Anonyma - Eine Frau in Berlin - Redaktionelle Kommentare Film

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Der Kunstschreck

TitelAnonyma - Eine Frau in Berlin
Filmbewertung vom21.10.2008
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
Anonyma - Eine Frau in BerlinFilm Bewertung
Wo ist sie hin, die gute alte Zeit mit ihren Nazi-Trollen, die megageile Ära ohne Drogen und Harz IV. Damals herrschte heilige Ordnung, ins Gras biss man nur auf Befehl vom Ex-Gefreiten Hitler und Stütze war ganz gestrichen. Trotzdem zeigte sich sowohl der kleine Mann, als auch die kleine Frau berauscht. Denn unter dem Hakenkreuz schlug ein Herz aus Stahl. Und damit hämmerte der importierte Volkstribun derart coole Schneisen in die Evolutionslehre, dass man nach dem Zusammenbruch des Systems ganze Kapitel über Inhumanität umschreiben musste. Richtiggehend schwer taten sich vor allem Erzfeinde (wie zum Beispiel Untermenschen) mit dem original Wiener Schmäh. Den meisten blieb indes wenig Gelegenheit, sich daran zu gewöhnen. Dafür verstand sich der größenwahnsinnige Schnauzbart umso besser auf die Emotionen seiner Fans, von denen besonders die weiblichen schnelle Beute wurden. Zugegeben, nach 1945 kühlte sich die tiefe Verbundenheit zwischen Volk und (An)-Führer trotz der schönen Autobahnen generell etwas ab.

Zu Unrecht, wie man rechts meint. Zu Recht, wie die Erinnerungs- und Aufarbeitungsindustrie versichert. Bei soviel vaterländischer Zerrissenheit konnte es nur eine Frage des Timings sein, bis Super-Produzent Bernd Eichinger den Größten Feldherrn aller Zeiten mit kapitaler Kraft in den Untergang treibt. Kaum überraschend, dass sich anlässlich der erkenntnisarmen Götterdämmerung aus Zelluloid die Granden des Feuilletons als künstlerischer Flankenschutz verdingten, um den „Vater“ (der deutschen Filmakademie) vorab gegenüber jedweder Kritik an seinem Opus über die krepierende „Bewegung“ ab zu schirrmachern. Ziemlich übel, wie sich das totalitäre Universum ein weiteres Mal als Wunderwaffe gegen leere Kassen bewährte.

Aber der Apostel einer ungezügelten Kulturmaschinerie sind gar viele. Ganz frisch im Angebot: der stramme Max Färberböck („Aimèe und Jaguar,“ 1999) mit einer heiklen Frauensache aus den vermeintlich letzten Tagen der Menschheit und „dem letzten großen Tabu des Zweiten Weltkriegs.“ Keine Frage - der deutsche Film holt in Richtung Abgrund auf.

Im April 1945 nimmt die Rote Armee Berlin ein. Der Große Diktator hat ausgespielt. Die braune Suppe löffeln jetzt erstmal jene aus, deren Gefolgschaft den NS-Machthabern einst wie fest gemauert in der Erden vorkommen musste - Frauen. „Anonyma“ (Nina Hoss) ist eine von ihnen. Sie teilt das Schicksal Tausender. Die ehemalige Journalistin und Fotografin erduldet mehrmalige Vergewaltigungen durch rachebereite Sowjet-Soldaten. An den sexuellen Übergriffen der „Befreier“ zweifelt heute sicher kein vernünftiger Mensch; sie sind ja der Standardreflex aller Sieger. Was die bis heute anonym bleibende Autorin damals mit kühler Sprache aufzeichnete, ist erschütternd.
Aber.....

Fazit
Wie soll ein Film dem grausigen Objekt seiner Erzählung gerecht werden, wenn er den Hauptinhaltsstoff aus nahe liegenden Gründen nicht familientauglich visualisieren kann? Ganz einfach, indem er sich als Tabubrecher mit freier Interpretation von Liebe in Zeiten politischer Cholera tarnt und uns im Übrigen glaube macht, so war`s. So war`s sicher gelegentlich auch, meistens jedoch brutaler, erbarmungsloser. Zaghaft relativierend lässt der Regisseur durchblicken, dass diesen Untaten abscheuliche Verbrechen der deutschen Wehrmacht vorausgingen. So zeigt er ohne zu werten das sinnfreie Geworfensein menschlicher Schicksale in eine aufwändige Studiokulisse. Eindeutig Stellung bezieht der Film hingegen bei der Lautstärke, etwa beim Einmarsch der russischen Gladiatoren auf ihren flirrenden Tanks. Selbst die wenigen Ansätze aufrichtiger Rührung kehrt er rücksichtslos unter den musikalischen Lärmteppich.

Um der Zudringlichkeit der Soldateska zu entgehen, guckt sich die Frau in Berlin aus deren Reihen einen hochrangigen Beschützer aus. Der körperliche Einsatz bleibt für sie der gleiche, dafür erhöht sich ihre Überlebenschance. Genau wie die Vorahnung, dass die so zusammengefügte Zweckgemeinschaft im sentimentalen Nichts endet.

Es ist oft nicht leicht, ein Zuschauer zu sein. Nina Hoss als Tragödin vom Dienst in der (Haupt)- Rolle der unbekannten Heldin und echte Russen auf ihrem Good Will-Trip zu ertragen, verdient schon fast einen Orden. Die prominenten Zugaben von Irmgard Hermann bis Rüdiger Vogler und weitere Darsteller mit Anspruch machen die Big-Budget-Nummer leider auch nicht sehenswerter. Der überflüssige Kunstschrecken ist mehr Message in a Bottle, als ein bewegendes Drama aus dunkler Epoche – unbeteiligt, seelen- und leidenschaftslos.

Bewertung
20%

© 2012 Martin Graetz
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