Winterreise - Redaktionelle Kommentare Film

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Winterreise

TitelWinterreise
Filmbewertung vom
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
WinterreiseFilm Bewertung
Das Münchner Original Karl Valentin war auf der Höhe biogenetischer Erkenntnisse: Gar nicht krank ist auch nicht gesund - etwas Leid muss sein. Notfalls fügt man es sich selbst zu.

Franz Brenninger (Josef Bierbichler) handelt sich mit seinem Metall verarbeitenden Betrieb herbe Tiefschläge ein. Vermögend ist er, der Franz, angesehen ist er, wenn auch kaum noch kreditwürdig. Ahnungsvoll ruhelos ist er, von heftigen Stimmungsschwankungen gebeutelt; halt irgendwie nicht gut beinand. In seinem bayerischen Dickschädel spielt manisch-depressiv und paranoid Ping Pong.

Die Kunden bleiben aus, die Bank dreht den Geldhahn zu, sein Weib (Hanna Schygulla) liegt mit Augenbeschwerden danieder, Gläubiger überziehen ihn mit "Arschlochpost"; wieder einmal sind Wohlstand und Ansehen akut gefährdet. Martha, seine bessere Hälfte mahnt: "Franz, was ist denn in dir drin? Sag´s doch, dann können wir das teilen."

Der Eisen-Franz aber findet nur "alles dunkel, alles Scheiße." So, als beklage er seine eigene Geburt, die sich nach Freuds Auffassung im Kleinkind als zwangsläufiges Missverständnis manifestiert. Es sei nämlich sicher, "wie ein Kotballen" (durch den Darm) auf die Welt gekommen zu sein. Das Herz, ein einsamer Scheißer. Das Leben ein deutsches Jammertal - einzig geschaffen für namhafte Tragöden.

Vom ärgsten Druck befreit sich Franz im Bordell. Gelegentlich geht schon vom Akt kindhafter Entblößung Freude aus. Dann tritt er nackt unters Sternenzelt, während im großen Haus die Musi vom anderen Franz spuilt: "Eine Straße muss ich gehen, die noch keiner ging zurück" (aus Schuberts Liederzyklus "Winterreise"). Klar doch, Hans Steinbichlers Regie ("Hierankl", 2003) geht noch in den musikalischen Tie-Break des Theater-Dramas.

Jeder Fehler erscheint unglaublich dumm, wenn andere ihn begehen. Nur spielt im Auge des Leinwandbetrachters der Nachvollzug eine entscheidende Rolle. Dass sich etwa der angeschlagene Grantler auf einen höchst fragwürdigen Deal mit einer kenianischen Betrugsmafia einlässt, um Marthas Operation zu finanzieren, beißt sich schon sehr mit der Logik.

Die Afrikaner bieten dem "seriösen" Geschäftsmann gegen entsprechend stattliche Provision an, auf dessen Konto 15 Millionen Dollar zu "parken". Eine Masche, die einem uralten Unternehmerreflex nicht ohne weiteres entgeht. Erfolgreich resultieren soll sie aus dem geistigen Verfall des Protagonisten. Franz will schließlich das Geld auf eigene Faust retten und fliegt zusammen mit der sprachkundigen Leyla (Sibel Kekilli), einer angehenden Ethnologin, nach Kenia. Für ihn hat die junge Kurdin das richtige Bewusstsein. Als sie ihr Berufsziel begründet, ist der Franz baff: "Ich will wissen, was passiert, wenn ein Volk einfach verschwindet".

Diese Gesinnungssynergie hat weder mittelbar noch unmittelbar Einfluss auf die Handlung, belegt aber im unteren Alibibereich den korrekten Umgang mit der sozialen und politischen Klimakatastrophe; allemal ein Grund, die junge Kurdin aus dem Regie-Hut zu zaubern. Bei der Verlagerung in die heiße Zone Afrika hat man den Stoff zudem mit schwülstiger Katharsis aufgepumpt - sicher ist sicher. Keine Frage, der Franz Brenninger aus Wasserburg hat Läuterung bitter nötig. Das würden auch seine erwachsenen Nachkommen unterschreiben, deren Hilfsangeboten er mit abwertenden Gesten die Basis entzog. Kaum jemanden ließ das Raubein ungeschoren. Seinen Weltschmerz soll man spüren.

Fazit
Fraglich, ob sich das Publikum für die spirituell getunte Theatralik erwärmt. Josef Bierbichler liefert eine One-Man-Show sondergleichen ab. Spektakuläre, unpersönliche Schauspielkunst als Selbstzweck, abgekoppelt weitgehend von dem, was einen zerrissenen Menschen vermittelt. Seine überzogene Dominanz erzielt möglicherweise auf der Bühne die gewünschte Wirkung, nicht im Allerweltskino.

Mit solch pseudopoetischen Variationen von Schuberts "Winterreise" (einschließlich lächerlichem Falsettgesang) möge uns der verdiente Mime künftig verschonen. Und was bitte erlaube Hans Steinbichler? Er legte dem Alleinunterhalter offenbar keinerlei Zügel an. Und der kannte dann kein Halten mehr.

Dabei fiel der zarteste Stein seiner Figurensammlung unter den Tisch. Liebloser hätte Regisseur Steinbichler den Einbau Hanna Schygullas in das Brenninger-Universum nicht bewerkstelligen können. Die legendäre Fassbinder-Adeptin: hoffnungslos unterfordert, zugeschüttet vom bedeutungsschwangeren Wortmüll des Franz-Manns. Selbst Bildungsbürger suchen darin vergeblich nach kulturellem Nährwert.

Bewertung
40%

© 2012 Martin Graetz
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