Die Hochstapler - Redaktionelle Kommentare Film

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Von der Kunst der Täuschung

TitelDie Hochstapler
Filmbewertung vom23.04.2007
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
Die HochstaplerFilm Bewertung
Selbst wenn „Dirty Harry“ seine letzten Sendejahre in der Anstalt für schwer erziehbare Mainzelmännchen verbrächte, wäre das nicht der Untergang des Schwabenlandes. Ohne „Demut vor dem Teleprompter“ (SPIEGEL) streckt heute ja auch kein anderer Holzammer mehr die „kalte Hand der Versuchung“ aus. Die „Welt“-Meinung zu Harald Schmidts ZDF- Schnuppermoderation fiel dennoch harsch aus. Dabei erfüllte der vom Terminglück begünstigte „Seniorenpraktikant“ gewohnt souverän die Entertainerkriterien. Sein „überflüssiger“ Gastbeitrag bezog sich lobend auf eine Film-Dokumentation, die fast ausschließlich in den eigenen vier (Gefängnis)-Wänden schlitzohriger Helden realisiert wurde und die in Bezug auf Spannung sowie gesellschaftspolitische Relevanz mit manch narrativ umgesetzter Großproduktion Schritt halten kann. Für den bislang nur durch TV-Arbeiten („Tatort“) aufgefallenen Alexander Adolph (Buch und Regie) sollten sich damit die Kinopforten weit öffnen. Sein exorbitantes Gaunerquartett sieht sich in der Tradition alter Märchenerzähler. Aus den Titel gebenden Protagonisten spricht allerdings kein Till Eulenspiegel. Hier erlebt der Zuschauer charakterlich völlig deformierte Existenzen beim rhetorischen Tanz ums Goldene Kalb. Selbst literarische Vorbilder vom Schlage Felix Krull können mit dem ausgeprägtem Erwerbs- und Geltungsdrang der Knast-Talker nicht mithalten. Von den teils prominenten Opfern werden sie wahlweise mit bösen Attributen belegt, oder wegen ihres fröhlichen Geldvernichtungswahns offen bewundert - ihrer ist die Narrenkappe.

Denn dass die notorischen Hochstapler einen so radikalen Flurschaden anrichten konnten, lässt sich nur mit der unfasslichen Mischung aus grenzenloser Leichtgläubigkeit und flächendeckender Gier seitens der Geschäftspartner begründen. Genüsslich schildert Jürgen H. (45) seine kriminelle Biographie als „Vollstrecker des Geierkapitals.“ Die brachte dem Schillernsten der glorreichen Vier sogar ein eigenes Kapitel in der Musikhistorie ein, als er einen deutschen Popproduzenten über den Tisch zog. Von allen guten Geistern verlassen, alimentierten geldgeile Anleger wider jede Vernunft die fabelhafte Welt des Jürgen H. Übermütig kitzelte der ehemalige Sonderschüler schließlich aus einem berühmten Manager mehrere Millionen DM, um ihm einen live übertragenen Millenium-Flug zum Mond aufzuschwatzen (der natürlich nie stattfand). Torsten S. (40) aus der Ex-DDR fand zwischen diversen Haftzeiten zu immer neuen Identitäten. Mittellos gibt er sich als Diplomat und persönlicher Freund Joschka Fischers aus. Im tiefsten Mecklenburg-Vorpommern organisiert er als amerikanischer Major eine Nato-Sicherheitskonferenz, binnen weniger Stunden stellt er den ganzen Laden auf den Kopf, speist mit dem Bürgermeister und die Polizei ist zufrieden. Auch Mark Z. (35) war der Eigendynamik dieser Traumwelt verfallen. Nach dem Tod seines Bruders führte er ein Doppelleben. Als Textilkaufmann stellte er Monatsgewinn-Rekorde auf. Als freier Vermögensberater betrog er Kunden mit dubiosen Immobilien. Für den Film suchte er immerhin bewusst die Konfrontation mit einem der Geschädigten, „um vor Leuten wie mir zu warnen.“

Fazit
Peter G. (60) verschrieb sich dem Motto: „Lieber betrügen als betrogen werden.“ Diesen Ansatz perfektionierte er bis aus ihm ein „somebody“ auf dem Gebiet wurde. Genau wie die anderen drei Intensivtäter wurde er durch die juristische Spaßbremse aus dem Zahlungsverkehr genommen; in seinem Fall schmachvoll, weil ihn der eigene Bruder festnahm. Der Scheck- und Urkundenfälscher hatte das Gesetz dermaßen strapaziert, dass man ihn zu Sicherheitsverwahrung verdonnerte. Alexander Adolphs formal am Kammerspiel orientierte Persönlichkeitsstudie ringt den „Händlern von Fiktionen“ ein Menschenbild ab, das beim Zuschauer vielfältige Reflexionen auszulösen vermag. Wie verändert die Lüge das Wesen? Welche Defizite sind bestimmend für den Ausbruch verheerender Profilneurosen? Die Einsitzenden, das wird überdeutlich, sind nicht nur Gefangene der Rechtsprechung, sie trugen wegen ihres fehlenden Bezug zur Wirklichkeit, vor allem bedingt durch frühkindliche Kainsmale, ihr Scheitern längst in sich. Äußerungen wie folgende manifestieren Ängste und Zweifel an einem wahrhafteren Dasein besonders: „Wenn ich jemandem Vertrauen schenke, bin ich verletzlich,“ oder: „Ein Betrüger glaubt im Prinzip nichts!“ Die zuverlässigste Konstante der Einzelgänger bleibt ihre Einsamkeit. Und die muss wohl oft genug eine moralischer Überhöhung ihrer Täuschungsmanöver rechtfertigen. Da nun aber auch bei den Geprellten soziokulturelle Mechanismen wirksam sind, verschwimmt das Bildnis argloser Opfer erheblich. Welche Seite der geldgeilen Medaille schuldiger ist, weiß sicher nur der Mann im Mond. Mit seinem Hochstapler-Psychogramm verstärkt Alexander Adolph die Auswahl überdurchschnittlich unterhaltsamer Doku-Filme made in Deutschland auf verheißungsvolle Weise. Hoffentlich kommt nach dieser Kür jetzt nicht die Pflicht am Tatort.

Bewertung
80%

© 2012 Martin Graetz
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