Golden Door - Redaktionelle Kommentare Film

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Traum von großen Karotten

TitelGolden Door
Filmbewertung vom28.05.2007
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
Golden DoorFilm Bewertung
Nach christlicher Überlieferung betrat Jesus einst die Stadt Jerusalem durch das Goldene Tor. Das zwischenzeitlich kriegszerstörte Mauerwerk wurde später von osmanischen Besetzern wiedererrichtet und gleich darauf dauerhaft versiegelt, (angeblich) um „Ungläubigen“ den Zugang zum Tempelberg zu verwehren. Außerhalb des religiös dominierten Lebens ist nicht mehr viel von der Symbolkraft jener Pforte zu spüren, der als Teil der 3000 prophetischen Bibelvoraussagungen einige Bedeutung zukommt. Sie ist mittlerweile vollkommen auf die schiefe Comic-Bahn oder gar auf den Tor des Tages gekommen. Die hier in Rede stehende Titel-Anleihe hingegen lässt sich vertreten. Das Goldene Tor nämlich erschließt sich durch die künstlerische Vision einer historischen Tatsache, einer aus tiefster wirtschaftlicher Not entstandenen Volksbewegung. Es ist die Geschichte der italienischen Auswanderungswelle in die USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor dem Hintergrund verarmter Bauern in Sizilien, deren karge Scholle seine Bewohner nicht ernährte. Regisseur Emanuele Crialeses („Lampedusa,“ 2002) dritte Kinoarbeit bezeugt mit seinem archaischen Traum vom Garten Eden großen Respekt gegenüber dem frühzeitlichen Bildgehalt. Und er löst bildkräftig sein Versprechen ein, den Zuschauer auf eine Reise durch Zeit und Raum mitzunehmen. Allein zwischen 1870 und dem Ersten Weltkrieg sollen 5 Millionen Süditaliener ihre Heimat aufgegeben haben, um in der Neuen Welt ihr Glück zu versuchen. Dort, so erzählte sich die Landbevölkerung, gäbe es Kartoffeln groß wie Kutschen, Karotten lang wie Kanus und Bäume, auf denen Goldmünzen wachsen.Salvatore Mancuso (Vincenzo Amato) trifft eine folgenschwere Entscheidung:

Er verkauft seine wenigen Habseligkeiten und wagt zusammen mit Mutter Donna Fortunata (Aurora Quattrocchi), seinen beiden Söhnen Angelo (Francesco Casisa) und Pietro (Filippo Pucillo) den Neubeginn jenseits des Ozeans. Doch sie haben keine Vorstellung von dem Land, in dem vermeintlich Milch und Honig fließen. Die potentiellen Neu-Amerikaner werden bereits bei der Überfahrt auf der „Grande Luciano“ metamorphorisch eingekreist. Vier lange Wochen an Bord eines klaustrophisch beengten Schiffes zwingen die Mancusos zum Kontakt mit fremden Menschen. Für Salvatore hat das einen ungewohnten Reiz, denn er kommt der faszinierenden Lucy (Charlotte Gainsbourg) näher. Dass niemand Genaueres über die alleinreisende Schöne weiß, hält den Witwer nicht vom Liebeswerben ab. Gemeinsam träumen sie von einer besseren Zukunft. Dann die Ankunft in Ellis Island, der „Träneninsel.“ Voller Zuversicht stellen sich die Passagiere den Hütern der Neuen Welt. Hier wird sich das Schicksal vieler Familien erfüllen. Um das „Goldene Tor“ zu passieren, bedarf es nicht nur der Verwandlung von Land- in Stadtmenschen und der Abschwörung traditionaler Gewohnheiten oder archaischer Glaubenssätze, sondern eines flexiblen Geistes in einem kraftvollen Körper, der lernfähig ist, der unter Preisgabe der alten Identität zu Gehorsam und Loyalität bereit ist; Eigenschaften, die naturgemäß nicht allen gegeben sind. Bei fehlender Qualifikation, die sich natürlich auch auf Kranke, Analphabeten, Vorbestrafte oder politisch radikale Elemente bezieht, droht umgehende Rückführung in die an gestammte Heimat. Salvatores Mutter kapituliert vor den rigiden Kontroll- und Prüfungshürden. Wütend schleudert Donna Fortunata den Behördenvertretern entgegen: „Seid ihr Gott, dass ihr entscheiden wollt, ob wir einreisen dürfen?“ Aber das Land der unbegrenzten Möglichkeiten hält unbeirrt am Selektionssystem voller Psychotests fest. Donna Fortunata und dem taubstummen Pietro bleibt der Blick in`s Paradies genauso verwehrt, wie dem Zuschauer. Denn der erzählerische Weg endet vor dem Goldenen Tor.

Fazit
Wie die weiteren Lebensstationen von Lucy - die es dank der offiziell genehmigten Ehepartnerbörse besser trifft - den Mancusos und den vielen Namenlosen aussehen, bleibt offen. Verheißungsvoll-irreal lässt der Regisseur am Schluss jeden in Strömen von Milch schwimmen. A propos Ströme: Obwohl sich Emanuele Crialese explizit entsprechender Hinweises enthält; der Bezug zu den aktuellen Immigrationsströmen - unter völlig anderen Vorzeichen freilich - ist augenfällig und sicher gewollt. Unsere Gesellschaft altert ja nicht nur, sie dünnt aus. Um die Größenordnung von etwa 100 000 verringerte sich im vergangenen Jahr Deutschlands Einwohnerstatus wegen besserer Bedingungen in Nachbars Garten. Damit wiederum wurde viel Platz frei für Ost erweiterte Nachrücker. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte. Die Kritik scheint mit dem Epos, seiner ästhetischen Umsetzung, seinem Fabelcharakter voll surrealer Einschübe, so ihre Probleme zu haben. Vielleicht verunsichert sie Crialeses Betrachtungsweise:„Es ist kein politischer Film, es ist kein historischer Film, es ist kein sozialer Film. Ich war bestrebt die Geschichte meiner Helden zu erzählen, Männer einer vergangenen Ära, die immer noch an die Bedeutung von Geheimnissen glauben, die immer noch Dinge sehen, die man nicht sehen kann, was aber nicht heißt, dass sie nicht existieren.“Daraus resultiert ein Kinobesuchsbefehl.

Bewertung
80%

© 2012 Martin Graetz
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