Hilde - Redaktionelle Kommentare Film

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Vom geschenkten Wessel

TitelHilde
Filmbewertung vom10.03.2009
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
HildeFilm Bewertung
Ihr Stern ging schon während des Tausendjährigen Reiches auf. Fast gleichzeitig mit dem eines gewissen Henri Nannen, jenem Stadionsprecher der Berliner Spielothek von 1936, der es bis zum Weiheinterpreten der zweiteiligen Olympia-Sause Leni Riefenstahls brachte. Ihm ging nach dem Zusammenbruch sofort wider ein Licht auf. Eben noch hatte man die Deutschen mit den Vorzügen der Währungsreform (1948) überrascht, da entwickelte der ehrgeizige Blattmacher aus dem dahindümpelnden Jugendmagazin Zick-zack den STERN. Dank Nannens außerordentlichem Riecher für Machbares bekam seine „Wundertüte“ (jedenfalls bis zu den gefälschten Hitler-Tagebüchern) ungeahnte Strahlkraft. Die journalistische Novität war mit ihrer Mischung aus Information und Entertainment wegweisend für den damals ausgetrockneten Zeitungsmarkt. Und auch Hildegard Knefs Karriere wurde durch Sir Henris erste Nummer beflügelt. Den bereits international gehandelten Nachkriegsstar als STERN - Covergirl einzusetzen, dürfte der umtriebige Blattmacher wohl kaum bereut haben. Die Züge von Hildegard Knef brannten sich fortan ins kollektive Bewusstsein der Bundesrepublik ein. Zwar gefährdete sie nie die künstlerische Vormachtstellung Marlene Dietrichs. Aber sie war immerhin keine „Verräterin,“ die Deutschen hielte durchaus Stücke auf die flämischstämmige Ulmerin. Bei ihren Marsch durch die erfolgsabhängigen Institutionen sollte es für sie - trotz der branchenüblichen ups and downs - über Jahrzehnte rote Rosen regnen. Einige ihrer Filme gelten noch immer als Meilensteine anspruchsvoller Unterhaltung, so: „Unter den Brücken,“ (1944) „Die Mörder sind unter uns,“ (1946) „Entscheidung vor Morgengrauen,“ 1951 oder „Schnee am Kilimandscharo,“ 1952. Selbst die skandalträchtige „Sünderin“ von 1950 verzieh man ihr.

Sieben Millionen Zuschauer erteilten dem melodramatischen „Faustschlag ins Gesicht jeder anständigen deutschen Frau“ (wie es in Politiker-Flugblättern hieß) die Absolution; eine Quote, die erst von Manitus Spaßgesellschaft aus den Schuhen kippte.

Am Broadway brillierte sie in dem Cole Porter-Musical „Silk Stockings“ (Seidenstrümpfe). 1952 kürten die Amerikaner Hildegarde Neff (wie sie außerhalb des deutschen Sprachraums genannt wurde) sogar zur Schauspielerin mit dem größten Sex-Appeal - noch vor Marilyn Monroe.

All das sind Glamour-Daten, die ein nachempfundenes Leben auch, aber nicht nur und vor allem nicht mit ausschließlich provinzieller Dürftigkeit auf die Leinwand werfen sollte. Es menschelt gar heftig in HILDE. Der menschliche Faktor indes hat von A (letzte Kriegstage im Volkssturm, extraordinär ausgewalzt) bis Z (Eheanbahnung und rechtschaffenem Zerwürfnis) dramaturgischen Optimierungsbedarf. Das schließt ausdrücklich die Charakterzeichnung durch Heike Makatsch in der Titelrolle ein. Deren Verkörperung lässt wenig vom Phänomen Knef und rein gar nichts von der Faszination einer vielschichtigen Persönlichkeit erahnen. Eher von der beachtlichen Disziplin eines späten VIVA-Girli, die der Versuchung zur Selbstdarstellung nicht widerstand und überflüssigerweise die Gesangstimme erhebt. Warum zum Goldenen Jupiter – mit dem Regisseur Kai Wessel („Mein Bruder, der Idiot,“ 2001) für ein paar Klemperer-Folgen tatsächlich ausgezeichnet wurde – gab der ihr die? Um den Promi-Bonus beim Illustriertenleser einzustreichen?

Was nun die für den Film eingesetzte Kollektion aus der Bild /Ton- Factory Knef angeht – sie ist umfangreicher und interessanter, als der göttlichen Einfalt von HILDE zu entnehmen ist. Hier ist die Rede von der Schauspielerin, Autorin, Chansonsängerin Knef – einem Weltstar, der mit seinesgleichen, mit Henry Miller, mit Ludwig Marcuse oder mit Tennessee Williams Gedankenaustausch pflegte. Der bei der unvergleichlichen Ella Fitzgerald Gehör fand („die größte Sängerin ohne Stimme“). Nicht von der Quersumme aus Deutschland sucht den Superbohlen. Mag DER GESCHENKTE GAUL (1970) angesichts der Krebserkrankung manchmal mit ihr durchgegangen sein – die 136 Minuten seichtester Annäherung an ihre Biographie hat sie nicht verdient. Das Gesamtkunstwerk Hildegard Knef bleibt unerklärt.
Aber auf diesen Einwand kommt es bei der Enttäuschung schon nicht mehr an.
Bewertung
20%

© 2012 Martin Graetz
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