Der Kommandant und sein Hund
| Titel | Ein Leben für ein Leben - Adam Resurrected |
| Filmbewertung vom | 17.02.2009 |
| Redakteur | Martin Graetz
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Film Bewertung Die Welt ist heute eine Google, in der die (Ende des 19. Jahrhunderts erstmals aufgeworfene) Frage nach dem individuellen Lebenssinn heftig rotiert. Aus dem Nachlass der jüngeren deutschen Geschichte lässt sich freilich ablesen, dass noch unsere Großeltern mit diesem Quantensprung des Bewusstseins einige Probleme hatten. Bei der politischen Willensbildung zu Beginn der 30-ger Jahre etwa geriet der philosophische Ansatz direkt unter die System-Stiefeletten von Hitlers Men in Blech. Wegen solch epochaler Aussetzer legte das Kulturvolk Deutschland die Sinn-Suche überaus bereitwillig zu den Akten und schöpfte erstmal Mut aus einem rational unzugänglichen Verdrängungsbusiness. Denn trotz moderat ausgefallener Prügel für ihr weltumspannendes Horrorprogramm waren die Deutschen ziemlich mitgenommen und für jede Schonung dankbar. Mit der 68-ger Revoluuschen jedoch bekam es das nach alter Gemütlichkeit dürstende Land mit demokratischen Schwellkörpern zu tun, über die sich die voll verkabelten Enkel von Marx und Coca Cola kein Bild mehr machen (wollen). Endlich wurde die jahrzehntelange Sprachlosigkeit über die Nazi-Ära gebrochen. Sicher, der ideologische Amoklauf der ungezählten Dutschkes glich häufig einer Anleitung zum Totlachen. Andrerseits aber drangen so aus der Tiefe dunkelster Vorahnung endlich Dinge ans Licht, für die nicht nur verstockte Piusbrüder vom Glauben an die Faktentreue abzufallen drohten - weil sie zu ungeheuerlich klangen. Wen das Nazi-System als missliebig abstempelte, der konnte im Regelfall alle Hoffnung fahren lassen und nur darauf hoffen, dass ihn der kriminelle Staatendrang schnell auf die eine oder andere Weise in den schützenden Wahnsinn treibt. Was aber durch leiden die Überlebenden der humanistischen Kernschmelze?
Adam Stein (Jeff Goldblum), einst gefeierter Künstler Berliner Varietès, Clown, Entertainer, Magier mit übernatürlichen Fähigkeiten, liebender Ehemann und stolzer Vater zweier Töchter, entkam dem Inferno von Auschwitz. Drei Jahrzehnte später ist er ein Mann ohne Gegenwart, ohne Zukunft - aber immer noch mit beachtlichen Eigenschaften.
Gemeinsam mit anderen Opfern der Totalität wurde er in einem Sanatorium mitten in der Wüste Israels untergebracht. Die Frage nach dem individuellen Lebenssinn stellt sich ihm längst nicht mehr. In einer Welt ohne Gott vermag allein der Wahn Schmerzen zu lindern. Den zelebriert Adam Stein fast methodisch. Er schleicht sich aus der Unterkunft und versteckt sich in einer Pension, wo die Wirtin (Juliane Köhler) prompt seinem Charme erliegt um ihn anschließend zu verraten. Innerhalb der Einrichtung ist Adam der unbestrittene Superstar. Ein fesches Mannsbild, das die Mitinsassen hochleben lassen, in dem manch einer gar den Auserwählten sieht; aberwitzig, bedenkt man dessen eigene Verfasstheit. Reicht es nicht für den Dialog mit Gott, dann für eine animalische Beziehung zu Krankenschwester Gina (Ayelet Zurer) und für Endlosdiskussionen mit dem Leiter des Instituts (Derek Jacobi) oder für einen vorgetäuschten Selbstmord. Adam hält den Laden in Trab. Fast wie in alten Berliner Zeiten. Damals jubelten ihm die Massen zu. Während einer Show rekrutierte er im Publikum einen Freiwilligen (Willem Dafoe). Er sagte dem Mann auf den Kopf zu, dass er sich an diesem Abend habe umbringen wollen. Tatsächlich lag er damit richtig, konnte den Selbstmordkandidaten auch noch aufheitern. Ein Jahrzehnt später bedeuten Uniformierte Adam Stein hinter der Bühne das Ende seiner Karriere; als Jude könne er nicht länger Mitglied der Reichstheaterkammer sein. Vor seinen Augen wird der Bär, fester Bestandteil seines Programms, erschossen; für Adam der Beginn einer Reise ins Herz der absoluten Finsternis. 1944 kommt es zu einer Wiederbegegnung mit dem Todeswilligen von einst. Jener Herr Klein avancierte inzwischen trotz desolater Psyche zum SS-Untersturmführer mit unvermeidlichem Schäferhund. In dieser Funktion empfängt er nun Transporte, die „seinem“ Konzentrationslager zugeführt werden. Im Pulk der Verlorenen entdeckt Klein den Mann, dem er seine unwürdige Existenz verdankt. Jetzt durchlebt Adam den Irrwitz als Normalzustand. Auf Geheiß von Klein muss er auf allen Vieren gehen, mit Rex den Futternapf teilen, diesen imitieren. Vor allem soll Adam als zweiter Hund des Kommandanten für gute Laune sorgen – lache Bajazzo über den Schmerz, der das Herz dir vergiftet. Klein schließt einen Pakt mit Adam: Ein Leben für ein Leben. Bei guter Führung könne er mit der Rettung von Frau und Tochter rechnen.
Andernfalls droht das ortsübliche Ende - Männchen machen buchstäblich bis zur Vergasung. Mittlerweile aber ist im Deutschen Reich Götterdämmerung angesagt. Das bekommt erst Rex zu spüren; Klein liquidiert ihn. Auf Adam, den zweiten „guten“ Hund, wartet ein ganz anderes Schicksal.
Fazit Die Anatomie eines individuellen Traumas gehört angeblich zu den vielen nicht realisierten Projekten des großen Orson Welles. Nun ja, es waren sicher schwächere Alternativen für die erste deutsch-israelische Produktion (nach dem Roman „Adam Hundesohn“ von Yoram Kaniuk) vorstellbar, als den Stoff Paul Schrader zu überlassen. Actionwütige Kinogänger kommen zwar nicht auf ihre Kosten. Einem Publikum jedoch, das gegenüber unbequemen historischen Wahrheiten aufgeschlossen ist, darf man das Interesse an dieser quälenden Form der Vergangenheitsbewältigung ruhig abverlangen. Dem Produzenten-Statements kann man nur beipflichten: „Ein Film, der für einen deutsch-jüdischen Schulterschluss steht und für die Idee der Völkerverständigung.“ Zu besichtigen ist eine Glanzleistung des (amerikanischen) Hauptdarstellers Jeff Goldblum. Als eher störend nimmt sich dagegen der deutsche Beitrag aus. Joachim Kròl, Veronica Ferres, Moritz Bleibtreu und Juliane Köhler kommen wie im Durchlauferhitzer zu unwesentlichen Minutenauftritten. OK, die Förderkohle muss stimmen, das ist einsichtig. Muss man aber deshalb gleich die künstlerische Abwrackprämie beantragen? Jedenfalls sagt der fehlende Anspruch viel über das Selbstverständnis der Genannten. No, we can`t.
Bewertung
80%
© 2012 Martin Graetz
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