Ein großer Wurf
| Titel | Der seltsame Fall des Benjamin Button |
| Filmbewertung vom | 27.01.2009 |
| Redakteur | Martin Graetz
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Film Bewertung „Schade, dass er nicht weiß, wie gut er ist. Er ist der Beste.“ (Dashiell Hammett)
Zumindest ist F. Scott Fitzgerald, einer der Hauptvertreter der amerikanischen Moderne, in einem Atemzug mit den anderen Geistesgrößen der „Lost Generation“ zu nennen: Ernest Hemingway, Gertrude Stein, John Dos Passos, und William Faulkner. Derzeit verhilft das Kino dem zu Lebzeiten nicht durchweg erfolgreichen Schöpfer des (bislang viermal verfilmten) großen Gatsby zu einem verdienten Kurzzeit-Comeback. Und diesmal ist es eine Kurzgeschichte aus den 1920ger Jahren, mit der Fitzgerald – erneut über den kinematographischen Umweg - zu Ehren kommt. Klugerweise gaben die Amis das literarische Schätzchen nicht aus der Hand. Der Stoff hätte ja umständehalber auch bei Yeti und Plethi des Kleinen Fernsehspiels landen können. Dabei wären wir wohl kaum um ein von Christine Neubauer und Erol Sander gemeinsam voll geheultes Tränenkrüglein herumgekommen. Hier nun waren die Wege der Herren Studiobosse mal wunderbar. Durch den Zuschlag für David Fincher („Sieben,“ 1995) als Regisseur gewann der emotionale Grenzverkehr zwischen der 30 Seiten-Phantasie des Autors und dem visuellen Höchstgebot eine magische Qualität. Damit hat der Mann vom „Fight Club“ (1999) das Soll an Kongenialität übererfüllt. Seit vergangenem Montag wird „Benjamin Button“ als heißer Kandidat für mehrere Academy Award of Merit (Oscars) gehandelt; 13 Nominierungen, darunter die Nennungen für den besten Hauptdarsteller (Brad Pitt), die beste Regie und das beste Drehbuch (Eric Roth) sind ja wirklich beeindruckend. Dieser sehr lange Film zur kurzen Story muss sich seine Zielgruppe freilich noch erarbeiten. Das Publikum wird auf einzigartige Weise gefordert, dem Fitzgerald-Universum zu trauen.
Der seltsame Fall, nach allen guten Regeln der Maske und der Tricktechnik unterstützt, stellt das ordnende Konzept der Zeit total auf den Kopf – ein grandioses Schicksalspanorama mit surrealer Verwandtschaft zu Oscar Wildes „Dorian Gray.“ Benjamin B. (Brad Pitt) kam unter wirklich „ungewöhnlichen Umständen“ in New Orleans zur Welt. Nämlich als 80-jähriger Greis - just in dem Moment, als Weltkrieg 1 zu Ende ging. Die Mutter starb bei seiner Geburt. In Panik legte der Vater, ein Knopffabrikant, seinen unansehnlichen Sprössling auf der Treppe zum Altersheim ab. Hätte sich nicht die Wirtschafterin Queenie (Taraji P.Henson) des Findelkindes angenommen, wäre dem kaum die Karriere als zweiter Elefantenmensch erspart geblieben. Mit Benjamin Buttons rückwärts gedachten Lebensstationen, seiner stetigen Verjüngung bis hin zum entschlummernden Säugling verbinden sich Drama und Märchen, Erkenntnisse über die Flüchtigkeit des Lebens, in dem nichts von Bestand ist, aber auch unüberhörbar die Urfrage der Grübler nach dem „was wäre, wenn.....“
Bei Vollendung des 50. versucht sich der inzwischen passabel aussehende Benjamin in der Liebe zu der 30-jährigen Daisy (Cate Blanchett). Die Beziehung leidet jedoch bald unter Eifersuchtsattacken der zusehends alternden Daisy, während Benjamins Mutation hin zum Jugendlichen immer offensichtlicher fortschreitet. Die Tragik vor Augen, keine familiär erfüllte Zukunft zu haben, entsagt er dem Glück. Denn „ein Kind braucht einen Vater, keinen Spielkameraden.“ Dabei war es gerade ein Unglück, das sie einst (wieder) zusammenführte.
Die episch angelegte Paraphrase einer unmöglichen Existenz ist fern illustrer Moralpsychologie oder sonst wie gearteter Anliegen.
Wenn Tochter Caroline (Julia Ormond) auf Wunsch der im Sterben liegenden Daisys aus dem mit Fotografien und Dokumenten angereicherten Tagebuch des Benjamins vorliest, ahnt man zwar die folgende Auflösung, dies aber vor meisterhaft gestaltetem Hintergrund.
Fazit Mit diesem 166-Minuten-Werk beweist David Fincher, dass er auch ganz anders (als im Krimigenre) kann. Beispielhaft seine Verwendung technischer Effekte, ohne dieselben als Selbstzweck zu missbrauchen. Und mustergültig die Führung seiner Schauspieler. In jeder Hinsicht ein absolutes Highlight des noch frischen Jahres.
Bewertung
100%
© 2012 Martin Graetz
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