Und wieder grüßt das geschichtliche Murmeltier
| Titel | Ein Geheimnis |
| Filmbewertung vom | 16.12.2008 |
| Redakteur | Martin Graetz
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Film Bewertung Es sind schwer durchschaubare Mechanismen, die vom „richtigen“ Geist bei der Festlegung des Politik- und Kulturverständnisses einer Gesellschaft künden - was sich laut Voltaire in der Historie stets als Lügengeflecht niederschlägt. Unbezweifelbar ist dieser Akt Gemeinschaft erhaltender Impulse vom Herdentrieb inspiriert. Schön trotzdem, wenn sich im Einzelfall mal das unterhaltende und erzieherische Mehr mit dem wirtschaftlichen Nennwert verbündet. Bei geschichtlichen Horror-Ikonen freilich gerät die kulturelle Leitlinie schnell ins Schlingern; siehe Adolf H. und die 40 Räuber. Die Nationalsozialistische Gang war nicht nur für amerikanische Satire-Klassiker („Sein oder Nichtsein“ / „Der große Diktator“) gut. Sie brachte mit Joseph Goebbels politische Pornographie („Jud Süß“) unters Volk. Nach der militärischen Insolvenz Groß-Germaniens schienen die extremen Strömungen zunächst am Brunnen vor dem Tore zu versiegen. Aber weit gefehlt. Der totale Krieg ist für die Glatzkopf-Ausgabe des Nazi-Gesindels noch lange nicht vorbei. Die aktuellen Jagdszenen aus Niederbayern sind ja kaum als Militärschwank zu verstehen und schüren bei unseren Nachbarn entsprechende Ängste. In solchen Zeiten tut Erinnerungsarbeit Not, so fragwürdig das generationenübergreifende Mantra heute wirken mag.
Wieder sind es Franzosen, die in der Nachfolge eines Louis Malle („Lacombe Lucien,“ 1973 / „Auf Wiedersehen Kinder,“ 1987) den Finger in längst noch nicht verheilte Wunden legt. Und deren hat die deutsch-französische Vergangenheit viele. Wieder mit den besten Absichten inszeniert, mit exzellenten Akteuren, mit einem attraktiven Skript und einem hohen Unterhaltungsfaktor - wenngleich man ihn nicht mit demselben Qualitätssiegel versehen kann. Dafür wiegt der melodramatische Ballast, mit dem die Handlungselemente verwoben werden, zu schwer. Es ist ganz sicher kein schlechter Film, den uns der langjährige Produktionsleiter Francois Truffauts (Das Verhör,“ 1981) und Regieassistent Marcel Carnè über den Rhein schickt.
Aber man glaubt zu sehr die direkte oder indirekte Einflussnahme von Philippe Grimbert zu spüren, auf dessen Roman die Claude Miller-Story basiert. Der 1948 in Paris geborene Schriftsteller und Psychoanalytiker jüdischer Herkunft fand die Drehbuch-Adaption seines autobiographisch gefärbten Werkes selbst „kaum möglich.“ Andrerseits drängte der literarische Erfolg auf internationale Weihen – gegen Bestseller ist noch kein idealistisches Kraut gewachsen. Richtig cool: Grimbert castete sich kurzerhand seinen eigenen Regisseur und kam so in einer Nebenrolle ins Bild.
Das Rennen für die filmische Umsetzung machte Monsieur Miller. Der nahm mit der (Regie)- Anweisung Platz: Volle Tragik Voraus, um jene demütigende Phase der Okkupation seiner Heimat durch die Krauts glaubwürdig nachzustellen, wie es in Philippe Grimberts Vorlage geschrieben steht. Nun, für das ambitionierte Familiendrama wäre durchaus eine etwas freiere Auslegung vorstellbar. Daran allein allerdings liegt es nicht, dass man dem Schreckensszenario einigermaßen desinteressiert folgt. Keine Frage, dass Miller in dem Stoff mehr als eine Pflichtübung sah. Nur, die dargebotenen Schicksalsschläge entziehen sich emotionaler Wucht, man bleibt erstaunlich unberührt. Warum? Zum wenig guten Teil, weil Miller mit gleich drei Zeitebenen doch etwas überfordert war. Hinzu kommt, dass er die Figuren bezogenen Verschränkungen umständlich handhabt. Die entsprechenden Perspektivwechsel in Schwarz-Weiß (Gegenwart) oder in Farbe (Vergangenheit) zu drehen, ist ein netter Einfall. Aber zu einhelliger Begeisterung kann man sich nicht durchringen. Zumal er durch den lästigen Off-Erzähler seinen eigenen Bildern den Push nimmt.
Die Handlung ist in den Fünfzigern des vergangenen Jahrhunderts verankert, etwa zehn Jahre nach Ausbruch des einstweiligen Weltfriedens. In Adenauers Deutschland testete man gerade die gelenkte Demokratie (von der sich ein gewisser Putin später mehrere Scheiben abschneiden wird).
Tania (die reizende Cècile De France) und Maxime (Patrick Bruel) sind sportliche Eltern. Sie würden gern mehr aus Francois (Valentin Vigourt) herausholen. Der schmächtige Filius indes hat diesbezüglich keine Neigungen. Er träumt von einem imaginären großen Bruder. Trost gibt ihm die jüdische Nachbarin Louise (Julie Depardieu).
Von ihr erfährt er an seinem fünfzehnten Geburtstag das dunkle, streng gehütete Familiengeheimnis, das so gar nicht zu der kindlichen Vorstellung von Idylle passt. Vater und Mutter sind durch fatale Verknüpfungen während des Zweiten Weltkrieges miteinander verbunden. Weitaus bedeutsamer empfindet der Junge die Erkenntnis, dass er sich den großen Bruder nicht grundlos herbei fantasiert hat; es gab ihn wirklich. Mit dem ungetrübten Glück seiner Eltern ist es in Wirklichkeit nicht weit her. Es wird von außerehelichen Affären und vom Wissen um dass Leid derer überschattet, denen sie dieses Leben verdanken. Jedoch: „Nur der Schein ist wirklich rein“ wie Annette Humpe (Ideal) singt.
Eigentlicher Auslöser der langen Schatten war bekanntlich ein Meister aus Deutschland.
Bewertung
60%
© 2012 Martin Graetz
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