Black Book - Redaktionelle Kommentare Film

(0 Bewertungen)

Das Mädchen und der Nazi

TitelBlack Book
Filmbewertung vom07.05.2007
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
Black BookFilm Bewertung
Für das deutsche Reich des Bösen steht erneut der Untergang an – zur Abwechslung mal im angrenzenden Tulpenparadies. Zwar ist mit wachsendem Zeitabstand zur Naziära die Trennlinie zwischen historisch redlicher Orientierung und fiktionalem Kawum kaum mehr auszumachen. Aber dieser Aderlass an Geschichtsbewusstsein dürfte nur Wenige der Nachgeborenen um den Schlaf bringen. So macht es eigentlich keinen Unterschied, ob der gehobene Polit-Thriller BLACK BOOK auf wahren Vorkommnissen basiert – wie sein Schöpfer Paul Verhoeven versichert, – oder ob das am US-Studio geschulte Auge des Regie-Veteranen schlicht auf den kinematographischen Busch klopft. Nach 20 Jahren wechselvollen Hollywood-Schaffens kehrte der gebürtige Holländer in die Heimat zurück, um einen lang gehegten Albtraum loszuwerden. Verhoeven schaffte einst mit ROBOCOP (1987) den internationalen Durchbruch, gefolgt von dem Blockbuster TOTAL RECALL (1990) und dem Bahn brechenden Edeltrash BASIC INSTINCT (1992). Mit einem für europäische Maßstäbe deftigen Budget von knapp 18 Mio. € verfilmte er vergangenes Jahr die Summe der zur Neige gehenden Besatzer-Herrlichkeit in den Niederlanden, inspiriert von „Geschichten, die das Leben selbst schrieb,“ dessen Realitätsgehalt sich zudem mit eigenen Erinnerungen decken soll. Als Siebenkäsehoch will Verhoeven auf dem Boulevard der Nazi-Dämmerung manch Grauenhaftes erlebt haben. Zu Gunsten der jungen Generation trägt sein Film allerdings auch einer alternativen Gewichtung Rechnung. In der steht, neben actiongeladenen Passagen, Liebe und Sex vom Feinsten Mittelpunkt.

Und da es sich bei dem Weltkriegsdrama um eine paneuropäische Produktion mit majorativ deutscher Beteiligung handelt, dürfen auch hochkarätige German-Stars wie Sebastian Koch, Christian Berkel oder der TV-Volontär Waldemar Kobus glänzen. Paul Verhoeven beschwört in dem Film die Endphase des deutschen Rollkommandos und die Aktivitäten der Widerstandsgruppen im benachbarten Königreich. Während dieser Chaostage meucheln die arischen Fremdherrscher Rachel Steins (Carice van Houten) Familie auf der Flucht. Zusammen mit einer Gruppe anderer Juden und ihren Angehörigen wollte sie sich per Boot in den bereits befreiten Süden des Landes retten. Das Schiff wird jedoch von einer deutschen Patrouille aufgebracht; nur Rachel überlebt das folgende Massaker. Die attraktive jüdische Sängerin schließt sich daraufhin der Widerstandsbewegung an und geht als Ellis de Fries ein taktisches Verhältnis mit dem Gestapo-Offizier Müntze (Sebastian Koch) ein. Dank ihrem vitalen Körpereinsatz müsste es gelingen, gefangene Widerstandkämpfer zu befreien. Als das riskante Planspiel des politischen Untergrunds scheitert, brandmarken sie die Militärs als Spionin, die eigene Fraktion als Verräterin und „jüdische Schlampe.“ Rachel/Ellis taucht abermals unter. Jetzt gemeinsam mit Müntze, der sein Heil bald ohne Hitler sucht, dafür an der Seite jener Frau, die sich ursprünglich auszog, um sein Verderben zu beschleunigen. Die sich Identität verdeckend sogar das Schamhaar blondierte, um sich als Mata Hari für die Resistance zu prostituieren. Gereinigt durch das moralische Fegefeuer der Liebe, gerät das Paar erst recht zwischen die Fronten. Beide sehnen den Zusammenbruch der Nazis und die Landung der Alliierten herbei. Schließlich naht die Stunde der Abrechnung. Rachel entlarvt den Verräter. Doch der hereinbrechende Friede lässt sie plötzlich im Zwielicht erscheinen; sie wird verhaftet, verhöhnt, geächtet.

Fazit
Der Filmtitel bezieht sich auf das damals tatsächlich existierende schwarze Buch eines Den Haager Anwalts, dem möglicherweise eigene Verstrickungen innerhalb des dunklen Kapitels deutscher Besetzung zum Verhängnis wurden; immerhin sollen darin brisante Kollaborationsdetails aufgelistet gewesen sein. Kurz nach Kriegsende fiel der Mann einem Mordanschlag zum Opfer.

Paul Verhoeven, seines Zeichens auch Doktor der Mathematik und der Physik, hat beim „abgründigen Spiel aus Sex und Gewalt“ penibel auf die Gebote von großer Unterhaltung, Plausibilität und darstellerischer Präsenz geachtet; eine böse Lektion für die nationalen Regie-Nesthocker Dass er außerdem geschickt den Finger in die latent antisemitische Wunde seiner Landsleute legt, dass er konsequent auf die vielfach erwiesene Kumpanei zwischen Nazi-Deutschen und dem Leben der Anderen verweist, macht BLACK BOOK obendrein zu einem wichtigen Film – jenseits aller Bewusstseinsgrenzen.

Privat fand das deutsch-holländische Liebesspiel übrigens eine romantische Fortsetzung: Carice van Houten (30) und Sebastian Koch (44) sind seit den Dreharbeiten fest verbandelt.

Bewertung
80%

© 2012 Martin Graetz
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spam-Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können

 

Kinotraum-Newsletter

Immer besser informiert sein: Bestellen Sie den kostenlosen Kinotraum®-Newsletter!
Name:
Email:


Kinotraum-Newsletter bestellen
Powered By PageCache
Generated in 1.21339 Seconds