Novemberkind - Redaktionelle Kommentare Film

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Die veruntreute Mutter

TitelNovemberkind
Filmbewertung vom19.11.2008
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
NovemberkindFilm Bewertung
Als der deutsche Osten noch rot angemalt war, hatte Schuld und Lüge eine ideologisch definierte Wertigkeit. Rechtsunsicherheit gab es dabei grundsätzlich nicht. Dieses Unwort kam erst nach der Vertreibung aus dem Arbeiter- und Bauernparadies über unsere Brüder und Schwestern. Bis dahin wappnete sich ein jeder mit den moralischen und juristischen Heilmitteln des wissenschaftlichen Sozialismus gegen akute Anfälle menschlicher Fehlbarkeit. Wie „Novemberkind“ zeigt, sammelte sich so im Laufe von vier Dekaden freiwilliger Planerfüllung eine gewalttätige Menge Tragik an. Ob authentisch oder fiktiv, der Schoß relevanten Geschichtserbes aus der Ära des Kalten Krieges – er ist noch immer fruchtbar. Das erkannte offenbar auch Christian Schwochow, als er für seinen Diplomfilm auf diesen unseligen Fundus zurückgriff.

Dennoch erhebt sich die Frage: Ist das Stück schon deshalb der (Anna Maria) Mühe wert? Anders formuliert: Wie viel Mauer braucht der Mensch überhaupt noch, wenn künstlerische Potenz ständig durch beste Absichten ersetzt wird? Wegen des aufrichtigen Tonfalls - an dem die Mutter des Regisseurs verdienstvoll mitwirkte - würde man das deutsch-deutsche Familienschicksal liebend gern weiterempfehlen. Nur, von „einer reifen, meisterhaften Leistung zwischen Heimatverlust und Identitätssuche,“ wie die Filmbewertungsstelle Wiesbaden bei ihrer Prädikatsvergabe für das Täter-Opfer-Porträt schwärmt, scheint der Mix aus Road-Movie und Melodram denn doch noch einige Filmmeter entfernt zu sein. Als „Besonders wertvoll“ bringt sich hingegen die Tochter des vor knapp eineinhalb Jahren verstorbenen Ulrich Mühe (Anna Maria) ein. Auf der 23-Jährigen („Was nützt die Liebe in Gedanken,“ 2003) ruht das darstellerische Fundament episodenhaft angelegter Kapitel aus dunkler DDR-Historie. Sie „verkörpert“ in einer Doppelrolle Mutter und Tochter.

Dörfliche Idylle in Mecklenburg. Hier wächst Inga (A.M.Mühe) bei ihren Großeltern (Christine Schorn/Hermann Beyer) auf.

Deren Erzählungen zufolge soll ihre Mutter kurz nach der Geburt des Mädchens in der Ostsee ertrunken sein. Eines Tages aber wirbelt der Konstanzer Literaturprofessor Robert (Ulrich Matthes) durch seinen Besuch in Malchow die beschauliche Existenz Ingas durcheinander. Er eröffnet der jungen Frau, die vermeintlich tote Mutter (ebenfalls A.M.Mühe) vor einigen Jahren in Konstanz getroffen zu haben. Der Wahrheitsbeweis für die Behauptung ist schnell erbracht. Offensichtlich hatte der ganze Ort Kenntnis von Annes Flucht in den Westen mit einem russischen Deserteur. Für Inga schneiderte das Kollektiv seinerzeit eine alternative Identität. Warum nun ließ die Mutter ihr Kind in der damals so genannten Zone zurück? Oma wie Opa hüllen sich bei diesem Reizthema vorzugsweise in Schweigen – la dolce Omertà. Robert ermutigt Inga zu Recherchen über ihre Vergangenheit. Ja, er geht bereitwillig auf die Bitte der jungen Bibliothekarin zur gemeinsamen Spurensuche im Westen ein. Ihr bleibt neben intensiven Nachforschungen über den Verbleib der Mutter freilich nicht verborgen, dass der Herr Professor noch andere Ziele verfolgt und sein plötzliches Auftauchen möglicherweise kein Zufall war. Gut, Robert könnte sein außertourliches Hilfsangebot über die religiöse Schiene abwickeln. Wegen eines Staus auf dem Jakobsweg nimmt er dann aber doch lieber die konfliktreiche Abkürzung über die Biografie der beiden Frauen wahr. Seine Motivation entspringt tatsächlich eigenen Defiziten: fehlender Inspiration bei der literarischen Alltagsbewältigung sowie die schmerzende Erkenntnis um seine auf Eis gelegte Ehe plus einem Quäntchen erotisch gefärbter Vatergefühle für die Waise aus der zweigeteilten deutschen Vergangenheit.

Sehr bedächtig, gelegentlich umständlich und zudem in Rückblenden (was nicht zwangsläufig auf narrative Souveränität schließen lässt) enthüllt das Novemberkind sein familiäres Geheimnis.

Fazit
Ein Debütfilm, der die seelischen Verwerfungen diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs einigermaßen authentisch nachvollzieht, der zu viel zitierten Gesprächen zwischen den Generationen animiert, von der visuellen Dynamik her allerdings gediegenes TV-Handwerk (noch) nicht überragt. Sprechen wir von einem ordentlichen Einstand und vermeiden wir dem Talent Schwochow mit überzogener Ehrerbietung die Legitimation für Fehlwürfe zu entziehen.

Von seinem Erstling bleibt zunächst dies haften: So wie das Leben der Anderen ohne Mühe an Glanz verlöre, hat sich nun Tochter Anna Maria mit einem ähnlichen Sujet einen dicken Bonus erarbeitet.

Bewertung
40%

© 2012 Martin Graetz
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