Emmas Glück
| Titel | Emmas Glück |
| Filmbewertung vom | 14.08.2006 |
| Redakteur | Martin Graetz
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Film Bewertung Ein Mann zieht sich aus der Welt zurück. Irgendwo in Mexiko soll ihm das letzte Stündlein schlagen. Der krebskranke Autoverkäufer Max (Jürgen Vogel) bricht die letzte Brücke hinter sich ab, plündert den Schwarzgeldvorrat seines Vorgesetzten Hans (Martin Feifel), des einzigen Freundes, und macht mit dem firmeneigenen Jaguar die Fliege.
In Unkenntnis der gesundheitlichen Verfassung seiner diebischen Elster hetzt Auto-Hans ebenfalls über die Piste, um den Flüchtenden zu stellen, verliert ihn aber auf nächtlicher Landstraße aus den Augen. Als Max eine der vielen Kurven zu schnell entgegen kommt, landet das noble Gefährt mit irreparablem Dachschaden im überschuldeten Anwesen der Bäuerin Emma (Jördis Triebel).
Die resolute Schweineprinzessin staunt nicht schlecht über Mäxchens Stehvermögen nach dem dreifachen Salchow; außer einem leichten Orientierungsdefizit hat er offenbar keinen nennenswerten Schaden genommen. Emma versteckt den derangierten Crash-Mann und fackelt dann den Luxusschlitten ab. Die Beute verschwindet zunächst in der eigenen Schublade. Damit wäre immerhin der Hof zu sanieren und Emma könnte noch entschiedener mit der Flinte im Anschlag auf die Avancen des Dorfpolizisten (Hinnerk Schönemann) reagieren.
Ohne das angeblich verbrannte Geld wiederum wird Max dem nahenden Tod nicht am Traumstrand begegnen, sondern inmitten von Borstenvieh. Hurtig nähert er sich der erdverbundenen Jungbäuerin an, findet die neuen Umstände angesichts der diagnostisch gezählten Tage eigentlich recht akzeptabel; Knall auf Fall kommt eine ziemlich kuriose Lebensabschnittsgemeinschaft in den ländlichen Verteiler.
Statt vertrauten Sechszylindern lauscht Max nun der verlangsamten Atmung der Tiere bei ihrem Todeskampf, wenn diese nach Emmas humaner Sterbehilfe ihren Atem aushauchen - er ist bereit für das süße Jenseits und hat Emma selbstverständlich die egoistische Zwischenlagerung seines geraubten Schatzes verziehen.
Es waren ein paar tolle Tage, die der dramaturgische Autopilot für die Beiden in petto hatte. Dem Zuschauer bleibt so viel Glückseligkeit versagt. Besonders wenn Restposten blutiger Poesie auf die Reise in die Ewigkeit gehen (und dies tun sie mehrfach), entfaltet die Mär einen geradezu unerträglich kitschigen G-Punkt: "Mein liebes Schweinchen, meine kleine Schwester," spricht die Emma, während sie das lange Messer zückt und der kleinen Schwester die Kehle durchschneidet, "danke, dass du bei mir warst, ich hab dich lieb, so lieb gehabt. Auf Wiedersehen, mein Schweinchen. Auf Wiedersehen." In diesem Musterbetrieb ethischer Gesinnung muss das Sterben wohl grenzenlos schön sein. Welch göttliche Fügung, dass Max ausgerechnet hier aufgeschlagen ist.
Oh, geh aus mein Herz, und suche Sigmund Freud! Am schlimmsten für die Tiere sei die Angst vor dem Tod, nicht der Tod selbst, erläutert sie dem schon nicht mehr ganz strammen Max - tausend Mal geschenkt, Emma. Wurde im Hinblick auf die aktuelle Diskussion einer freien Entscheidung über das eigene Leben doch längst bis zum Einlullen durchgetalkt.
Und weiter im Drehbuch-Text: Der smarte Hans verfolgt unvermindert hartnäckig die Spur der Kohle. Als er jedoch den von Krämpfen geschüttelten Kumpel findet, überkommt ihn das Albert Schweitzer-Syndrom. Ein Freund, ein guter Freund - da lässt die Produktion keinen Zweifel - ist allemal wichtiger als Moneten (deren neuer Verwendungszweck plötzlich auch ihm ein Anliegen ist). Fürwahr eine märchenhafte Volte. Bei solch edler Haltung, der jedes Motiv abgeht, fließen Tränen wie Perlen vor die Säue.
Fazit Regisseur Sven Taddicken ("Mein Bruder der Vampir", 2001) legte die Romanvorlage (von Claudia Schreiber) nach dem Prinzip "weder Fisch noch Fleisch" an. Er mochte sich für keine realistische Erzählweise entscheiden, in der natürlich thematisch mehr Butter bei die Fische gehört. Er machte aus "Emmas Glück" allerdings noch viel weniger einen Fabel-haften Film. So ziehen die Protagonisten ihre Aufgabe bravourös im luftleeren Raum durch. Was Emma und Max wirklich im Innersten zusammenhält (außer der Notsituation) sehen wir auch nach 99 Minuten zwar betroffen, aber absolut offen.
Bewertung
70%
© 2012 Martin Graetz
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