39,90 (Neununddreißigneunzig) - Redaktionelle Kommentare Film

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An den unbekannten Konsumenten

TitelNeununddreißigneunzig
Filmbewertung vom29.07.2008
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
NeununddreißigneunzigFilm Bewertung
Nicht jeder Wunsch verdient seine Erfüllung. Im Zweifel also immer für den Adressaten, der es an den Ohren hat. So ward dem Quotenbringer Dr. Wladimir Klitschko glücklicherweise kein mediales Echo zuteil, als der das Gerücht streute, seinen nächsten WM-Kampf vor „einem vollen Publikum“ auszutragen zu wollen. Oder die Ankündigung ging in Zeiten des rasenden Stillstands einfach unter. Aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben. Eines trüben Tages wird man die schärfsten Elemente aus der abgesetzten Ballermann-Gala zu einer schlagkräftigen Freakshow formen, bei der den Bierleichen die akademische Faust im Nacken sitzt. Für die gültige Umsetzung der (wie Borat sagt) gesellschaftlichen „Lernung“ kann es nur einen geben: den Werbezirkus. Jenes 39,90-Universum, bei dessen glänzender Außenansicht der Normalbürger zum willenlosen Wesen mit eingebautem Kaufimpuls schrumpft, zum Waren-Zombie, der kaum noch zwischen Illusionssystem und Realität zu unterscheiden vermag. Im Inneren des koksgepushten Fightclubs weiß man freilich nur zu gut um die Kehrseite der Marketing-Medaille. Die Protagonisten verhängen den Schrein ihre Ängste und Neurosen einfach mit popkultureller Coolness, um so das Runde an persönlichen Idealen im Eckigen marktwirtschaftlichen Überbaus unterzubringen. Es ist halt sauschwer, menschliche Qualitäten gegen das berufsverinnerlichte Gierprinzip durchzuboxen. Für Werbestrategen ist eben das Leben ein einziger Katalog - „alles ist käuflich: die Liebe, die Kunst, der Planet Erde, Sie, ich.“ Solch branchentypische Geschäftslyrik hält zwar keinem ethischen Grundsatz stand, lässt sich allerdings phantastisch als Steilvorlage wider die Königsdisziplin monetärer Raffinessen nutzen. Frèdèric Beigbeder, der Manipulationsexperte mit Anspruch, erkannte das Potential sowohl seiner Zunft insgesamt, als auch das seiner eigenen Beteiligung daran und brachte es vor acht Jahren zu Papier. Damit landete das französische Enfant terrible in Diensten der Agentur „Young & Rubicam“ einen literarischen Knaller.

Seine Bosse fanden an der autobiografischen Niederschrift weniger Gefallen. Sie sahen sich vom erfolgreichen Mitarbeiter und nunmehrigen Schriftsteller mit einem entlarvenden Pamphlet über den Tisch gezogen und feuerten ihn. Da versteht die Branche (in der weltweit pro anno immerhin an die 500 Milliarden Dollar verbraten werden) keinen Spaß; hat man doch das Monopol auf (häufig) arglistige Täuschung selbst gepachtet. No problem, lachte sich wohl Beigbeder. Produziere ich jetzt halt statt flotter Sprüche für Kunden wie Barilla, Wonderbra oder Danone, wirtschaftliche Bestseller. Der polemische, geistreich- herabwürdigende Minnesang an das künstliche Gewerbe war für den studierten Politikwissenschaftler sicher ein gutes Entree bei ELLE und PARIS MATCH. Als umschwärmter Autor konnte er die Seiten ohnehin weit gefahrloser wechseln, als der gemeine Verkäufer mit Harz IV-Perspektive. Die später anstehenden Filmrechte wird der Medienprofi wohl ebenfalls nicht gerade zum Nulltarif vergeben haben. Erstaunlich lange schmorte der Roman dennoch vor sich hin, bevor das Kino reagierte. Seinen Erkenntniswert beeinträchtigt das freilich in keiner Weise. Dem geneigten Leser bzw. Kinobesucher dürfte der werbestrategische Bluff auch weiterhin ein zeitloses Buch mit sieben Siegeln bleiben. Andernfalls wäre der mündige Konsument (auch ohne den Tritt vors Bewusstsein) längst Wirklichkeit. Im Gegenteil erlangten viele der täglich etwa 4000 Reklame-Botschaften trotz einfältiger Machart regelrechten Kultstatus. Alle Macht den Marktschreiern. Befremdlich dennoch, wie konsequent sich nahezu sämtliche Zielgruppen von den eigenen Interessen bedarfsgerechter Warenverteilung distanzieren. Um nicht existierende Bedürfnisse zu wecken, bedarf es doch zunächst einmal der Akzeptanz bei der Kundschaft. Sie wird von keiner äußeren Macht gezwungen, sich auf den so genannten Konsumterror einzulassen. Diesem Phänomen schenkt auch Frèdèric Beigbeders berufliches Coming-out wenig Beachtung, obgleich die meisten Karriere-Bibeln vor diesbezüglichen Zynismen nur so strotzen. Aus seinem ehemaligen Aufgabengebiet weiß der Propagandist des schönen Scheins hingegen Aufregendes zu berichten.

Nicht zuletzt über sich, den exzessiven Genießer des vollen Programms und wie er den Werbekrieg gewann. Wie dann selbst die berüchtigt weiße Linie nicht mehr die wachsenden Zweifel am eigenen Tun unterdrücken konnte.
Nach seinem Erscheinen galt 39,90 (der Titel leitet sich von seinem tatsächlichen Kaufpreis ab) als skandalträchtig. Die authentische Vorlage wurde acht Jahre später im Tal der Ahnungslosen geborgen und nun über den 3. Bildungsweg von Jan Kounen („Dobermann,“ 1998) zur satirisch überhöhten Abrechnung auf der Leinwand. Im Zentrum der werbekritischen Themenbesteigung steht Texter Octave Parango (Jean Dujardin), dem bei dem Versuch die Realität durch Werbung zu ersetzen, eine wichtige Rolle zukommt. Octave bedient sich zur Orientierung in diesem speziellen Marktsegment einleuchtender Metaphern: „Die Armen kaufen Drogen, um sich Nikes zu kaufen. Die Reichen verkaufen Nikes, um sich Drogen zu kaufen.“ Sein gedoptes Ego ist auf amoralische Prioritäten gepolt, seine ökonomische Lebensmitte stets die Fettseite. Er definiert freihändig, wie die materiellen Bedürfnisse von morgen aussehen sollen, entscheidet eher nach Laune als nach Lust welche Models nach rauschenden Partys sein Schnee bedecktes Lager teilen dürfen; ein wahres Leben wie Gott in Frankreich. Jedenfalls solange, bis das Werbe-Ass durch seine Designerbrille erkennt, dass es selbst Opfer der Wertschöpfungskette ist - mit freilich märchenhaften Rahmenbedingungen. Wie so oft, wirkt dabei eine Frau als Katalysator der Geschichte. Octave trifft auf seine große Liebe Sophie (Vahina Giocante) und vermasselt prompt alles wegen eines Schwangerschaftstests. Also erstmal runter von der Überholspur und über Schuld und Sühne nachdenken. Das Ergebnis ist ein Zweistufen-Plan: dem System professioneller Verlogenheit einen gehörigen Denkzettel verpassen um anschließend mit reichlich Abfindung auszusteigen.
Jan Kounens Inszenierung hat eine grellbunte Kopfnote; in jeder Phase überdreht, aber überaus unterhaltsam und erhellend.

Auch was der Zuschauer darüber hinaus schon immer etwas genauer wissen wollte, beantwortet der Film stilecht. Liegt das Geschäfts- und Geschlechtsleben realer Vorbildern im Trend? Wenn ja, wie kann der abgebrochene Studiosus bei seiner Bewerbung sicher sein, dass die Kreativabteilungen nicht morgen den Verzicht auf Drogen, attraktive Models, jede Menge Sex und wilde Orgien als neues Ideal preisen? Nun ja, die einen sagen so, die anderen so. Eindeutiger lässt sich über den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Hintergrund des Films befinden. Während Beigbeders Alter Ego die Treppe hinauffiel, geht es im Allgemeinen für Opponenten wie Querulanten um eine wesentlich härtere Gangart. Aus aufgeblasenen Symbolen beiderseits der emotionalen Begrenzung wird blutiger Ernst. Ein Dialogauszug des demnächst startenden Films „Reise in das Reich der Camorra“ veranschaulicht das sehr deutlich. In der betreffenden Sequenz geht es um den Bereich des Giftmüllmanagements, mit dem sich der neue Mitarbeiter schwer tut:
„Diejenigen, die vorgeben das hier sei amoralisch, dass die menschliche Existenz ohne Moral undenkbar ist, die Wirtschaft Grenzen und Regeln haben muss, denen sie gehorcht, die werden nie erfolgreich nach der Macht greifen können, sie haben sich vom Markt besiegen lassen. Ethik, das ist die Bremse der Verlierer, der Schutz der Besiegten, die moralische Rechtfertigung all jener, die nie alles auf eine Karte gesetzt und alles an sich zu raffen wussten.“

Fazit
Hier trug übrigens der alltägliche Wahnsinn satirische Züge. Denn im Spielfilm fanden die italienischen Spaßbremsen immerhin eine interne Lösung für ihr Müllproblem. In Wirklichkeit nahm ihnen der Deutsche Michel die kontaminierte Last in Richtung Rheinland ab.
Aber das ist eine andere Geschichte.

Bewertung
80%

© 2012 Martin Graetz
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