Mehr als ein Lippenbekenntnis
| Titel | Couscous mit Fisch |
| Filmbewertung vom | 26.08.2008 |
| Redakteur | Martin Graetz
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Film Bewertung Je härter die Zeiten, desto fruchthaltiger die kulturellen Konsequenzen. Während solcher Phasen finden die fundamentalen Dinge des Lebens sehr viel authentischer ins Kino, als im Zustand erhöhter Lebensfreude. Gemessen daran, dürfte über den Zuwanderern unseres EU-Partners Frankreich die künstlerische Sonne so schnell nicht untergehen. Ihr einstiger Migrantenstadl „Cinèma Beur“ („Tee im Harem des Archimedes,“ 1985 / „Lichtjahre von Paris,“ 1997) hat sich ethnisch voll emanzipiert und vertritt heute mit kommerziell erfolgreichen Produktionen den französischen Film. Einer der herausragenden Vertreter dieses von Immigration, Multikulti und Rassismus geprägten Genres dürfte auch dem deutschen Publikum geläufig sein: Abedellatif Kechiche (48), in Tunis geborener Regisseur und Schauspieler. Seit dem sechsten Lebensjahr in Nizza ansässig, gab Kechiche mit VOLTAIRE IST SCHULD seine viel beachtete Visitenkarte ab. Die 2001 entstandene Auseinandersetzung mit den „sans papiers“ (Ausweislosen) setzte kraft seiner arabischen Fabulierkunst ein hoffnungsfrohes Zeichen. Die bessere Rezeptur aber kommt dem Cous Cous- Menü zu Gute; sie stellt den guten Voltaire noch in den Schatten. Kechiche wirkt stilistisch gereift. Und er erweist sich hier als großer Geschichtenerzähler. Nicht etwa unter Zuhilfenahme raffiniert aufgepfropfter Handlungsstränge, Computer gestützter Verzierungen als Vorboten einer neuen Weltordnung oder gar potthässlicher Frauen, die nur mal eben ihren Haarknoten lösen, um gleich darauf wunderschön auszusehen. Nein, diese warmherzige Komödie breitet mit viel menschlichem Respekt vor seinen Figuren über satte zweieinhalb Stunden den Familienalltag der allerbanalsten Art aus, einschließlich deftiger Streitereien und der Frage, wie viel Windel-Geld die zweijährige Enkelin vernichtet, wenn sie weiterhin das Töpfchen meidet - und keine Minute scheint vergeudet. Wenn das kein Qualitätsnachweis ist.
Ein Mann, ein Traum. Der ausgemusterte Hafenarbeiter Slimane (Habib Boufares) im südfranzösischen Sète will es mit seinen gut sechzig Jahren noch einmal wissen. Er war längst nicht mehr den beruflichen Anforderungen seines Jobs gewachsen, aber die verbleibende Energie ist stark genug, dem wachsenden Gefühl der Nutzlosigkeit einen unmöglichen Plan entgegenzustellen: die Eröffnung eines eigenen auf Cous Cous und Fisch spezialisierten Restaurants. Da schießen gemeinhin die Zweifel allein schon wegen der bürokratischen Hürden wie Pilze aus dem Boden. Zumal sich der geschiedene Slimane eine Geliebte hält, deretwegen sein finanzieller Spielraum schrumpft. Ohne sein bescheidenes Startkapital aus der Abfindung für den Jobverlust bei der Werft wäre ohnehin jeder Gedanke an das Projekt überflüssig. Doch der gastronomische Traum nimmt wider Erwarten Gestalt in Form eines verrosteten Cutters an. Nicht zuletzt, weil der alternde Existenzgründer seinem zusammen gewürfelten Clan eng verbunden bleibt und der ihm nach und nach auf den optimistischen Leim geht. Wer sonst, außer der Ex-Frau, könnte schließlich im schwimmenden Gourmettempel die kulinarische Köstlichkeit zubereiten.
Die schmackhafte Metapher schlägt ihr Kapital aus Abdellatif Kechiches interkultureller Kompetenz und seiner beneidenswerten Fähigkeit den Cous Cous mit grandios-sinnlichen Verknüpfungen zu würzen; manchmal muss wohl statt der Liebe, das Bewusstsein durch den Magen. Wie er den unbeirrbaren Patriarchen zum einigenden Hoffnungsträger einer schöneren Zukunft lenkt ist umwerfend. Ausgerechnet diesen Part stemmt Laiendarsteller Habib Boufares in seiner ersten (und vermutlich einzigen) Rolle, nachdem der zunächst vorgesehene Vater des Regisseurs erkrankte und starb. Die gleichaltrigen Veteranen waren übrigens befreundet und verdienten tatsächlich früher ihre Baguettes im Hafen.
Fazit Ja, so ist das (preisgekrönte) Kino des Abdellatif Kechiche – immer auf Augenhöhe mit dem wirklichen Leben. Ihm und seinen Protagonisten haben die harten Zeiten zu neuem Selbstverständnis verholfen. Aber sonst geht es uns gut.
Bewertung
80%
© 2012 Martin Graetz
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