Der Weg nach unten
| Titel | Julia |
| Filmbewertung vom | 17.06.2008 |
| Redakteur | Martin Graetz
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Film Bewertung Wenn das Leben zum Frontalunterricht ausholt, kommt Tilda Swinton in Fahrt. Für ihre künstlerischen Ambitionen macht sich die Frau unter blaublütigem Einfluss gern und meistens sehr gut menschliche Abgründe („Female Perversions,“ 1996) zu eigen. Ohnehin sieht sie die Menschengemeinschaft als Illusion. Das Streben nach Glück sei generell die falsche Spur und nur ein schnödes Ablenkungsmanöver von den wirklich wichtigen Dingen. Die ehemalige Ikone des Independent-Kinos zieht privat den kreativen Müßiggang dem flüchtigen Geschmack von Vanille-Eis vor. Und das ganz offensichtlich zum Wohl ihres Berufsstandes. Swinton muss ob ihres Lobliedes auf die Faulheit kein Gelächter fürchten; ihre konstant herausragenden Leistungen sprechen für sich. Wer könnte der Titelrolle einer animalisch Getriebenen mehr Ausdruck verleihen, als die schottische Lady. Ihre One-Woman-Show als Julia, die mit den inneren Dämonen tanzt, übertrifft noch die Oscar prämierte Rolle aus dem Juristen-Thriller „Michael Clayton“ (2007). Diese komplexe Persönlichkeit steht für präzise Charakterstudien. Ihr Spiel lässt sich am ehesten mit dem des männlichen Kollegen Philip Seymour Hoffman („Capote,“ 2005) vergleichen. Der amerikanische Theater- und Filmstar pflegt ja ebenfalls bis zur letzten Pore in seinen Rollen aufzugehen. Solch geniale Schlachtrösser zu bändigen, damit sie nicht an der eigenen Ekstase zugrunde gehen, ist auch nicht jedermanns Sache.
Tilda Swinton, einstige Galionsfigur der englischen Avantgarde, Muse des mit 52 Jahren früh verstorbenen Derek Jarman („Caravaggio,“ 1986) und Regisseur Erick Zonca („Liebe das Leben,“ 1998) – eine Zweckgemeinschaft die ansehnlichen Kino-Mehrwert versprach. Und die Erwartung trog nicht. Der Franzose Zonca baute um den Vulkan Swinton herum einen Film wie aus Lava gebrannt; rau, brutal, ehrlich.
Dabei lehnt er sich thematisch an John Cassavetes „Gloria“ (1980) an. Jene Mafiabraut rettet einen sechsjährigen Jungen, dessen Familie von der „Firma“ liquidiert werden soll.
Die Ausgangssituation der Julia-Story ist gegenläufig und sozial um einiges tiefer gelegt, aber auch hier dominieren vom ersten Aufschlag an dramatische Wechsel. Der Zuschauer bekommt es zunächst mit einer feuer-rothaarigen Schlampe zu tun, die sich zwischen Billigjobs und One Night Stands die Kante gibt, ihren einzigen Freund vergrault und an „die Deutung des Verhältnisses zwischen dem Menschen und seiner Welt“ keine Sekunde verschwendet. Doch selbst im Zustand völliger Indifferenz funktioniert ihr Überlebensinstinkt. Als die mexikanische Nachbarin mit einem familiären Anliegen an sie heran tritt, wittert Julia einen lukrativen Deal. Gegen entsprechende Bezahlung wird sie den beim Opa lebenden Sohn entführen. Noch lukrativer erscheint ihr freilich die Idee, den neunjährigen Jungen auf eigene Rechnung zu kidnappen. Immerhin sollen sich bei dem alten Herrn 2 Mio. $ holen lassen. Der Film zeigt bis zu seinem mörderischen Tie-Break, wie der Duft des Geldes das Bewusstsein aller zerfrisst. Für Julia laufen die Dinge schlecht. Ihre Odyssee mit dem Halbwüchsigen endet in Mexiko, wo einheimische Geiselgangster bereits darauf brennen, ihr gegenüber Mindestlohnforderungen mit der Knarre durchzusetzen. Die Nummer ist einfach zu groß für sie. Sie wird das Match seelisch und körperlich arg gezeichnet überstehen, vielleicht künftig mehr Punkte machen, wenn sie reifer und verantwortungsvoller zu handeln gelernt hat. Sicher ist das wohl auch nicht, führt man den künstlerischen Ansatz zu Ende. Es sei denn, man nimmt die Wandlung Julias während der ausgedehnten Landpartie für bare Münze, bei der sie von einer geldgierigen Trinkerin zum Muttertier wurde, das sich aufopferungsvoll kämpfend vor den fremden Sprössling stellt. Ihr Weg nach unten lässt (zum Glück) eher an einen realistischen Spielabbruch denken, als an ein zauberhaftes Julia-Schauspiel.
Fazit Die Geschichte einer Frau, die unkonventionell auf die Tiefschläge des Lebens reagiert und die Konsequenzen ihres Handelns tragen muss, ist ein ungeheuer starker Film.
Bewertung
80%
© 2012 Martin Graetz
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