Auge in Auge - Eine deutsche Filmgeschichte - Redaktionelle Kommentare Film

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Verklärender Rückblick

TitelAuge in Auge - Eine deutsche Filmgeschichte
Filmbewertung vom01.07.2008
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
Auge in Auge - Eine deutsche FilmgeschichteFilm Bewertung
Die deutsche Filmgeschichte ist wie das Leben - eine fassadenreiche Baustelle, auf der uns transzendenzerprobte Leasingkräfte (etwa Doris Dörrie mit „How to Cook Your Life“) mit spirituellem Mumpitz Erleuchtung garantieren, verdiente Oldies a là Wim Wenders den BAP machen, um dann festzustellen, es sei viel passiert. Manch einer parfümiert sich bereits im besten Schöpfungsalter (Tom Tykwer) für den Bernd Eichinger Memorial Day – Wandel durch Anbiederung. OK, die Regisseure Michael Althen (Filmjournalist) & Helmut Prinzler (Filmhistoriker) befragen ihre einschlägig bekannten Gesprächspartner nicht zu aktuellen Produktionen. Es geht in dieser Dokumentation vielmehr um „die großen Momente des deutschen Kinos,“ also um geradezu prähistorische Triumphe deutschen Filmschaffens, eine visuelle Entdeckungsreise querbeet durch die letzten rund einhundert Jahre. Fünf Regisseure, zwei Regisseurinnen, ein Schauspieler, ein Drehbuchautor und ein Kameramann bilden das Kompetenzteam für Atlhens/Prinzlers Promi-Bütt. Aktive Mitglieder derselben Zunft geben (zu) brav Auskunft über die altvorderen Koryphäen der Leinwand; über Friedrich Wilhelm Murnau („Nosferatu,“ 1921/22), Helmut Käutner („Unter den Brücken,“ 1944), Edgar Reitz („Heimat,“ 1984)), Robert Siodmak/Edgar G. Ulmer („Menschen am Sonntag,“ 1929) oder Fritz Lang („M,“ 1931). Die Diskrepanz zwischen Vorgestern und Heute lässt seine Interview-Paten freilich ziemlich alt aussehen, weil sich mit deren eigenen Werken das hohle Ausmaß ihrer künstlerischen Elementarteilchen erschließt (abgesehen von Michael Ballhaus, den kongenialen Kameramann R.W.Fassbinders). Überdies schlug bei den Auswahlkriterien (Klassiker oder nicht, lohnend oder nicht) der große Vorschlag-Hammer nach arg subjektiven Kriterien zu; wohl auch stets Auge in Auge mit den rechtlichen wie betriebswirtschaftlichen Zwängen.

Die Hommage an die verschiedenen Epochen bietet substanziell wenig Aufregendes. Kurze bis sehr kurze Ausschnitte aus insgesamt 251 Streifen mögen für ein Rate-Qualifying gut sein, ein abendfüllender Kinofilm sollte seine Unterhaltungspflicht ernster nehmen. In Erinnerung behalten wird den aufgewärmten Kulturbrei vor allem das jugendliche Publikum ohnehin nicht. Es sind cineastische Appetithäppchen, die keinen Widerspruch provozieren. Sie nehmen nichts, sie geben nichts. Sie verbinden das Wissen vom Rausch, von Sinnenlust, von schlimmsten Verbrechen, von der Todfeindschaft der Geschlechter mit den Kräften der Wissenschaft, des Nihilismus oder des Absolutismus unterschiedslos zu einer schwammigen Metaphorik. Wer den Avantgarde-Kick sucht, liegt hier wahrlich falsch.

Dafür werden dem jeweiligen Lieblingsfilm schön durchgestylte Nostalgiegedanken mitgegeben.

Was ist so deutsch am deutschen Film (fragt das vermutlich gar nicht existierende Drehbuch)? Der Protagonist (Tom Tykwer) antwortet: „Seine tendenzielle Enge, seine inszenierten Beklemmungen.“ Schon mal ein prima Statement.

Jetzt Dominik Graf: „Das Überzeichnen und die Art, wie mit der Sexualität als einer einzigen Quälerei umgegangen wird.“ Auch nicht schlecht. Noch einen?
Christian Petzold: „Es muss im deutschen Film immer eine Schwere, eine Tiefe geben, eine mythisch durchtränkte Erde.“

So ist es. Und ihr seid daran natürlich unbeteiligt.

Fazit
Kein Zweifel: Die Herren sollten ihre Vorbilder wechseln oder sich wenigstens von Scarlett Johansson die Trübsal wegblasen lassen, bevor sie den Kanon vollends ruinieren.

Einstweilen schließen wir die Augen, dann sehen wir weiter.

Bewertung
20%

© 2012 Martin Graetz
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