NoBody's Perfect - Redaktionelle Kommentare Film

(0 Bewertungen)

Das Pech der Anderen

TitelNoBody's Perfect
Filmbewertung vom09.09.2008
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
NoBody's PerfectFilm Bewertung
Nach 283 Verhandlungstagen fand am 18. Dezember 1970 der Contergan-Prozess sein unrühmliches Ende; durch Gerichtsbeschluss und – wohlgemerkt - ohne Urteil. Ziemlich unspektakulär also angesichts der gesamtgesellschaftlichen Relevanz des Falles. Die Justiz zeigte sich gegenüber dem beschuldigten Hersteller überaus verständnisvoll-nachsichtig. Auf soviel Entgegenkommen der Recht sprechenden Gewalt darf ein Hühnerdieb nicht zählen. Die schwarzen Roben erkannten trotz eindeutiger Beweislage nicht auf ein strafwürdiges Versagen zu Lasten Neugeborener und deren Eltern. Die vielstimmigen Warnungen aus Fachkreisen über die Gefährlichkeit des Schlafmittels empfanden die Verantwortlichen der seinerzeit in Stolberg (nahe Aachen) ansässigen Firma Grünenthal offenbar nicht als Schlag in ihr Wirtschaftskontor, obgleich sie doch schon fürchten mussten, die alarmierenden Meldungen über missgebildete Kinder könnten die Bilanz des Chemiekonzerns verhageln. Sie entschieden statt dessen, die belastenden Fakten im Vertrauen auf eine ihnen wohlgesinnte Regulierungsmacht einfach zu ignorieren, um weiterhin mit dem hochgiftigen Präparat Kasse machen zu können - eine Rechnung, die vor allem dank ihres Forschungsleiters Dr. Heinrich Mückter aufging. Der war schon damals kein unbeschriebenes Blatt mehr und aus Unternehmensperspektive der effektivste Mitarbeiter bei der skrupellosen Vermarktungsstrategie des Medikaments. Das dubiose Treiben des ehemaligen Stabsarztes während der NS- Zeit im polnischen Krakau zu hinterfragen, oder dessen nachmalige Rolle als Penicillinbeschaffer zu durchleuchten (in der er gesetzeswidrig tätig wurde und damit den sicheren Konkurs Grünenthals abwendete), erschien dem Hohen Gericht dagegen wenig opportun. Die Strafverfolger beließen es bei einer chemischen Reinigung seiner Stulpen und verhalfen dem wandlungsfähigen Doktor „wegen geringfügiger Schuld (der Angeklagten) und des mangelnden öffentlichen Interesses“ zu einer absolut Weißen Weste.

Und weiter ging das Leben in seinem kapitalistischen Gang. In jenen Jahren machte der „antifaschistische Schutzwall“ der DDR Quote, nicht die peripheren Details der weltweit 10.000 Kinder und deren zum Teil schwere Fehlbildungen. Der von Grünenthal entwickelte Verkaufsschlager mit dem verhängnisvollen Wirkstoff Thalidomid lieferte diese einem grauenvollen Schicksal aus und zog in der Regel wirtschaftliche Katastrophen nach sich. Unfassbar: Zeitweise gab man das Medikament sogar rezeptfrei ab. Wohl brachte das Unternehmen 51,13 Millionen Euro plus Zinsen in eine 1971 gegründete Stiftung ein. Aber natürlich hielt das Einstandskapital nicht lange vor; genau bis 1987. Ebenso natürlich sieht sich die Nachfolgegesellschaft (der Produktlinien von Dalli-Töchtern 4711, Tosca, Tabac Original, S. Oliver, Otto Kern usw.) mit rund 7000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz (in 2003) von 1,3 Milliarden € höchstens moralisch, nicht aber finanziell in der Pflicht. Doch noch ist man nicht aus dem Schneider. Möglicherweise nämlich sorgt eine internationale Kampagne der britischen Opfergruppe Nicholas Dobrik für neue Entschädigungszahlungen. Der derzeitige Rentensatz ist auf maximal 545 € begrenzt. Und selbst der wird von einem staatlichen Fond getragen. Weder gab es für all das inakzeptable Verhalten je ein Schuldeingeständnis, noch eine Entschuldigung seitens des Contergan-Produzenten; brutalst-mögliche Unternehmenskultur. Der bis heute folgenreichste Arzneimittelskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte bietet diverse Ansatzpunkte für ein fiktionales Kinowerk. Sieht man von dem durchaus gelungenen TV-Film „Eine einzige Tablette“ ab, kann man sich eine volle Runde langweilen. Denn still ruht die Globalisierung der in dramatische Bilder gefassten Aufarbeitung; weit und breit ist kein Projekt in Vorbereitung, das sich etwa auf den Verhandlungsmarathon und seine Folgen bezöge. Regisseur Niko von Glasow ist ein Betroffener der Umstände. Irgendwann zwischen der Markteinführung 1957 und dem Stopp des Gewinnbringers wurde er als Embryo beschädigt.

„Ich bin ein Filmemacher, der kurze Arme hat, verursacht durch die Droge Contergan,“ sagt er bündig. Sein Selbstwertgefühl kam ihm wohl nie ganz abhanden. Mit entwaffnend offensiver Lebenseinstellung bewältigt er ein Handicap, das seinen beruflichen Ambitionen nicht immer förderlich gewesen sein dürfte. Gerade von ihm eine erfundene Geschichte aus dem Schattenreich des Bösen zu erwarten, wäre zuviel verlangt. Nein, eine Dokumentation der wirklich einmaligen Art sollte es werden, in der eher beiläufig das grüne Band der Sympathie zwischen Geschäft und Moral zur Sprache kommt. Im Mittelpunkt sollten Contergan geschädigte Menschen stehen, mit deren Existenz der gleiche Anspruch auf Würde und Respekt verbunden sein muss wie bei Nichtbehinderten. Ausgehend von der Kalenderidee sollten zwölf nackte Persönlichkeiten buchstäblich in großem Rahmen zu sehen sein. Der 48-jährige Familienvater wählte elf Schicksalsgefährten aus, lichtete sie nackt für einen Bildband ab und stellte sie großformatig auf dem Kölner Roncalli-Platz direkt neben dem Dom aus. Das Passantenecho auf die durchaus ästhetisch gewagte Präsentation war entsprechend zwiespältig. Aber auch hier ist der Weg das Ziel. Die Suche nach den „Modellen“ bildet den spannenden Teil des ungewöhnlichen Projektes ab. Darunter findet sich eine lesbische Tangolehrerin, ein Astrophysiker, ein britischer Schauspieler, eine professionelle Sängerin aus Irland, eine Dressurreiterin von Weltklasse – lauter nette Leute, die der kreative Bewussteinsstrom Niko von Glasows streifte. Sicher klingt es in Zusammenhang mit schierer Tragik abgeschmackt, den Humor zu preisen. Aber wenn beispielsweise Matt Fraser (der englische Patient) zu Erklärungen anhebt, wie er vor der Fotosession selbst Hand an sich legte, um für die Kamera großmächtig zu wirken, ist das schönste Realsatire und spiegelt recht gut den optimistischen Grundton des Films. Weniger lustig dagegen Szenen aus der jugendlichen Parallelewelt, in der sich ausgerechnet ein schwarzer Junge über Behinderte auslässt.

Beim letzten Versuch hat sich Niko von Glasow als Produzent und Regisseur verhoben. Sein filmisches Denkmal für die Kölner EDELWEISSPIRATEN (2001) konnte nicht so ganz überzeugen.

Fazit
Als direkt Betroffener des Pharmadesasters macht er eine weit bessere Figur (man sehe das Wortspiel nach). Damit kann er zwar nicht den Kinomarkt fluten, weil sich der spezifische Charakter der Doku kaum glaubwürdig auf die Cinemaxxe übertragen lässt.

Dennoch verdient sein Film Anerkennung - NoBody`s Perfect.

Bewertung
60%

© 2012 Martin Graetz
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spam-Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können

 

Kinotraum-Newsletter

Immer besser informiert sein: Bestellen Sie den kostenlosen Kinotraum®-Newsletter!
Name:
Email:


Kinotraum-Newsletter bestellen
Powered By PageCache
Generated in 1.27947 Seconds