Meine Rache ist die Menschlichkeit
| Titel | Das Herz von Jenin |
| Filmbewertung vom | 05.05.2009 |
| Redakteur | Martin Graetz
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Film Bewertung Mit allem hatten die Israelis gerechnet, nur „damit nicht.“ Als im Jahre 2005 aufgrund einer verhängnisvollen Verwechslung der 12-jährige Ahmed Khatib sein junges Leben an der „Pferdekreuzung“ aushaucht, erwartet die Besatzungsmacht aus dem Westjordanland die üblichen Märtyrer-Klagen und Racheschwüre; beides gehört zum rituellen Gefühlshaushalt der ständig erregten Palästinenser. Auch dieser tragische Vorgang wird zunächst von solch feindseligen Wallungen begleitet. Dann aber geschieht etwas die Welt Bewegendes. Ismail Khatib, der Vater des von einem israelischen Scharfschützen in den Kopf getroffenen Jungen findet sich nach Rücksprache mit einem Imam bereit, dessen Organe für die Transplantation jüdischer Kinder freizugeben.
Der Knabe wollte sich für das Ramadanfest eine Krawatte kaufen. Unterwegs traf er auf Freunde, die mit Uzi-Maschinenpistolen aus Plastik Krieg spielten. Zur gleichen Zeit durchkämmte eine Spezialabteilung der israelischen Armee das Pulverfass Jenin nach Terroristen. Möglicherweise erkannte Ahmed den Ernst der Lage nicht, sonst hätte er sich wohl andernorts aufgehalten. Denn im Regelfall erfolgen derartige Razzien nachts, um die Zivilbevölkerung zu schonen. Beim Anblick der Spielzeuggewehre in 300 Meter Entfernung verlor ein Soldat den Durchblick und „wehrte“ sich gegen die vermeintliche Kalaschnikow. Zwei Tage später stellten Ärzte des jüdischen Krankenhauses in Haifa den klinischen Tod Ahmeds fest.
Das tödliche Missverständnis zeitigte wegen der ungewöhnlichen Begleitumstände globale Aufmerksamkeit und wurde zum Ausgangspunkt einer präzedenzlosen Dokumentation. Für uneingeschränktes Lob taugt der als Friedensmanifest konzipierte Film indes nicht. Zu schwer trägt die deutsch/jüdische Gemeinschaftsproduktion an ihren gravierenden Mängeln, als dass sie dem Nahostkonflikt gewichtige Nuancen abgewinnen könnte. Nicht zu Unrecht wirft man der journalistischen Blitzoffensive vor allem massive Parteinahme zugunsten der Araber vor.
Damit entwertet sie in sträflicher Weise ihr erklärtes Anliegen, dem wechselseitigen Verständnis diesseits und jenseits der heiß umstrittenen Grenzen dienen zu wollen.
Wobei es durchaus noch angeht, den ehemaligen Intifada-Kämpfer Khatib zum Leuchtfeuer der Hoffnung zu stilisieren, selbst wenn sein Großmut inzwischen durch die propagandistische Verformung gelitten hat. Bedenklicher ist die konsequente Einäugigkeit der Filmemacher Marcus Vetter (Deutschland) und Leon Geller (Israel). Ihr eigenwilliger Kontext der Geschehnisse lässt manche Frage unbeantwortet. Wenn die geistliche und weltliche Autorität des Flüchtlingslagers Jenin (dem Ismail Khatibs Clan angehört) gleichermaßen den Segen zu der politisch brisanten Organspende erteilt, wüsste man schon gern Näheres über deren Motivation. Grund- und bedingungslos hat Zakaria Zubeidi, Chef der militanten Al-Aksa-Märtyrer-Brigade, die humanistische Geste Khatibs gegenüber jüdischen Kinderpatienten kaum abgenickt. Ob Absicht oder Gedankenlosigkeit - Beduinen kommen in diesem Schicksalsmonopoly generell gut weg, während Israelis auf einen anonymen Besatzerstatus reduziert werden. Ismail Khatib ist fraglos ein medialer Sympathieträger und man glaubt ihm, dass er helfen will, Vorurteile abzubauen. Bis er dann doch noch (unkommentiert von den Filmemachern) erhebliche Zweifel an der vermeintlich hehren Intentionen aufkommen lässt, indem er seinen weithin gewürdigten Samariterdienst als subtile Vergeltungsmaßnahme kenntlich macht und seine Frau gegenüber Pressevertretern sogar offen von Rache faselt: Dein ist mein ganzes Herz - aber bestimmt nicht umsonst. Die beiden Autoren belegen Verwüstungen im Flüchtlingslager Jenin als jüdische Reaktion auf die palästinensischen Terrorakte in Tel Aviv 2002. Dabei kamen 59 Kämpfer um. Dass 29 israelische Soldaten ebenfalls ihren Blutzoll entrichteten, wird schlicht unterschlagen. Gleiches gilt in Bezug auf die offiziellen Beileidsbekundungen von Ministerpräsident Olmert nach dem tödlichen Zwischenfall an der so genannten Pferdekreuzung, der fünf jüdischen Kindern das Leben zurückgab.
Freilich hat auch die andere Seite politische Stilblüten auf der Hand. Und die zeigt das Duo Vetter/Geller sehr ausführlich. Ismail Khatib, mittlerweile Leiter eines 400-köpfigen Jugendzentrums, besucht die ultra-orthodoxe Familie Levinson.
Deren kleine Tochter Menuha kann dank Ahmeds Niere wieder fröhlich spielen. Dennoch gestaltet sich das Aufeinandertreffen der Todfeinde äußerst peinlich und man hält als Zuschauer schon einen Eklat für möglich. Wie groß die Kluft – entgegen der geschönten Beteuerungen bei Kerner und Co. – zwischen ihnen wirklich ist, verdeutlicht Levinsons Anmerkung, Ismail solle doch in die Türkei auswandern; da finde er noch Arbeit. Eine extrem respektlose Empfehlung, die naturgemäß auf eisiges Schweigen traf.
Insgesamt hat man sich bei dem Film auf ein zwiespältiges Erlebnis einzustellen. Wer willens und in der Lage ist, differenziert mit dem Terminus „Rache als Menschlichkeit“ umzugehen, wird sich davon aber nicht beirren lassen.
Bewertung
40%
© 2012 Martin Graetz
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