Die böse Schaffnerin
| Titel | Der Vorleser |
| Filmbewertung vom | 24.02.2009 |
| Redakteur | Martin Graetz
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Film Bewertung Tritt näher, du Fan gepflegter Holocaust-Unterhaltung. Der Sympathiebolzen zwischen Publikum und Investoren ist kürzer, als du denkst. Gestern noch auf stolzen Rossen, wird die gleiche Idee morgen schon vom Nazi-Schemel geschossen. Und ist die Kuh erst mal leer gemolken, verendet sie meist durch Ermüdung. Und das ist gut so. Denn der Seriencharakter abgründiger Kreaturen aus deutschen Landen braucht kein Heu mehr. Dass im vorliegenden Fall die Schuld- und Sühne-Thematik wiederum in der Futterkrippe landet, macht die Sache auch nicht gerade koscher. Bei allem Jubel über den berechtigten Oscar-Gewinn für Hauptdarstellerin Kate Winslet, Einspruch Euer Ehren: Zu sehr ist der Star die eigentliche Botschaft, während sich ihr Spielpartner ergänzend über Details gemeinsamer Sexszenen auslässt. Der Po und das Kontra auf der Marketing-Bühne deuten den Schwerpunkt an, unter dem das Hitler-Syndikat mal wieder zur untoten Ader gelassen wurde. Viel problematischer aber ist die Blutarmut, die der Film seiner Vorlage abgewinnt, wie er Glaubwürdigkeit als buchhalterische Größe vorgaukelt und wie er moralische Inkonsistenz verbreitet, als ginge es um nichts weiter. Ende der 50-ger Jahre in einer deutschen Kleinstadt. An einer malerischen Toreinfahrt trifft den 15-jährigen Schüler Michael (David Kross) ein pubertärer Blackout - inklusive Nasenbluten. Da bietet ihm die wesentlich ältere Hanna (Kate Winslet) die rettende Hand und wenig später Mitschlafgelegenheit bei sich. So von Hanna, der reifen Straßenbahnschaffnerin in Obhut genommen, regeneriert sich der Knabe überaus schnell. Nun machen sie`s in Liebe – wenn auch nur einen Sommer lang. Aber nie ohne literarisches Vorspiel. Die Schöne und der Unerfahrene pflegen ein seltsames Ritual. Hanna besteht darauf, von Michael jeweils etwas vorgelesen zu bekommen. Und sei es Schullektüre. Warum? Jedenfalls nicht wegen dessen besonderer Vortragsqualitäten. Auch soll hier kein Bildungshunger im herkömmlichen Sinne gestillt werden.
Die Erklärung schluckt der Zuschauer besser schnell, will er sich nicht am großen Ganzen Nasenbluten holen: Hanna, das intelligent wirkende Klasseweib kann nicht lesen, heißt es. Angesichts ihrer Vergangenheit, die der Film verständlicherweise mehr behauptet als beweist, werden die genannten Zweifel jedenfalls nicht ausgeräumt. Hier haben wir es wohl mit einem Herz aus Eis, mit einer vom Regime auf Mord und Totschlag getrimmten Frau zu tun. Hanna soll der SS, der kriminellsten Vereinigung des Dritten Reiches als Bad Girl hinter der Front gedient haben. Davon erfährt Michael freilich erst lange, nachdem ihre Affäre zu Ende ging und sie sich unter dramatischen Umständen wieder sehen - da nimmt der angehende Jurastudent als Beobachter bei einem Kriegsverbrecher-Prozess teil. Der 1995 verfasste Sensations-Roman Bernhard Schlinks schaffte, was keinem Grass- und keinem Böllwerk vergönnt war: die Nummer 1 eines deutschen Schriftstellers auf der Bestsellerliste für Belletristik in der altehrwürdigen New York Times zu werden. Mit einem ähnlichen Rang innerhalb der Kinolandschaft kann DER VORLESER nicht rechnen. Übers Jahr, wenn wieder OSCAR -Träume schäumen, wird die in Deutschland (Babelsberg, Köln) hergestellte Produktion schon vergessen sein. Aber ganz sicher nicht wegen des Vorwurfs der „Geschichtsfälschung“ oder der „Kulturpornographie“ (der von unterschiedlicher Seite mit der Unterstellung gegenüber dem Buch arbeitet, Schlink vereinfache zu stark und zwinge so zu einer Identifikation mit den eigentlich Schuldigen); das wäre immerhin noch ein belangvoller Abgang gewesen. Nein, Regisseur Stephen Daldry scheiterte am übertriebenen Bemühen, mit dem vielschichtigen Roman ehrfurchtsvoll umzugehen. Ohne eigenes Zutun musste es bei einer Spekulationsblase des Vorlesers bleiben. Mit dieser seiner Weinstein-Nummer kann Daldry im Ernst nicht zufrieden sein. Der Mann, dem wir BILLY ELLIOT und THE HOURS verdanken, kann erwiesenermaßen zaubern. Nur wohl nicht unbedingt auf dem emotionalen Flickenteppich deutscher Vergangenheit. Und wenn die Hollywood-Party over ist, wird er schon merken, wie sehr er sich vom deutschen Selbstmitleid hat becircen lassen. Wie nun ist aber die Oscar-Vergabe an seine Hauptdarstellerin einzuordnen? Da dürfte sich ein altes Hausrezept in Erinnerung gebracht haben.
Die Guten ins Kröpfchen für den merkantilen Muskelaufbau einer verquält bebilderten Story, die Schlechten ins Töpfchen für das gesellschaftsrelevante Bewusstsein; letztlich also ist von einem politischen Sieg über die künstlerische Kreativität zu berichten.
Eine Winslet allein kann kein Match nicht gewinnen.
Bewertung
60%
© 2012 Martin Graetz
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