Die Klasse - Redaktionelle Kommentare Film

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Lümmel auf allen Bänken

TitelDie Klasse
Filmbewertung vom13.01.2009
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
Die KlasseFilm Bewertung
Der Schock über das weltweite Finanzdebakel sitzt tief. Denn mit den Clowns der Zentralbanken kamen die Tränen. Schon beim Versuch, die Größenordnung der (oft fiktiven) Verluste einzuordnen oder die fälligen Wertberichtigungen aus den Untiefen der Derivate und Hypotheken zu analysieren, stößt der Normalbürger sofort ans berechenbare Limit. Anders, als die Geldhändler der vier Jahreszeiten. Diese Schuldenakrobaten setzten dem monetären System alle verfügbaren Krisen-Hörner auf, läuteten damit eine noch nicht absehbare Schwächeperiode des Wirtschaftskreislaufs ein und lernten dennoch „Im Weltinnenraum des Kapitals“ die staatlich verbürgte Bombe zu lieben. Plastisch umschreibt Peter Sloterdijk in seinem neuen Buch das Ende der von ihm selbst apostrophierten Frivolitätsepoche. Etwa, wie exzessiv Unternehmen die Risikowelle zu Lasten der Vorsicht vor sich hergetrieben haben; immer chaosanfällig und repetitiv. Ausgerechnet dieser Spezies abzuverlangen, dass sie auf die derzeitigen Extrembedingungen maß- und verantwortungsvoll reagiert, ist so abwegig, wie die Vermutung, dass überhaupt noch irgendjemand die verursachenden Mechanismen des Desasters durchschaut. Vor allem aber: wer kann schon Peter Sloterdijks inflationsbereinigten Gedankenspielen beim globalen Finanzpoker folgen? Der schulische Nachwuchs mit seinem chronischen Defizit an Interesse und Erfahrung was dieses spezielle Feld des Absurden betrifft? Eher wohl nicht.

In diesen Tagen gibt sowohl ein Buch, als auch der darauf basierende Kinofilm eindrucksvoll Kunde von der Abteilung Mensch, in der das Verständnis für die neue Weltordnung schon von Kindesbeinen an bar jeder Bedeutung ist, die unabhängig vom aktuellen Banken-Crash früh in die Konkursmasse des gesellschaftlichen Passivvermögens einzugehen pflegt und die sich bei gegebener Zuspitzung noch auf der Straße äußern wird. „Die Klasse,“ 2006 in Frankreich veröffentlicht, erntete als beunruhigende Lektüre bereits viel Lob und Preis. Dem folgt nun der in Cannes mit der Goldenen Palme gekrönte Film. Ob man dem Juryentscheid beipflichtet, hängt sicher nicht allein vom künstlerischen bestimmten Draht des Betrachters ab. Seine Qualität bezieht „Die Klasse“ nämlich weniger aus dem Schnittmuster der Hochkultur, sondern mehr aus der Alltagsbrisanz in problematischen Lehranstalten - ein wahrer Alptraum für Gutmenschen, die mit sozialpädagogischen Parolen gegen die hier veranschaulichten Übel vorgehen möchten. Noch vor zwei Generationen war der Ausspruch „Zur Hölle mit den Paukern“ eine harmlose Pubertätslosung. Seither hat sich die Arbeitsatmosphäre zwischen Erziehern und Kindern/Jugendlichen (selbst an so genannten Eliteschulen) grundlegend gewandelt.

Und nach Ansicht dieser etwas anderen Lehrstunde aus Frankreich darf man froh sein, wenn der zur Gewalt neigenden Status quo möglichst bald wegen (Grundschul) – Nahrungsmangel den Löffel abgibt. Was den 13 bis 15 jährigen Schülern beispielsweise zum Prinzip Gleichheit einfällt, ist äußerst verhandlungsbedürftig. Nostalgie und Utopie des modernen Bewusstseins müssen ja auch nicht unbedingt ein derart destruktives Bündnis eingehen.
Es ist ein Klasse für sich, der François Bègaudeau in Paris als Französischlehrer vorsteht. Bègaudeua ist sowohl Autor, als auch Hauptdarsteller in der von Laurent Cantet realisierten Kinoversion. Und das bedeutet – bewusst oder unbewusst - Dompteur einer Multikulti-Truppe zu sein. Aber der Eindruck täuscht. Die Sprösslinge aus den Sozialghettos suggerieren Authentizität, die sich vereinzelt mit der Wirklichkeit deckt, gelegentlich improvisieren sie sogar. Insgesamt jedoch fußt das Dokumentarerlebnis auf einer Annäherung an die Fiktion – durchaus einfallsreich und spannend. Die Generation 40 plus wird die eigene Selbstfindung vielleicht noch mit den gemütlichen Zeiten des fliegenden Klassenzimmers in Verbindung bringen. Ihr sei der Vergleich mit dem Stand der heutigen Dinge empfohlen.
Bewertung
60%

© 2012 Martin Graetz
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