Lady Chatterley
| Titel | Lady Chatterley |
| Filmbewertung vom | 01.10.2007 |
| Redakteur | Martin Graetz
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Film Bewertung Als D.H. Lawrence den gleichnamigen Roman 1928 vorstellte, war ihm der Index sicher. Das Buch wurde in Old England - nach den Worten Kurt Tucholskys - „verbrannt, gevierteilt, geköpft, was weiß ich.“ Fast ein Jahrzehnt bevor sich die 68-ziger-Generation in schönere Welten hineinträumte, erzwang der Lawrence-Verlag jedoch gegenüber dem staatlichen Verdikt ein wegweisendes Zugeständnis. Das britische Parlament verabschiedete 1959 ein Gesetz, das erstmals die Aushebelung derartiger Sanktionen gestattete, sofern das inkriminierte Werk den Nachweis künstlerischen Gehalts erbrachte. Diesem Kriterium genügte „Lady Chatterley und ihr Liebhaber“ jenseits der expliziten Schilderung sexueller Posen zweifelsfrei. Seinem Ruf als „erotischen Meilenstein“ wurde die legendäre Bettlektüre allerdings auf recht profane Weise gerecht: In der lustfeindlichen Nachkriegszeit pflegte speziell die männliche Jugend der Welt das Reizwerk nach ruchlosen „Stellen“ abzufingern. So gab manch Pubertierender dem Druck des Skandalons mit Wonne nach. Dass dabei dessen literarische Substanz eher befleckt als kritisch gewürdigt wurde, ist nicht von der feuchten Hand zu weisen. Auch der Urheber dieser Zeilen bekennt sich ausdrücklich zum Frevel jener frühen Jahre. Irgendwann musste die Wildhütergeschichte natürlich dem Lockruf des Kinos folgen. Aber gleich vier Mal? Die gesellschaftlichen Verhältnisse wurden inzwischen (auch im vereinigten Königreich) des Öfteren durchmischt. Von einer „gekreuzten Herrschaft auf sozialer und physischer Ebene,“ wie sie Regisseurin Pascale Ferran für die jüngste Adaption reklamiert, kann heute kaum noch gesprochen werden. Der Blick zurück auf die Epoche, in dem das aristokratische Kreislaufversagen der Chatterleys angesiedelt ist, steht bei Ferran im klischeehaften Kontrast zu heutigen Konventionen (wo Klassenschranken in so ausgeprägter Form längst obsolet sind und ein Michael Jackson ohne Federlesens die eigene Krankenschwester ehelicht). Die buchstabengetreue Bearbeitung des Sittengemäldes erweist sich denn auch als diffiziler Kristallisationspunkt:
Einerseits muss sich der Skandal-Klassiker mittlerweile gegenüber diversen Epigonen der sozial-kitschigen Art behaupten. Die hier in Rede stehende französisch-belgische Produktion wiederum macht, trotz episch bemühter Detailgenauigkeit, wunderbarer Bildkompositionen und exzellenter Darstellerleistungen, einen angestaubten Eindruck. Sie unterscheidet sich nicht gravierend von Erzeugnissen mit ähnlicher Stoßrichtung. Da kommen keinerlei Sentenzen außerhalb des privaten Repertoires zum Tragen. Bezieht die Vorlage ihre Stärke aus den ausbalancierten Elementen gesellschaftlicher und individueller Konflikte, tut sich bei Ferran nur das schwarze Loch des beliebigen Ungemachs auf, um die Story schließlich als pikanten Seitensprung darin zu versenken. Während eines Fronturlaubs im Ersten Weltkrieg heiratet Constance Reid (Marina Hands) den unwiderstehlichen Jugendfreund Clifford Chatterley (Hippolyte Girardot). Ein halbes Jahr später kehrt der nicht als Mann, sondern als Rollstuhlinhalt nach England zurück. Den Umständen entsprechend lebt das Paar zunächst durchaus zufrieden auf dem Familiensitz der Chatterleys. Zunehmend aber pflegt die junge Herrin den einstmals schneidigen Minenbesitzer nur noch aus Pflichtbewusstsein. Das ländliche Milieu setzt ihr zu, sie vermisst den Kontakt zu gleichaltrigen Künstlern und Studenten, mit denen sie in ihrer Jugend ausgedehnte Reisen unternahm. Die ehedem vitale Frau vereinsamt. Bei einem ihrer Frühlingsspaziergänge trifft sie auf den Wildhüter Parkin (Jean-Louis Coulloc`h). Der geborene Asket weckt in Constance nie gefühlte Sinnlichkeit. Allein, die Affäre bleibt nicht geheim. Trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft planen die leidenschaftlich Verliebten eine gemeinsame Zukunft. Unterdes stellt der Querschnitt gelähmte Clifford seiner Angetrauten anheim, für einen außerehelichen Erben zu sorgen – freilich müsse der Vater honorigen Kreisen entstammen. Nach einer Europareise Constances mit ihrer Familie wartet Clifford seinerseits mit einer Überraschung auf.
Fazit Da ächzen die dramaturgischen Widerlager. Kurt Tucholsky ging schon mit dem Roman sehr ungnädig um. In seiner Rezension heißt es etwa: „Aber, und das ist die Hauptsache: es kommt nichts dabei heraus.“ Er hätte erst mal den Film sehen sollen, den die Franzosen mit immerhin fünf CESARS belohnten.
Bewertung
40%
© 2012 Martin Graetz
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