Großes Kino aus Fernost
| Titel | Tuyas Hochzeit |
| Filmbewertung vom | 20.08.2007 |
| Redakteur | Martin Graetz
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Film Bewertung Mittlerweile hat sich schon die fünfte Generation chinesischer Filmregisseure durchgesetzt. Namen wie Zhang Yimou („Rotes Kornfeld,“ 1987 / „Hero,“ 2002) Chen Kaige („Lebewohl, meine Konkubine,“ 1993 / „Der Kaiser und sein Attentäter,“ 1998) oder Feng Xiao Gang („Big Shot`s Funeral,“ 2001) haben weltweit einen guten Klang, obwohl (im Einzelfall auch weil) man ihr Schaffen im eigenen Reich durch die Herrlichkeit ideologischen Sperrfeuers zu diskreditieren sucht. Bei den roten Mandarinen hält sich Begeisterung und Unterstützung für die international renommierten Spitzenkräfte in Grenzen. Man bescheinigt ihnen unumwunden viel Geld einzuspielen, aber es fehle ihnen „an Kultur, Kreativität und Philosophie.“ Oh Konfuzius, welch luxuriöse Kunstblähungen leisten sich deine Nachkommen! Folgt man dieser staatlich sanktionierten Querulanz, wäre der Schöpfer von „Tuyas Hochzeit,“ Wang Quan`an (Jahrgang 1965), als linientreuer Parteigänger abzustempeln. Damit freilich würde man selbst den kommunistisch gehärteten Bogen überspannen. Nein, dem chinesischen Filmemacher Wang Quan`an liegen die im Westen gut eingeführten Historien- und Ausstattungsspektakel, die Martial-Arts-Opern in fetter Farbsoße und was sonst dergleichen oben schwimmt, wohl einfach nicht. Er liebt es glücklicherweise eine ökonomische Nummer kleiner, dafür ein paar Windungen anspruchsvoller, lebensnaher und ein paar Grade wärmer. Es spricht für die Festival-Jury der Berlinale 2007, dass sie „Tuyas Hochzeit“ mit dem Goldenen Bären bedachte.
Deren diesjähriger Präsident, Regisseur /Drehbuchautor Paul Schrader („Ein Mann für gewisse Stunden,“ 1980), fand anlässlich der Preisvergabe bemerkenswerte Worte für das Werk: “Ein stiller aber kraftvoller Film über eine Frau, die noch einmal von vorn beginnen möchte – begleitet von wunderschönen Landschaftsbildern der Mongolei.“
Schön ist nicht nur die Weite der innermongolischen Steppe. Schön und obendrein standfest ist auch Tuya (Yu Nan), die Ehefrau von Bater, dem Hirten. Seit der die Suche nach Wasser mit dem Verlust beider Beine bezahlte, trägt Tuya die ganze Verantwortung für ihn und ihre zwei Kinder - eine Last, die sie aufs Krankenlager wirft. In dieser Zwangslage beschließt das Paar, sich scheiden zu lassen. Tuyas soll sich um einen neuen Lebensgefährten bemühen und so den Fortbestand von Familie und Weideland sichern. Doch bei solch archaischem Überlebenskampf ist mit des Geschickes Mächten kein seriöser Bund zu flechten. Anwärter auf die Einheirat gibt es zwar wie Schäflein auf dem Felde. Nur lehnt jeder der potentiellen Partner die daran geknüpfte Bedingung Tuyas ab, den an die Jurte gefesselten Bater mitzuversorgen. Ihre Wahl fällt schließlich auf einen neureichen Blender, dem der Behinderte sofort lästig wird und der ihn prompt in ein Pflegeheim abschiebt. Mit dieser Lösung kann die sanfte, aber sturköpfige Tuya nicht leben.
Die Ballade über die Kraft einer jungen Frau kann auch als Studie über gesellschaftliche Realitäten, speziell über bäuerliche Existenzen in den ländlichen Regionen Chinas gelesen werden. Darin drückt sich unter anderem das Tabuthema Männerüberschuss aus. Neueste Berechnungen gehen davon aus, dass als Folge der Ein-Kind-Politik Chinas, in naher Zukunft jeder fünfte Mann sein Leben unbeweibt verbringt.
Fazit Bewundernswert ist Wang Quan` ans konsequente Haltung, den berufsmäßigen Süßholzrasplern das romantisierende Kanonfutter vorzuenthalten und sich gleichermaßen der sozialen Verelendungssimulation zu verweigern. Der Film lebt im Übrigen von der personellen Konzeption, an die Seite der 1978 geborene Titelheldin (Yu Nan) fast ausschließlich lokale mongolische Hirten zu stellen. Und die machen ihre Sache so gut, dass der Begriff Laiendarsteller nach Schimpfwort riecht.
Da sieht man es wieder: Obwohl die Handlung am Arthaus der Welt spielt, vermag sie mehr zu berühren, als jedes „Schwesterherz.“
Bewertung
100%
© 2012 Martin Graetz
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