Die Tochter des chinesischen Gärtners - Redaktionelle Kommentare Film

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Verbotene Liebe

TitelDie Tochter des chinesischen Gärtners
Filmbewertung vom25.06.2007
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
Die Tochter des chinesischen GärtnersFilm Bewertung
Es kann hier nicht dahin gestellt bleiben, ob sich der chinesische Regisseur Daï Sijie mit seinem sinnlichen Drama über eine gleichgeschlechtliche Beziehung reaktiv auf „Brokeback Mountain“ bezieht, wie es der deutsche Verleih durch seinem plakativen Verweis auf das weibliche Gegenstück zu den schwulen US-Cowboys ausdrücklich nahe legt. Unbeabsichtigt greift damit ein herabwürdigender Plagiatsverdacht, den „Die Töchter.....“ auszubaden haben. Denn sie sind ein originäres Gewächs des Chinesen, dem bereits bei der Planung seiner kunstvollen Gartenidylle einige Zweige beschnitten wurden: Einheimische Finanziers entzogen ihm die Unterstützung, die Dreharbeiten mussten nach Vietnam verlegt werden und die vorgesehene Hauptdarstellerin bekam kurzfristig kalte Füße. Das Reich der Mitte – trotz aller Lockerungsübungen mit Blick auf die Olympischen Spiele noch immer ein Garten tabuisierter Lüste. Basierend auf einem Zeitungsartikel variiert Autor und Regisseur Sijie das Fassbinder-Universum, in dem die Gesellschaft ausschließlich auf die Keimzelle Ehe fixiert ist und was der Einzelne darüber hinaus empfindet, als staatsgefährdend brandmarkt. Dabei greift sein chinesisches Roulette diese Institution nicht etwa frontal an, sondern zeigt nur die destruktiven Kräfte, die sich bei abweichenden Anstrengungen des Herzens Bahn brechen. In dem fast statisch komponierten Zeitabriss verfangen sich die Protagonisten im Netz gesellschaftlicher Normen. Die junge Li Ming (Mylène Jampanoî), wuchs seit ihrem dritten Lebensjahr im Waisenhaus auf. Damals kamen ihre Eltern während eines Erdbebens um. Inzwischen ist es an der Zeit auf eigenen Füßen zu stehen.

Das Mädchen sucht um ein sechswöchiges Praktikum bei dem wegen seiner fachlichen Kompetenz hoch geschätzten Botaniker Chen nach. Der Professor (Dongfu Lin) lebt und forscht auf einer Insel inmitten exotischer Flora. Seine Tochter Chen An (Li Xiaoran) dient dem herzkranken Witwer wie eine Leibeigene. Auch gegenüber der Praktikantin schlägt der cholerische Pascha sofort herrische Töne an, demütigt sie vor Studenten und feuert sie. Dank Chen Ans Vermittlung darf Li Ming schließlich bleiben: Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen den Beiden - wäre da nicht die Fleischeslust. Sie lässt ihre weiblichen Knospen kurzzeitig erblühen um sie hernach vernichtend zu schlagen. Der ausschließliche Bezug Chen Ans zum Vater wird so brüchig, wie das Arbeitsverhältnis zwischen Li Ming und dem autoritären Mann angespannt bleibt. Die „Töchter“ verrichten ihre Dienste nach Vorschrift, kaum noch mit gewohnter Hingabe und wecken zunehmend den Argwohn des Alten. In der Ruhe vor dem Sturm besucht Ans tumber Bruder Dan (Wang Wewidong) den Garten Eden. Unausweichlich mixt das Schicksal einen fatalen Cocktail aus verbotenen Früchten. Im Irrglauben, durch Li Mings Verehelichung mit dem Fronturlauber als Clanmitglied nie mehr von der Geliebten getrennt zu werden, bestärkt Chen An ihren Bruder in seinem Liebeswerben. Denn dem in Tibet stationierten Dan stünde außerhalb des Landes kein Familienleben zu, der müsste als niederer Dienstgrad allein ins feindliche Leben und böte so die ideale Fassade für ihr homoerotisches Glück – schon das eine (im China der 80-ger Jahre angesiedelte) Konstellation mit todeswürdigen Konsequenzen. Gleichgeschlechtliche Neigungen galten in dem Land, in dem heute schätzungsweise 30 Millionen Menschen schwul oder lesbisch sind, als Geisteskrankheit. Aber der in Paris arbeitende Autor und Regisseur Sijie führt seine Töchter auf noch dunklere Pfade. Und für den despotischen Professor sieht man sehr schwarz.

Fazit
Eine Frauensache schlägt das Symbol längst überholter Moralvorstellungen mit einer Schaufel aus dem Bild. Eine solche Klatsche gegen das organisierte Verbieten wäre unter Mao Tse-tung undenkbar gewesen. Sijie Mikrokosmos spiegelt die Zeit der nationalen Zerrissenheit und des Umbruchs wieder, als der Große Vorsitzende in den Köpfen fortwirkte, die neue Ordnung aber noch nicht etabliert war. Das Tableau guter Darsteller und eine traumhaft geführte Kamera tragen entscheidend zum geschlossenen Eindruck des Films bei. Allenfalls könnte man mit der Titelauswahl hadern. Nach dem Töchter-Porträt und dem gleichfalls großen Bilderbogen „Balzac und die kleine chinesische Schneiderin,“ (2002) sollte der glühende Verfechter individueller Freiheiten vielleicht seine Visitenkarten erneuern.

Bewertung
80%

© 2012 Martin Graetz
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