Gefühle auf Hochglanz
| Titel | ELEGY oder die Kunst zu lieben |
| Filmbewertung vom | 12.08.2008 |
| Redakteur | Martin Graetz
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Film Bewertung Menschen der Moderne, die verkabelten Wesen, wünschen sich ein möglichst langes, dabei erfülltes, vor allem aber faltenfreies Leben. Sie wollen, sie müssen anziehend und interessant bleiben, koste es das letzte bisschen Würde. Gegen Ende des irdischen Aufenthalts stolpern zwar die meisten über die Wurzeln des eigenen Wunschbaums; dennoch birgt der Kult um den süßen Vogel Jugend noch ungeheures Suchtpotential. Die Wenigsten erweisen sich gegenüber der Gefährdung resistent. Wie etwa „Lust“ und „Gier“ - Autorin Elfriede Jelinek, die schon 1990 „panische Angst vor dem Alter“ bekannte. Die inzwischen 61-jährige Nobelpreisträgerin empfindet für den eigenen Verfallsprozess nur Verachtung: „Ich bin ein Zombie. Ich lebe nicht.“ Nun lässt sich die österreichische Schriftstellerin in Ermangelung eines „normalen“ Selbstwertgefühls nicht repräsentativ der klar denkenden Minderheit zuordnen. In Bezug auf die Liebe und andere Dämonen wirkt ihre Weltsicht dennoch beachtenswert realistisch. Insbesondere dann, wenn wieder mal ein Fallbeispiel aus der Gattung unwiderstehlicher Mittsechziger mit kleinen Fehlern auf den Plan tritt. So jetzt zu bestaunen im 13 Millionen $ Missverhältnis zur literarischer Vorlage mit dem süffigen Untertitel ...“oder die Kunst zu lieben.“ Der Adaption durch die Spanierin Isabel Coixet („Mein Leben ohne mich,“ 2003) liegt das 2001 publizierte Werk des umstrittenen Pulitzer-Preisträgers Philip Roth „Das sterbende Tier“ zugrunde. Es thematisiert ein paar individuelle, gleichwohl allgemeingültige Wackersteine im Bauch seiner Protagonisten - vornehmlich Liebe und Vergänglichkeit. Special Guest ist der alte Affe Angst. Darin kostet der charismatische Professor David Kepesh („Gandhi“-Darsteller Ben Kingsley) mannigfaltige Affären mit abenteuerlustigen Studentinnen aus. Als umschwärmter Meister in der Disziplin Seitensprung lässt er die Puppen tanzen, aber nicht an sich heran. Schon diese Einführung schwächelt verdächtig. Sie hat sich mittlerweile bis hin zu lüsternen Prof. Unrat-Variationen verbraucht; den besten aller Roth-Stoffe dürfte die Regisseurin ohnehin nicht erwischt haben.
Es hätte denn auch gelenkter Dramaturgie bedurft, der Symbolik aktuellen Sexualrittertums neue Seiten abzugewinnen. Gegen stereotype Festlegungen aber spielen selbst (Film)-Götter vergeblich an. Penèlope Cruz („Volver,“ 2006) reißt sich erkennbar am Riemen, um dem 108-minütigen Kammerspiel ein leidenschaftlich-plausibles Finale zu ermöglichen. Sie ist es, die als Tochter (Consuela) kubanischer Immigranten dem überreifen Kepesh das Blut in die Lenden schießen lässt. Aus dem heißen Techtelmechtel schlittert der späte Frauenversteher in eine obsessive Zuneigung zu der atemberaubenden Schönheit. Nun wird das Schicksal wortreich tätig. Consuela ist dem Macho nicht nur gewogen, sondern intellektuell gewachsen. Das hat seinen Reiz, verstärkt beim alternden Kepesh aber die Bindungsunwilligkeit. Darüber und einiges mehr tauscht sich der seit langem geschiedene Schöngeist gern mit seinem seelenverwandten Dichter-Freund George O`Hearn („Blue Velvet“ - Dennis Hopper) aus. Der ist selbst Schwerenöter genug, um Kepeshs Situation zu verstehen. Sein Rat: Weg mit der Dame, bevor die Fellatio langweilig wird. Außerdem gibt ihm der Alterunterschied zu denken. Dann lieber gleich die alte Gewohnheit pflegen, bei der das Klavierspiel die Masturbation verschönt, - oder umgekehrt. Für gefühlige Komplikationen jedenfalls stehen Beide nicht zur Verfügung. Kepesh hält sich für unverbindliche Intermezzi noch ein weiteres Steckenpferd - eine ehemalige Studentin und Karrierefrau (Patricia Clarkson), deren Verfallsdatum seinem eigenen nicht nachsteht, die ihm aber durch langjährige Vertrautheit ein familiäres Feeling vermittelt. Darum ist es nämlich gar nicht gut bestellt. Bei keinem Betthaserln würde er solch Doppelspiel dulden. Hier kommt eine der zentralen Aussagen des sterbenden Tieres zum Tragen: „Mit Sex übt man auch Vergeltung am Tod.“ Fragt sich, ob Kepesh Junior (Peter Sarsgaard) bereits diesen Anspruch für sich reklamieren sollte. Er ist Ehemann und Vater. Aber seine Beziehung ist ebenfalls längst ausgezehrt. Der renommierte Arzt ist im Begriff jenen Weg zu nehmen, den er dem Vater so häufig zum Vorwurf machte.
Der verstrickt sich immer tiefer in die Ambivalenz seiner Seminar-Eroberung. Der gebrochene Casanova und das (am Schluss kranke) Mädchen; zwei unglücklich Liebende ohne Zukunft.
Fazit Mit ELEGY haben die beteiligten Darsteller ihren künstlerischen Status vollauf bestätigt. Das ist Starkino vom Allerfeinsten. Soll aber das (Gesamt)- Werk den Meister loben, käme Segen nur von oben. Die Regie bevorzugte den rhetorischen Feinschliff. Der Gehalt an Atmosphäre ist dagegen verschwindend gering. So verpuffen die herausragenden Leistungen einzelner Schauspieler im brillanten Nebeneinander. Beim Spiel zwischen den Hauptfiguren (Penèlope Cruz und Ben Kingsley) stellt sich beispielsweise nie das Empfinden großer Leidenschaft ein; da groovt absolut nichts.
Beim nächsten Mal wird alles besser - vielleicht......
Bewertung
60%
© 2012 Martin Graetz
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