Phantomschmerz - Redaktionelle Kommentare Film

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Was nützt das Leiden in Gedanken

TitelPhantomschmerz
Filmbewertung vom29.04.2009
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
PhantomschmerzFilm Bewertung
Til Schweiger Superstar. Das Publikum frisst dem „Bastard“ (1997) aus der Hand. Nicht so die Rezensenten. Denen ist seine immense Produktivität überwiegend suspekt. Umgekehrt gehen Kritiker dem Seelenverwandten des Trash - Werkers Dr. Uwe Boll mächtig auf den Zeiger. Weshalb „Der bewegte Mann,“ (1994) ein unterkühltes Verhältnis zur gemeinen Presse pflegt. An seinen „Keinohrhasen“ (2007), kommerziell immerhin ein großer Wurf, durften vorab nur handverlesene Journalisten schnuppern. Nun hat das mutmaßlich verkannte Genie wieder was Selbstgedrehtes im Angebot. Denn hinter der Kamera durfte mit Matthias Emcke ein Debütant von seltener Unbedarftheit Schweigers Konzept bebildern. Bislang vornehmlich in den Staaten als Produzent tätig, hat der „Regisseur“ gerade mal 15 Minuten (Kurz)- Film vorzuweisen. Diese Arbeitsteilung musste das Resultat schmerzlich beinträchtigen. Emcke widmet das Eingemachte seinem Freund, dem kanadischen Radrennfahrer Stephen Summer. Sehr nobel die Geste, sie kommt jedoch keineswegs dem Unterhaltungswert der (fast) wahren Geschichte zugute. Diesmal, so war wohl der gemeinsame Plan, soll es richtig Drama sein. Also muss für die hochspekulative Kunstnummer Tils ganze Schauspielkunst ausgepackt werden. Wenn man nämlich dabei nicht Drama mäßig dreinschaut, dann ist es kein Drama nicht und man ist folglich auch kein Charaktermime nicht.

Oh Boy, weshalb kuriert der Nuschelritter im 1 ½ Format seinen peinlichen Beinstuss nicht bei den Festspielen von Pusemuckel aus? Etwa in der Kategorie „Best off Plattitüden/Stereotypen?“ Dort würde man sein Dramolett nicht von der Netzkante stoßen.

Hier aber endlich Marc Sommer (Til Schweiger), „gut aussehend, extrem sportlich, charmant und gebildet – Frauen fliegen auf ihn,“ tönt der Pressetext.

Ein toller Hecht. Na ja, es gibt ein paar weniger schmeichelhafte Seiten an ihm. Aber die gehen heutzutage durchaus als sozialverträgliche Masche durch (der Gute lebt für den Augenblick, er ist halt ein Lebenskünstler, Verantwortung ist für ihn ein Fremdwort).

Die klitzekleinen Schwächen gleicht der „Glückspilz“ durch mannigfache Amouren und vergessene Unterhaltszahlungen für seine 12-jährige Tochter (Luna Schweiger) locker aus. Das Scheidungskind jedenfalls liebt seinen „verrückten“ Daddy abgöttisch, denn der ist für Sarah kein böser Wicht, sondern ein begnadeter Märchenonkel. Und was macht Kids in unserer kalten Welt mehr an, als so ein hybrider Typ? Wenn der gebildete Frauenschwarm und passionierte Rennradfahrer seine „philosophisch angehauchten“ Dönkes zum Besten gibt, hängt ein Jeglicher an seinen Lippen, auf dass ja keine der geknödelten Pointen verloren gehe; da kennt das Tandem Schweiger/Emcke keine Schmerzgrenze. Und weil der unerschütterliche Optimist ebenfalls mit eigenem Vater aufwarten kann, wird der prompt in das so genannte Drama eingebaut – freilich nur rhetorisch, als reine Behauptung. Wie überhaupt so einiges während der 97 Minuten in Form von Monolog und Dialog gestreut wird, statt emotionale Glanzlichter zu setzen.

Stephen Summer, das reale Vorbild der Story, verlor 2004 nach einem Verkehrsunfall und anschließender Amputation das linke Bein. Zunächst gaben ihm die Ärzte kaum Überlebenschancen. Ja sicher, das Leben ging auch für ihn weiter. Indem er nicht verzweifelte – ach nee. Indem er seine Depression niederkämpfte – so, so. Indem er sich irgendwann mit Hightech-Prothese aufs Rad schwang, den Col du Tourmalet in den Pyrenäen zu bezwingen (nur die Sonne war Zeuge, kein Kamera-Helikopter). Und indem er das Erlebte unter Phantomschmerzen zu Papier brachte. Wozu schließlich beschenkte ihn seine aktuelle Flamme im Krankenhaus mit einem symbolträchtigen Schreibgerät....
Ja, so war das mit dem Marc alias Stephen.

Zur Disposition steht die Herangehensweise an diese persönliche Tragik, die mit keiner Geste, mit keinem Wort unter die Haut geht. Was wirklich erschüttert, ist das künstlerische Drama um die Herren Schweiger und Emcke.
Bewertung
20%

© 2012 Martin Graetz
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