Bonjour Sagan - Redaktionelle Kommentare Film

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Ein gewisser Rausch

TitelBonjour Sagan
Filmbewertung vom30.12.2008
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
Bonjour SaganFilm Bewertung
Es ist ein wahrer und für die cineastische Schicksalsmaschine adäquat tragischer Stoff. Also ab ins Kino. 1954, im schöpferisch zarten Alter von 18 Jahren, watscht die Großindustriellen-Tochter Françoise Quoirez ihre Landsleute mit einem damals als skandalös empfundenen Roman so nachhaltig ab, dass man sie fürderhin - im noblen, wie im tristen Sinne – fast ausschließlich an diesem Werk misst: „Bonjour tristesse,“ angeblich innerhalb von drei Wochen niedergeschrieben, zunächst mit bescheidener Auflage (4200 Stck.) gestartet, erwarb sich weltweit Kultcharakter und hielt sogar modischen Gegenströmungen stand. Die literarische Sensation der 50-ger fand sodann Eingang in das europäische Zitatenschatzkästlein, vor allem aber die erhoffte Aufmerksamkeit Hollywoods. Das seinerzeit mit Rücksicht auf die Familienreputation unter Pseudonym veröffentlichte Debüt seiner Autorin machte auch auf der Leinwand Furore. Vier Jahre nach Erscheinen nahm sich der gebürtige Österreicher Otto Preminger des Stoffes an und machte in den USA mit der Crème de la Crème des internationalen Films (Deborah Kerr, David Niven, Jean Seberg, Mylène Demongeot, Geoffrey Horne, Juliette Grèco, Walter Chiari, Elga Andersen) „aus dem bescheidenen Schulmädchen-Roman ein Meisterwerk des Pastiche,“ wie Jacques Rivette befand. Die großbürgerliche Mademoiselle aus dem französischen Dèpartement Calvados zieht als Françoise Sagan spektakuläre Kreise – the Lady mutiert zum literarischen Tramp, dem inmitten ungezählter Affären, dem Glücksspiel, Drogen und schöpferischer Bestimmung bald die Orientierung abhanden kommt. Anlässlich der aktuellen Biopic von Regisseurin Diane Kurys wird Frankreichs einstiger Exportschlager erneut in den Mittelpunkt des Boulevard-Interesses rücken. Schöne Gelegenheit also für die Nachgeborenen, der oft zeitgebundenen Sinnhaftigkeit im Oeuvre der Sagan nachzuspüren.

Nobelpreisträger François Mauriac etwa nahm nach der Lektüre von BONJOUR TRISTESSE „unvergleichliche Schwingungen, einen Puls, eine Seele, eine Vernehmlichkeit ohne jede Lautheit“ wahr. Da freilich war das Wunderkind des Kulturbetriebs noch unverbraucht. Während der Spätphase ihres Schaffens lebte die früh gefeierte Society-Leitfigur hingegen nur noch auf des Messers Schneide. Deren aufregender Vita posthum künstlerisch Glaubwürdigkeit einhauchen zu dürfen, muss Sylvie Testud enorm gereizt haben. Bereits 2008 beeindruckte das Spiel der in Lyon (1971) geborenen Französin bei der Èdith Piaf – Denkmalpflege LA VIE EN ROSE. Neben viel Lob und der Cèsar-Würdigung für die beste Nebenrolle empfahl sie sich wohl nicht zuletzt durch ihre verblüffende Ähnlichkeit mit der Sagan. Ihren ersten Spielfilm (1994) machte sie übrigens unter der Regie des Kölners Niko von Glasow („Maries Lied“). Warum sollte die Titelheldin kein differenziertes Charakterbild von der Kulturikone der Grande Nation zeichnen können? Um es klar hervorzuheben: Madame Testud gelingt dies äußerst gut. Aber vom Regie-Anspruch, die Chronique Scandaleuse der fünften Republik plastisch ein zu beziehen, bleibt allein das Versprechen. Der Versuch, sich dem literarischen Superstar filmisch zu nähern, fädelt geradezu fahrlässig ein, zerfasert auf gelegentlich ärgerliche Weise an den biographischen Rändern und vermittelt über das stimmige Maß an Requisiten hinaus wenig Zeitkolorit. Das Kamera-Auge der Diane Kurys weidet sich überwiegend an den „Blauen Flecken auf der Seele“ der Françoise Sagan (wie einer ihrer Buchtitel lautet). Dass, und in welchem Zusammenhang deren gesellschaftlicher Stellenwert trotz aller Exzentrik wuchs, wird ebenso wenig klar, wie die problematische Beziehung zu ihrem Sohn. Nur im Ansatz verweist Kurys Konzept auf Sagans Nähe zu Fançois Mitterrand. Auch die Macht und ihr Preis (zum Beispiel bei der Elf Aquitaine - Affäre) verbindet sich mit ihrem Mythos. Immerhin wurde das frühere Enfant terrible der schreibenden Zunft als Folge wechselseitiger Gefälligkeiten in Tateinheit mit Steuervergesslichkeit zu 830. 000 € und einer Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt.

Ihr souveräner Umgang mit dem Leben und ihr Hang zur Verschwendungssucht trotzten nicht nur gängigen Konventionen, sondern waren langfristig extrem ungesund für ihr Konto. Und sie war ja nicht der Typ Mensch, der stets mit dem Gesetzbuch unter dem Arm herumläuft. Dennoch starb die Stilistin der Einsamkeit 2004 im 70sten Lebensjahr verarmt an einer Lungenembolie – obwohl sie mindestens 30 Millionen Exemplare der zunehmend bedeutungsärmer verfassten Bücher verkaufte und nach eigener Einschätzung genau wusste, dass „Unglück mit Geld leichter zu ertragen ist als ohne.“
Die Phase unwiderruflichen Verfalls der geistigen Größe schildert der Film durchaus berührend. Aber die Sagan lässt sich nicht auf ein schmerzendes Frauenleiden reduzieren, dem intellektuelle Umtriebe zu Fußnoten geraten. Wenig weiß Kurys der schillernden Persönlichkeit mit Blick auf ihre sonstigen Aktivitäten abzugewinnen. Zum Beispiel ihr Einsatz für Charles de Gaulle, kritische Aufsätze über Castros Kuba oder ihr Porträt Michail Gorbatschows, den sie als „den größten und einsamsten Helden des 20. Jahrhunderts“ empfand. Dass solch wichtige Schaffensmerkmale bei einem nationalen Heiligtum ausgeklammert wurden, könnte natürlich Kalkül sein: Françoise Sagan, stets zwischen der Bourgeoisie und der Bohème schwankend, legte sich vorwiegend für Angelegenheiten der Liebe ins Zeug. Wollte man da einer bestimmten Erwartungshaltung auf die Beine helfen? Der Zuschauer, das unberechenbare Wesen, muss die Figur ja nicht unbedingt mit politisch ambitioniertem Handeln in Verbindung bringen - na ja....
Es sei dahingestellt, ob man der berühmten Tabubrecherin mit diesem eingesüßten Ergebnis wenigstens in Teilen gerecht wird.
Am sehr zwiespältigen Befund ändert das nichts.
Bewertung
40%

© 2012 Martin Graetz
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