Tage und Wolken - Redaktionelle Kommentare Film

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Leichter Schmerz vor Sehnsuchtskulisse

TitelTage und Wolken
Filmbewertung vom07.10.2008
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
Tage und WolkenFilm Bewertung
In Anbetracht der voll durchdigitalisierten Effektwelten kommt ein Film über Arbeitslosigkeit und seine Sozialunverträglichkeit fast schon einem Anachronismus gleich. Zufällig aber hat nun „in dieser traurigen Stunde für die Marktwirtschaft“ (Ex-Bankchef Häusler bei Anne Will) die globale Desorientierung Konjunktur. Und die bringt augenblicklich ganze Völkerstämme um den werbefreien Schlaf. Da könnte sich die reflexive Versuchung auszahlen. Ein sehr günstiges Zeitfenster also, das sich dem italienischen Streifen da unverhofft öffnete. Allein, der kann oder will den Strafstoß in die Eingeweide des Turbokapitalismus nicht verwandeln. Er arbeitet sich stattdessen an kreativen Leerverkäufen ab. Sein Regisseur (Silvio Soldini) formte aus der brisanten Thematik ein ziemlich unverbindliches „Brot und Tulpen“ Tremolo. Ein Klon, der sich nichts Böses dabei denkt, wenn einer aus dem Produktionsprozess fliegt, dem darüber hinaus auch noch der Charme seines 2001 gedrehten Dauerbrenners abgeht.

Das Ehepaar Elsa (Margherita Buy) und Michele (Antonio Albanese) ist zunächst gut aufgestellt, wie man in Unternehmenskreisen zu sagen pflegt. Michele ist zwar als Geschäftsführer einer Firma in Genua nicht völlig Herr im eigenen Haus, dennoch scheinen die finanziellen Verhältnissen der beiden Mittvierziger gesichert. Da Tochter Alice (Alba Rohrwacher) das elterliche Nest bereits verlassen hat, gibt man sich sorglos einem hohen Lebensstandard hin. Unter solch luxuriösen Umständen wirft man auch schon mal die Brocken hin, um sich mittels akademischen Grades selbst zu verwirklichen. So gönnt sich Elsa den Traum vom Doktortitel in Kunstgeschichte, nimmt ihr Studium wieder auf und besteht mit Glanz. Soweit der nachvollziehbare Auftakt für ein Gleichgewicht des bürgerlichen Schreckens; ein Fall für Zwei auf dem nicht zu steilen Weg nach unten. Aber wo gefeuert wird, hat die Realität meist noch Schlimmeres im Sinn.

So verständlich etwa der Ärger bei Elsa ist, als Michele ihr nach der Promotion gesteht, seit zwei Monaten ohne Job zu sein; die Anteilnahme hält sich beim Zuschauer dennoch in Grenzen. Ja, die Geschäftspartner kegelten ihn in demütigender Weise aus eben dem Betrieb, dessen Mitbegründer er einst war. Aber Elsa und Michele haben immerhin noch Ressourcen – eine Yacht zum Beispiel.

Dieser Volte liegt natürlich keinerlei Systemkritik zugrunde. Es handelt sich eher um individuelles Versagen der Beteiligten. Dem behaupteten Schock folgt die entschlossene Schadensbegrenzung durch Elsa. Sie bewährt sich als aktiver Teil der Beziehung. Sie verdingt sich bei gleich zwei Arbeitgebern, damit die angespannte Haushaltslage verdeckt bleibt und die gesellschaftlichen Verpflichtungen erfüllt werden können. Michele findet in der Abwärtsbewegung nur schwer Halt. Er ist frustriert (was der Betrachter versteht), während seine vergeblichen Bemühungen Arbeit zu finden (bei einer Top Personalie nicht unbedingt einsichtig), zur ehelichen Zerreisprobe führen. Der hoch qualifizierte Drop out heuert schließlich als Vespa-Kurier und Tapezierer an - kein überzeugender Drehbucheinfall.

Fazit
Jedenfalls, so die frohe Botschaft an uns, das Kinovolk: Mögen Tage und Wolken vergehen, Liebe und Verständnis bleiben für 115 Minuten als feste Größe bestehen. Wenn das emotional wiedervereinigte Paar gegen Ende des Films rücklings zu jenem Deckengemälde aufblickt, über das Elsa ihre Dissertation schrieb, dann ist man durchaus auf sakrales Pathos gefasst: Ehre sei dem restaurierten Schatz in der Höhe. In echt findet man dergleichen ja nicht einmal mit der Wünschelrute.

Der Film weiß einzig seiner superben Darsteller und stimmungsvoller Bilder wegen zu gefallen, weniger wegen seiner naiven Erbauungsgeschichte; die gehört auf den künstlerischen Prüfstand. Den fiktiven Impressionen aus Berlusconien fehlt einfach der Biss, die aktuelle Parallelwelt der Arbeitsplatz gefährdenden Zocker bleibt sowieso ganz außen vor.

In der demnächst startenden Dokumentation „Let`s Make Money“ offenbart sich eine noch größere Dimension menschenverachtenden Handelns. Dort doziert etwa ein millionenschwerer Investor über kommende Großchancen: „Man muss kaufen, solange das Blut noch auf den Straßen fließt.“ An anderer Stelle erklärt ein so genannter Wirtschaftskiller seinen Beruf, der ihm aufgibt, arme Länder in die Verschuldung zu treiben um sie anschließend erpressen zu können.

Geschichten, die das Leben fortwährend schreibt und deren politischer Mehrwert unter anderem darin besteht, vom Kino aufgegriffen zu werden, ehe Jahre und Wolken vergehen.

Bewertung
40%

© 2012 Martin Graetz
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