Vicky Cristina Barcelona - Redaktionelle Kommentare Film

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Die Leerformeln des Mr. Allen

TitelVicky Cristina Barcelona
Filmbewertung vom02.12.2008
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
Vicky Cristina BarcelonaFilm Bewertung
Ein Mann verramscht sein künstlerisches Inventar. Woody Allen, Lieblingsintellektueller der Cineasten, schaltet auf seine alten Tage gleich mehrere Gänge hintereinander runter. So wurde er, was er heute ist: ein immer noch Schneller Brüter, der seine an Ingmar Bergman geschulten Ausdrucksmittel auf Bullshit-Modus formatiert hat. Für den geborenen Stadtneurotiker geht damit der schöpferische Niedergang einher, auch wenn er immer wieder mit einer hoch dotierten Personal-Staffage (Rebecca Hall, seiner Lieblingsmuse Scarlett Johansson, Patricia Clarkson, Penèlope Cruz, Javier Bardem) des Kaisers neue Kleider zelebriert. Und weiß Gott, es sind keine erhebenden Momente, den Geist sprühenden Sarkasten früherer Tage in dekonstruktiver Ornamentik absaufen zu sehen. Selbst hinter seiner Spanischen Wand vermutet man mittlerweile nicht viel mehr, als die Lizenz zum Kalauern. Im Rückblick wird deutlich, dass „Woody, der Unglücksrabe (1969) spätestens nach „Match Point,“ 2005) das Spiel aus der Hand gab. Angesichts der großen Karriere ist das nicht ehrenrührig, fordert aber nichtsdestotrotz von dem dreifachen Oscar-Preisträger eine Portion Einsicht in die altersbedingte Begrenztheit. „Vicky Cristina Barcelona,“ die „spritzige Romantikkomödie,“ nährt jedoch den Verdacht, dass der 71-Jährige weiteres Material aus der Werkstatt für >betreutes Summen und Stammeln< gehortet hat.

Völlig überraschend geht es bei dem neuen Werk wieder einmal um amouröse Eskapaden. Zwei junge (und selbstredend wunderhübsche) Amerikanerinnen erleben jede Menge erotisches Barcelona. Wobei sich die vernünftige Vicky (Rebecca Hall) und die emotional enthemmte Cristina (Scarlett Johansson) als Freibeuter der Liebe trotz komplett unterschiedlicher Lebenseinstellung am Ende das Wasser reichen können. Judy (Patricia Clarkson) und Mark (Kevin Dunn), zwei entfernte Verwandte, bieten den beiden Damen an, einen Sommer bei ihnen in Barcelona zu verbringen. Vicky ist nicht nur ein Schnuckelchen, sondern gewissermaßen hochbegabt. Sie recherchiert für ihre Magisterarbeit und genießt parallel die letzte Phase ihres Singledaseins, während Cristina über den Ortswechsel die Nachwehen einer schmerzhaften Trennung verarbeiten will.

Eine sehr simple Konstellation vor zugegeben traumhaft schönen Kulissen der katalanischen Hauptstadt. Zum Anschub der Erotik-Burleske bedarf es freilich außer Gaudi-Bauten mindestens eines erzählerischen Aufreißers. Und wahrhaftig, alsbald taucht Amor in Gestalt des Künstlers Juan Antonio (Javier Bardem) auf, um das Spiel der Irrungen und Wirrungen voranzutreiben. Gleichermaßen großspurig wie charmant und blendend aussehend, bringt der klassische Latin Lover alle drei Attribute so in Stellung, dass die zwei seriösen Grazien aus dem puritanischen Amerika ernsthaft das unmoralische Angebot zu einem flotten Dreier erwägen. Eine der Beiden bekennt sich schließlich - Ruhe vor dem Sturm - als Geliebte des Malers. Da wird es plötzlich hochdramatisch. Denn Juan Antonios psychotische Ex-Frau Maria Elena (Penèlope Cruz) kehrt zurück und gebärdet sich wie die Katze auf dem heißen Blechdach.

Fazit
Eine ungare Geschichte mit Papierdialogen, deren weitere Winkelzüge wie angepappt wirken. Der Film kommt in keiner Phase aus den pseudopsychologischen Puschen. Vieler Sympathien begibt er sich zusätzlich durch überaus bedeutungsschweres Gebrabbel aus dem Off. Bei einem Altbau würde man sagen: entkernen oder ganz abreißen und neu errichten – im Falle Woody wäre vielleicht >aufbäumen< das richtige Wort. Der alte Recke wird doch nicht irgendwann noch mit einem Boll-Werk konkurrieren wollen.

Bewertung
40%

© 2012 Martin Graetz
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