Let's make Money - Redaktionelle Kommentare Film

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Geld als unheimliche Lebensmacht

TitelLet's make Money
Filmbewertung vom28.10.2008
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
Let's make MoneyFilm Bewertung
„Was ist ein Bankraub gegen die Gründung einer Bank?“ fragt Mackie Messer in Bert Brechts Dreigroschenoper. Was, so lässt sich weiterkombinieren, sind Bankräuber wie Bonnie und Clyde oder die RAF-Desperados gegen die Lehman Brothers dieser Welt. Nie wurden einer Generation das unterschiedliche Täterprofil drastischer vor Augen geführt; die aktuelle Finanzlage macht`s möglich. Durchgreifende Besserung scheint freilich kaum möglich. Die weltwirtschaftlichen Regularien – sie sind einfach nicht so. Die letztgenannte Berufsgruppe leitete permanent den „warmen Strom des Lebens“ (wie der Deutsche Georg Simmel den abstrakten Werteausgleich in „Philosophie des Geldes“ bezeichnete) auf öffentlichscheue Mühlräder oder verzockte es schlicht in ihren (Spiel)-Banken. Persönliche Konsequenzen: Fehlanzeige. Über Risiken und Konsequenzen ihrer Manipulationen mussten und müssen sich die „Meister des Universums“ keinen Hedge-Fond machen. Läuft`s schief, schießt der Steuerzahler eben frisches Kapital nach. Und so weiter, irgendwas geht ja immer irgendwo. Neues Spiel, neues Glück. Für ein bisschen kriminelle Energie ist selbst in der kleinsten Bahnwärterhütte Platz. Umdenken? Nun wollen wir nicht gleich übergemütlich werden. Die eingeläutete Teilprivatisierung der Deutschen Mehdorn Bahn AG etwa aktivierte den methodologischen Reflex der Vorstände nach altbekanntem Fahrplan; man fährt gut mit der Schiene, auch wenn man sie gar nicht nutzt. Vorrangig stehen dennoch nicht gewaltige Bonuszahlungen einzelner Unternehmen im Fokus öffentlicher Wahrnehmung, sondern die global vernetzten Wirtschaftsinteressen.
„Let`s Make Money“ zeichnet einige Zwischenstationen obskurer Geldvermehrungsreisen nach. Wobei schnell klar wird, dass die aktuelle Finanzkrise sämtliche Kriterien einer weltweiten Gesellschaftskrise erfüllt und wohl für den derzeitigen Crash verantwortlich zeichnen dürfte. Was genau dabei finanztechnisch passierte, vermag erstaunlicherweise nicht einmal die FAZ zu erklären.

Nur dass es bald „wieder so weit sein“ könnte mit dem „Brutofen der Jahrhundertkatastrophe“ scheint ihr denkbar und beschwört deshalb das systemische Ereignis der Ökonomie als Wiederkehr der Vorgeschichte Nazi-Deutschlands. Da sich der weltwirtschaftliche Zusammenhang offenbar rationalen Erkenntnissen entzieht, müssen halt historische Metaphern und Analogien dagegen bieten. Weniger mystisch folgt Erwin Wagenhofers neuer Dokumentarfilm der Spur des Geldes. Pünktlich zum Niedergang der Investmentinstitute weist der Österreicher („We Feed the World - Essen Global,“ 2005) beispielsweise den Ursprung des Steueroasen-Übels nach. Wem ist noch bewusst, dass dem speziellen Kapitalumlauf – einst als Deregulierung der Finanzmärkte gepriesen - die Spielregeln der 70-ger Jahre zugrunde liegen; geschaffen von politischen Kräften, die den internationalen Geldfluss begünstigen wollten und so den Boom der Finanzindustrie herbeiführten. All dies geschah und geschieht fortwährend zum Nachteil jener Länder, die zu schwach sind, sich zu wehren, deren Straße zur Freiheit sich als Holzweg erwies. Schlichtweg Routine also für den Internationale Währungsfonds und die Weltbank den vielen Entwicklungsländern knallharte Bedingungen (Privatisierungen) aufzuzwingen, nachdem deren Regierungen durch hohe Verschuldung erpressbar geworden waren. Die Doku lässt uns auch wissen, dass sich der Ausverkauf sozialer Errungenschaften wie Gesundheitssystem, Pensionswesen, Energieversorgung und öffentlicher Verkehr nicht auf unterprivilegierte Regionen beschränkt. Der so genannte Neoliberalismus steht fast überall in Blüte. Die Wiener Straßenbahn und die Österreichische Bundesbahn gehören einem amerikanischen Investor. An ihn ist die Stadt durch einen langfristigen Leasingvertrag gebunden; ein „kurioses Konstrukt Cross Border Leasing,“ das in großem Umfang Anwendung findet. Auf welche Weise das Kapital weiterzirkuliert, geht niemand was an. Fest steht allenfalls, dass ein erheblicher Teil aus jener gutbürgerlichen Quelle sprudelt, die dem Lockruf der Banken Gehör schenkt: „Lassen sie ihr Geld arbeiten!“ Die Enteignung der Gemeinschaft kann aber noch radikaler verlaufen. Richtig haarig wird es, wenn Amerika seine Wirtschaftskiller losschickt, um die Ressourcen ganzer Landstriche unter Kontrolle zu bringen. Saddam Hussein hat den politischen Ernstfall nicht überlebt. Er drohte, Erdöl gegen eine andere Währung zu verkaufen.

Das ist schließlich auch seinem Volk schlecht bekommen. Kronzeuge für die abenteuerlich anmutende Behauptung ist John Perkins, kampferprobt in dieser mafiaähnlichen Arbeitsbrigade: Wenn es den Wirtschaftskillern einmal nicht gelinge, die Regierung eines Landes zu korrumpieren, würden die Schakale in Marsch gesetzt. „Das sind Menschen, die Regierungen stürzen oder deren Führer ermorden. Als ich an Jaime Roldòs in Equador und Omar Torrijos in Panama scheiterte, traten die Schakale auf den Plan und ermordeten sie.“ Nur in den seltenen Fällen, in denen weder die erste, noch die zweite Kategorie greift, komme Militär zum Einsatz – siehe Irak. Wagenhofers Fazit ist kaum zu widersprechen: „Die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts ist neben den Umweltproblemen ganz sicher die Verteilungsproblematik.“ Daraus ergibt sich natürlich die zentrale Frage des Films: Wie lange können wir uns die Reichen vom Schlage des Finanzgurus Mark Mobius noch leisten? Der Gebieter über Fonds von geschätzten 50 Milliarden Dollar teilt die Geringschätzung seiner Geschäftspartner an zu diskutierenden Nebenwirkungen seiner „Emerging Markets“ bis zum Exzess. Ausbeutung, Umweltverschmutzung, gar ethische Prinzipien - für ihn Begriffe von einem anderen Planeten. Zwar fasst nicht jeder Hasardeur sein Berufsethos derartig perfide zusammen. An klammheimlicher Freude für den folgenden Ausspruch vor laufender Kamera wird es aber bei dieser Elite nicht fehlen: Am besten, meint er ungerührt, solle man dort investieren, wo auf den Straßen noch Blut klebt.

Fazit
„Als Nation sind wir die Gewinner der Globalisierung“ postulierte Horst Köhler kürzlich vor 700 Gästen. Nach dem Besuch in diesem Themenpark fahren die staatstragenden Worte des leider noch amtierenden Bundespräsidenten keine Rendite mehr ein. Erwin Wagenhofers Recherchearbeit verdient ein großes Echo, weil er es fertig brachte, die Heuschrecken des Raubtierkapitalismus ungeschützt zur Schau zu stellen.

Bewertung
80%

© 2012 Martin Graetz
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