Auf Tuchfühlung mit der Geschichte
| Titel | Operation Walküre - Das Stauffenberg Attentat |
| Filmbewertung vom | 21.01.2009 |
| Redakteur | Martin Graetz
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Film Bewertung Tom Cruise verdankt Einfluss und Karriere vorrangig seinem Typus, seinem Können, seiner Aura, seinem Geschäftssinn, wohl auch dem Glück - weniger jedenfalls seiner privaten Obsession als weltweit bekanntester Scientology-Trommler. Einmal abgesehen davon, dass niemand gezwungen wird, der von ihm vertretenen Heilslehre Glauben zu schenken; die hysterische Bereitschaft der deutschen (Medien)- Öffentlichkeit, Onkel Tom für etwas steinigen zu wollen, das der eigene Laden weder unter Aufbietung von 1 ½ Weißen Rittern, noch mit dem Segen der hier verbreiteten Religionsformen gebacken kriegt, war schon etwas despektierlich. Die Ablehnung gegenüber dem amerikanischen Superstar wuchs mit den offiziellen Bulletins seitens der Produktionsfirma. Denn darin drückte sich große Bewunderung für die Widerstandsikone Claus Graf Schenk von Stauffenberg aus. Zu einer so unmissverständlichen Lesart über den führenden Kopf der Verschwörergruppe vom 20. Juli 1944 reichte es hierzulande selten. Dafür gibt es freilich auch diskussionswürdige Gründe. Und nie fehlt in dem Zusammenhang das Argument, die alten Kämpen Hitlers hätten das Aussitzen militärischer Desaster reichlich spät als untragbar für das Reich empfunden. Erst als mit dem „Führer“ auf politischer Ebene keinerlei Staat mehr zu machen war, sei deren Gewissen erwacht, erst in dieser Schicksalsstunde gedachte man der nationalen Schmach ein gnädiges Ende zu bereiten. Sicher ist: das Kriegsglück ließ sich in diesem Stadium nicht mehr zu Gunsten der Deutschen Wehrmacht wenden. Es konnte also nur um eine gesellschaftliche Neuordnung im Nachkriegsdeutschland gehen. Die sollte sich nach dem absehbaren Zusammenbruch des Systems unter Führung eben jener Männer vollziehen, deren Weste beim besten Willen nicht unbefleckt genannt werden kann. Zu Kriegsbeginn im Jahre 1939 stand noch aus, wie der Mann aus Braunau (Österreich) die diplomatischen Puppen tanzen lassen würde. Dennoch verwundert, dass dem hoch gebildeten Stauffenberg, seinerzeit Oberleutnant im Polenfeldzug, die vernichtende Schlussfolgerung aus dem Masterplan in „Mein Kampf“ völlig entgangen sein soll.
Darin dokumentierte der Diktator en detail seinen berüchtigt unabänderlichen Willen „ein Volk, ein Reich, ein Führer“ werde das ethnische Übel (des Judentums) mit der Wurzel ausrotten. Auch bei den übrigen Elitemilitärs, die zu den Regimegegnern aufschlossen, hinterließ das Zeugnis einer offenkundig verbrecherischen Gesinnung keinen alarmierenden Eindruck. Da liefert der ehemalige Gefreite Adolf H. rechtzeitig die wohl abscheulichste Pflichtlektüre einer zivilisierten Gemeinschaft ab und kein einziger Führungsoffizier will den brandgefährlichen Schwulst seines obersten Befehlsgebers gegengelesen haben? Der Graf zumindest mochte sich in jenen Tagen trotz massiven Einwirkens seitens der Kameraden Peter Graf Yorck von Wartenburg und Ulrich Graf Schwerin von Schwanenfeld mit Verweis auf seinen Treueeid (mutmaßlich auch wegen seiner gerade in Schwung gekommenen Laufbahn) nicht mit Umsturzgedanken befassen. Er zeigte sich im Gegenteil sehr angetan vom überreichen Angebot polnischen Lumpenproletariats, das künftig für sein Vaterland würde malochen dürfen. Noch im Jahr 1941 befürwortet er begeistert die Vereinheitlichung der Befehlsgewalt des Oberbefehlshabers des Heeres und des Obersten Befehlshabers der Wehrmacht in Hitlers Händen. Die Historie presents also eine durchaus facettenreiche Symbolfigur des aufrechten Deutschen. Wie nun aber dessen schillerndem Persönlichkeitsbild in einer Hollywoodgroßproduktion gerecht werden? Am besten gar nicht, entschied das Team Bryan Singer (Regie) Tom Cruise (Darsteller/Produzent) und verarbeitete den ambivalenten Heldenmythos gleich zu einem Thriller - so „naiv wie eindimensional gezeichnet“ moniert Historiker Philipp Gassert. Ja bittschön, was für a Nazi-Schweinderl hätten`s denn nun gern? Hier gilt es den üblichen Schwafelrunden mal auf den Zahn zu fühlen. Die ach so seriöse FAZ, hinter der sich ja immer kluge Köpfe verstecken, brachte die Mär in Umlauf, dass uns nach diesem Film das Ausland mit anderen (will heißen: verständnisvollen) Augen begegnen wird. Ein weiterer Posaunist verstieg sich im Zeichen der neuen Unübersichtlichkeit zu der Feststellung, „zehn Fußball-Weltmeisterschaften“ könnten nicht leisten, was diese Attentatsmelange Deutschland einbringt – richtig viel Nonsens. Kein Kinogänger glaubt mit „Operation Walküre“ eine differenzierte Charakterstudie gesehen zu haben.
Fazit Dass sich die Macher damit des (für deutsche Augen und Ohren) wichtigsten Potentials begaben, muss ihnen klar gewesen sein. Sie nahmen das Manko an Aufklärung und psychologischer Vertiefung ihres Protagonisten bewusst in Kauf, denn andrerseits sind die markstrategischen Bedingungen unter denen solche Blockbuster realisiert werden, nicht zu verkennen; das kleinere Risiko zählt doppelt. Und das amerikanische Publikum, eigentlich nur mit amerikanischen Helden hinter dem Ofen hervorzulocken, muss schließlich auch irgendwie für den misslungenen Tyrannenmord scharf gemacht werden. Wen interessiert dort schon, ob ein Uniformknopf an der richtigen Stelle angetackert wurde, der Hitlergruß zu einer bestimmten Zeit noch gar nicht eingeführt war oder der Herr Graf aus einer Ecke mit ultrakonservativem Background stammte. In diesem speziellen Fall war womöglich der durch Bryan Singer („X-Men“) eingeschlagene Weg die für beide Seiten akzeptabelste Vorgehensweise. Die Stauffenberg-Story konterkariert sowohl den mit deutschen Fördermitteln in sie gesetzten Kunstanspruch, als auch die Erwartung, mit einem glänzenden Porträt von der Lichtgestalt des Widerstands gegen Hitler geschichtlich punkten zu sollen, indem sie die geforderte Faktentreue schlicht umgeht. Dennoch bekommt man ein komplex erzähltes, rasant geschnittenes Stück Zeitgeschichte geboten, wenn auch ganz und gar losgelöst vom Pakt mit dem nationalsozialistischen Teufel, dafür aber mit schneidigen Auftritten der ersten Garde Hollywoods. Gleichermaßen erfreulich und erstaunlich ist die Mitwirkung vieler deutscher Schauspieler, von denen jeder einzelne unter Beweis stellt, dass ihn die heimischen Studios hoffnungslos unterfordern.
Man hat Tom Cruise während der zurückliegenden Monate nicht gerade mit Glacèhandschuhen angefasst. Doch seine Walküre ist nicht „verbrannt“ (wie selbst in den Staaten kolportiert wurde). Graf Cruise von Stauffenberg obsiegt vielmehr gegen mediale Willkür. Bei dieser Reizfigur muss die künstlerische Messlatte eben immer nachjustiert werden.
Bewertung
80%
© 2012 Martin Graetz
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