Glaubensfrage - Redaktionelle Kommentare Film

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Gerissener als der Fuchs

TitelGlaubensfrage
Filmbewertung vom03.02.2009
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
GlaubensfrageFilm Bewertung
Wie immer man zu der Kinofassung des Bühnenhits steht - ein kommerzieller Erfolg scheint der Parabel über die Relevanz von Unfehlbarkeit und Ungewissheit, Glauben und Zweifel, sicher - so sich Theaterfreunde und Gottsucher zusammentun. Für Heidenkinder und Kunstbanausen stellt sich angesichts der überzogenen Darbietungen zweier Superstars weniger die Glaubensfrage (etwa nach Oscar – würdigen Leistungen), als die Geschmacksfrage. Denn dem vielfach dekorierten Kammerspiel liegen Konflikte zugrunde, die in dieser speziellen Ausprägung heute wohl selten vorkommen. Der hier gezeigte Kreuzzug im Namen der Wahrheit, angezettelt von einer grimmigen Nonne, käme unter aktuellen Umfeldbedingungen wohl besser zur Geltung. Zudem pflügen „die zwei besonders zusammenpassenden Antagonisten“ (Los Angeles Time) des Vier-Personen-Stücks durch ihre mächtige Präsenz das Hauptthema zu selbstverliebt beiseite. Vor allem die Streep als „buchstäblich heiliger Terror“ hebt von den Textzeilen derart ab, dass die Titel gebende Problematik davon nicht unbeschadet bleibt. In keiner Sekunde blendet der moralisch vergoldete Zeigefinger aus den USA seine statische Herkunft aus. Auf den Brettern, Großmimen unter sich. Autor/Regisseur John Patrick Shanley wurde für den religiös fundierten Schaukampf seiner Protagonisten bereits mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. Jetzt soll auch die große Kino-Gemeinde in den Jubel einfallen. Aber die Filmadaption hat ein echtes Luxusproblem: Sie kann vor lauter Großartigkeit kaum laufen. Der Handlungsrahmen ist auf die beginnenden 1960-ger Jahre in der Bronx (kurz nach dem Kennedy-Mord) abgestimmt; damals einer der sozialen Brennpunkte New Yorks. In der katholischen St. Nicholas-Schule aber waltet dank Schwester Aloysius Beauvier (Meryl Streep) noch Tugend und Anstand. Regeln sind, gestützt auf himmlische Macht und weltliche Furcht dazu da, befolgt und unter gar keinen Umständen gebrochen zu werden. Im Zweifel hält ihr Gerechtigkeitswahn die eiserne Faust bereit.

Mit dieser Hüterin dogmatischer Glaubensauslegung wird Pater Brendan Flynn (Philip Seymour Hoffman) sein blaues Wunder erleben. Ein Geistlicher, der den Tee mit drei Stückchen Zucker süßt, ist im Hort des Reinen und Wahren durchaus der Wollust verdächtig. Von Schwester Aloysius Warte aus betrachtet, ist in Zweifel zu ziehen, ob ihrem Vorgesetzten mit seiner Vorliebe für überlange Fingernägel überhaupt ein gottgefälliger Status zukommt.

Wiewohl Direktorin der Anstalt, untersteht sie Pater Brendan in der schulischen Hackordnung. Die Verfechterin angstbesetzter Erziehungsmethoden wittert beim charismatischen Pater inakzeptables Fehlverhalten. Ohne Zögern gräbt sie das seelsorgerische Kriegsbeil aus. Pater Brendan unterscheidet sich in seiner Haltung gegenüber den ihm anvertrauen Jugendlichen grundsätzlich von der einschüchternden Führ-Hand der Schwester. Sein Versuch, die Herrin der Privatschule von der Notwendigkeit des politischen Wandels auch in diesem Haus zu überzeugen, bleibt fruchtlos. Insbesondere, weil die junge Geschichtslehrerin James (Amy Adams) inzwischen eine verhängnisvolle Entwicklung einläutet, da sie der Ehrwürdigen Mutter Aloysius ihre Beobachtung mitteilt, wonach sie Pater Brendan zusammen mit dem farbigen Schüler Donald in einem Hinterzimmer des Pfarrhauses verschwinden sah. Damit erstirbt jeder Liberalisierungshauch im Disziplinbunker ihrer Gnaden; der Tanz um die Sexualpräferenz des Paters ist eröffnet, die unvermeidliche Pädophilenhatz kann beginnen.

Fazit
Verführung Abhängiger? Missbrauch Jugendlicher? Schlimmster Sittenverfall also? Oder böswillige Verleumdung? Missverständnis? Tragische Verstrickung? Restlose Klärung signalisiert das 25 Mio.-$ Mobbing – Drama bis zum Schuss nicht. Das offene Ende der metaphernreichen Geschichte hängt mit seiner Entstehung zusammen. Regisseur John Patrick Shanley verarbeitete darin eigene Erfahrungen aus seiner Schulzeit, in der ein ähnlich strenges Regiment geherrscht haben muss. Als richtig befriedigend kann man die Auflösung dennoch nicht empfinden.

Einerseits wird der verbohrten Frau ein richtunggebendes Maß an Entschiedenheit in den Mund gelegt („Es gehört zu meinen Aufgaben, gerissener zu sein als der Fuchs“), andrerseits macht der Film Glauben, Pater Brendan Flynn sei nicht unbedingt Opfer leichtfertiger Anschuldigungen, sondern zu Recht gegangen worden.

Das ist mindestens eine Glaubensschraube zu viel.

Bewertung
60%

© 2012 Martin Graetz
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