Offset - Redaktionelle Kommentare Film

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Offset

TitelOffset
Filmbewertung vom30.10.2006
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
OffsetFilm Bewertung
Na also - es geht doch. Konnte allerdings niemand hellsehen, dass der überdüngte Förderacker Deutschlands, gestützt vom Mythos unerträglicher Schwierigkeiten beim Filmemachen ("den leider gerade jene nähren, die dadurch ihre Arbeit aufwerten wollen", wie UZAK-Regisseur Nuri Bilge Ceylan beklagt) zu einer höchst unterhaltsamen Kröten-Wanderung in die Walachei führt.

Regisseur Didi Danquart entwickelte sein "europäisches Melodram" in enger Abstimmung mit zwei rumänischen Drehbuchautoren. Die konzeptionelle Entwicklungshilfe aus der wirtschaftlich herunter gekommenen Region ist dem Film gut bekommen. Da sich der west-östliche "culture/clash" ohnehin auf rumänischem Territorium abspielt, war das nicht der dümmste Schachzug. Danquart bewies schon mit der Stoffwahl, dass er über den provinziellen Tellerrand hinaus zu schauen vermag, während für andere - etwa den Recyclingspezialisten Joseph Vilsmaier - "Der letzte Zug" abgefahren ist; man hat es jenen "besonders wertvollen" Polit-Schmalziers wegen ihrer staatstragenden Beflissenheit wohl nicht laut genug zugerufen: Siehe, "Der Untergang - Teil Zwei" ist nah. Wollt ihr den totalen (Filmkultur)-Bankrott?

In "Offset" werden sehr intensive Rumänien-Bande geknüpft. Der Deutsche Stefan (Felix Klare) arbeitet als Ingenieur bei der Bukarester Druckerei Noir. Diesem Auslandjob verdankt er die Bekanntschaft Brindusas (Alexandra Maria Lara), der Sekretärin und Dolmetscherin seines Chefs Iorga (Razvan Vasilescu). Die Beide lernen sich kennen und lieben; baldige Heirat nicht ausgeschlossen. Dem steht eine geläufige Arbeitgeber/Arbeitnehmer-Vergangenheit entgegen: Brindusa war zeitweilig Geliebte des cholerischen Iorga. Nun erweist sich die zurückliegende Affäre als schwere Hypothek für das Paar.

Iorga akzeptiert die Loslösung nicht. Das einstige Spielzeug ist für ihn durch den menschlichen Transfer im Kurs gestiegen. Und einem Iorga schnappt man nicht einfach den erotischen Liebesknochen weg. Obschon selbst ehelich gebunden, zieht er alle dunklen Register um den verhassten Rivalen aus dem eigenen Feld zu schlagen. Er versucht Stefan fachliche Inkompetenz nachzuweisen, behauptet ihm gegenüber, am Vortag erneut mit Brindusa intim gewesen zu sein, nötigt ihm schließlich ultimativ Hunderttausende Euro auf, wenn er das Land ohne Brindusa verlässt. Nachdem kein Druckmittel greift, sprengt er mit gezückter Pistole die Trauungszeremonie.

Fürwahr eine verfahrene Situation, die sich bereits durch den angereisten Familienclan Stefans verschärft hatte. Seine Mutter (Katharina Thalbach) gewinnt den örtlichen Gegebenheiten nur Übles ab. Der Vater (Manfred Zapatka) drückt seine ambivalenten Empfindungen über den postkommunistischen Staat auf Besser-Wessi-Weise aus. Und Stefan selbst, verunsichert wegen der offensichtlich unzureichend abgewickelten Beziehung Brindusa vs. Iorga, verlässt die Flachdruckstraße Richtung Holzweg. Nicht unbedingt ein Bild für die Götter.

Zur elementaren Grundausstattung des Offset-Verfahrens gehört immer die richtige Tinte. Auf Didi Danquarts Film bezogen, kann man da nicht meckern. Sein Material kommt überwiegend farb- und gefühlsecht rüber. Alexandra Maria Lara als Brindusa muss schlichtweg die Idealbesetzung genannt werden. Nie sah man diese Frau ausdrucksstärker, als auf dem west-östlichen Diwan des Vaters (Valentin Platareanu), der übrigens tatsächlich der eigene ist und heute in Berlin als Professor für Schauspielkunst lehrt. Natürlich hatte sie als gebürtige Rumänin bis hin zum sprachlichen Verständnis ein Heimspiel. Das dürfte freilich für den großen Francis Ford Coppola nicht das entscheidende Kriterium gewesen sein, A. Maria Lara nach Hollywood zu bitten.

Fazit
Und welchem West-Kinogänger ist Razvan Vasilescu ein Begriff? Seine souveräne Ausdeutung eines Mannes, dessen leidenschaftliches Handeln von kultureller Identitätsraserei beherrscht wird, eines Komplex beladenen Charakters, für den allein die Vorstellung vom Einfall kapitalistischer Heuschrecken Höllenqualen bedeuten - Kompliment, das macht den in seiner Heimat als Star anerkannten Darsteller neben Lara zum Genuss. Ob solch furioses Zusammenspiel der Landsleute innerhalb unserer Grenzen möglich gewesen wäre? Was lässt sich über den West-Import sagen? Thalbach/Zapatka pflegen ihr Schmollmund-Image wie gehabt. Da kommt kein mimischer Faltenwurf mehr.

Dass der Film einen derart positiven Gesamteindruck hinterlässt, geht zu gleichen Teilen auf das Personal-Konto der östlichen Nachbarn und der von Danquart exzellent geschaffenen Atmosphäre. "Offset" war der einzige deutsche Beitrag beim Filmfestival in Rom in der official selection/out of competition. Wenn man so sagen darf, ein künstlerisches Ausrufezeichen.

Bewertung
70%

© 2012 Martin Graetz
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