängigen Unterhaltungsvehikels auf sich vereinen zu wollen. Dabei führt er die Konzept- und Belanglosigkeit zu alten Ufern der gepflegten Langeweile; zur Blütezeit firmierte derlei Gefühlsmief in Deutschland als Problemfilm. Um den Besuch der jungen Dame einigermaßen konzentriert durchzusitzen, empfiehlt sich dringend ein Nickerchen auf Vorrat, weil deren „unaufhaltsame Verwandlung“ an reproduktiv-trister Gestaltungsweise kaum zu toppen ist.

Agnes (Sylvana Krappatsch), verheiratet mit Kriminalschriftsteller Walter, eine Tochter und irgendwie ganzheitlich toll erfolgreich, bemächtigt sich nach und nach der Privatsphäre eines fremden Paares. Der Neurowissenschaftlerin klatscht auf ihrer Fahrt zur Arbeit eine Selbstmörderin vor die Stoßstange - der äußere Anlass für besagte Häutung. Beim tödlichen Fenstersturz einer Unbekannten muss Agnes wohl zufällig die Erweckungstaste gedrückt haben. Denn gleich fällt es der Frau in den besten Jahren wie Schuppen von den Augen: sie steckt mitten im Entfremdungsprozess der Familie und sich selbst gegenüber. Dieser Mut zum grundlosen Unglücklichsein waltet leider für den Rest der uninspirierten Zeitschleife. Die verdammte Seelenpein der Wissenschaftlerin wird auch nicht dadurch gelindert, dass sich der Ehemann aufopfernd um Haushalt und Kind kümmert. Eine familiäre Anordnung, die höchstens durch die neurotische Schwester Karola (Jule Böwe) kurzzeitig in Unordnung kommt.

Die will verreisen und hinterlegt bei der verdutzten Agnes den Schlüssel zur Wohnung entfernt Bekannter, in der während ihrer Abwesenheit die Blumen zu versorgen sind. Nähere Auskünfte über die Räumlichkeit gibt uns die Lola Randl erstmal nicht. Nur dass die ohnehin lethargische Befindlichkeit der Protagonistin vom Blumengießen den Nullpunkt erreicht hat und dort selbst einfach zu Bette geht. Aber noch ist das emotionale Nirwana der Frau ohne Eigenschaften nicht in trockenen Tüchern. Agnes interessiert sich inzwischen mehr für die abwesenden Bewohner, als für das Gewächs. Plötzlich macht Bruno (Andrè Jung) die Tür auf. Der männliche Teil des Ehepaares ist früher zurückgekehrt und legt sich stillschweigend-erwartungsfroh hinter das Frustweib. Warum auch nicht, wo sich doch gerade das Lustvolle mit dem Psychologischen paart? Wenngleich man nicht einmal hinsichtlich der Bildästhetik bei den Intimszenen eine lange Zunge bekommt – im Gegenteil.

Die weibliche Hauptfigur folgt hier einem alten Erfahrungsmuster (auf das sich, bewusst oder unbewusst, schon immer beide Geschlechter versteift haben). Im Schutz der Anonymität liebt es sich körperlich wohl unbeschwerter. Soweit, so reizvoll. Wie es danach weitergeht, ist allerdings die eigentliche Frage. Die beantwortet Debütantin Randl nach bestem Vermögen – eintönig, einfältig. Eine traurige Angelegenheit, die ausschließlich im TV-Nachtprogramm laufen sollte, nicht jedoch auf der Leinwand. Enttäuschend selbst das darstellerisch Gebotene. Wann erklärt den Theatermimen mal einer, dass Film und Bühne nicht identisch sind.

Man möchte wetten, dass nicht viele Zuschauer der verschlafenen Agnes bei ihrer trostlosen „Erforschung des größtmöglichen Abenteuers“ Glück wünschen. Dafür fehlt es ihr einfach an Spekulationsmasse.
Bewertung
20%

© 2012 Martin Graetz
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