Apocalypto
| Titel | Apocalypto |
| Filmbewertung vom | 11.12.2006 |
| Redakteur | Martin Graetz
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Film Bewertung Für Superstar Mel Gibson und seine Fans waren die letzten Monate kein Zuckerschlecken. Presse, Kollegen und Studios gingen unisono auf Distanz zu dem gebürtigen Australier. "Mad Max" (1979), der gefallener Engel des Systems, erflehte förmlich eine öffentliche Auspeitschung. Kein Zweifel, dass er sie auch verdiente, denn er wühlte auf ethnisch vermintem Gelände.
In fast selbst zerstörerischer Anwandlung brachte er das Blut von Frauen, Schwulen und Juden in Wallung. Als habe ihn der Teufel geritten, bedachte der streng gläubige Christ die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen mit diffamierenden Ausfällen. Jenseits der Donnerkuppel aber signalisierte der Herr Milde und sprach aus dem Off: "Siehe Mel, dein Karriere-Ende ist nahe. Mir persönlich ist es ja schnuppe. Wisse aber, dass unter solchen Vorzeichen bald kein Hahn mehr nach 'Die Passion Christi' (2004) krähen wird, jenem blutigen Box-Office-Phänomen, das du meinem Sohn gewidmet hast."
Da wich aller Restalkohol aus der Gibson-Leber und sein Herz so weiß bekannte, dass er den Film eigentlich mehr nach seinem eigenen Bilde geschaffen habe. Das nun war ganz und gar gegen die biblische Regel und der Herr zürnte allmächtig. Darob erschrak Hollywoods Million-Dollar-Baby und gelobte den Lapsus mit einem tollen Regieplan zu sühnen. Ein Mammut-Projekt wolle er in Angriff nehmen, um sich vor Gott und der Welt zu rehabilitieren.
Und das Wunder geschah! Dem frevelhaften Übermut sexistischer Entgleisungen folgte die künstlerische Wiederauferstehung des Regisseurs Mel Gibson. Sein vermeintlicher Untergang erwies sich als globale Fehleinschätzung. Ob er durch den vorübergehenden Liebesentzug gesellschaftspolitisch korrekt geläutert wurde, sei dahingestellt. Seiner kreativen Potenz zumindest tat der exzessive Meinungs-Vollrausch keinerlei Abbruch.
Noch im September schlich sich der viel Gescholtene zu einer Testvorführung von "Apocalypto" mit einer Perücke in den Kinosaal. Die kann er einstweilen getrost einmotten. Denn das bildgewaltige Mystik-Drama rechtfertigt durchaus Lobeshymnen. Dass Amerika aus seiner privaten Schadensbegrenzung derzeit einen roten Teppich webt, ist zwar mentalitätsgebundener Presse-Leier geschuldet, andrerseits aber ein vertretbares Votum für seine neue Schöpfung.
Während der ersten zwei Starttage setzte der Film bereits über 10 Mio. Dollar um; ein unheimlich starker Einstieg. Ganz so kontrovers wie bei der Kreuzigungsgeschichte dürfte es diesmal nicht zugehen, weil Gibson den renommierten Leiter eines archäologischen Projekts (Richard Hansen) in Nord-Guatemala an Bord holte. Hansen sieht ausdrücklich die "Echtheit und historische Genauigkeit" der Inszenierung gewährleistet.
Wie schon in seiner Passionsverfilmung, der erfolgreichsten Independent-Produktion überhaupt (600 Mio. Dollar weltweites Einspielergebnis), griff der Bußfertige für dieses Kinoevent geschichtlich weit hinter sich - auf den Niedergang der Maya-Kultur. Wie beim Christus-Epos verlangt er dem Publikum den strikten Glauben an die Authentizität seiner Zeitreise ab.
Man spricht Yucatán, den Dialekt der Indigenen. In der weltweit untertitelten Fassung kamen ausschließlich Laiendarsteller zum Zug, die dem Typ mesoamerikanischen Ureinwohner entsprachen. Ihre Textzeilen übten sie mit mp3-Playern ein. Und man drehte an Originalschauplätzen in Catemaco, einem der letzten noch erhaltenen Regenwaldgebiete Mexikos.
Dennoch gibt der emotional und visuell faszinierende "Hochgeschwindigkeits-Actionfilm" nie vor, historisch gesicherte Fakten zu beackern. Vielmehr belebt "Apocalypto" in Form eines rasanten Abenteuer-Trips die Endphase des einst mächtigen Königreichs der Maya, deren wissenschaftlich wie kulturell hoch entwickelte Gesellschaft urplötzlich von der Bildfläche verschwand.
"Eine große Zivilisation lässt sich nur von außen erobern, wenn sie sich von innen schon selbst zerstört hat." Dieses Zitat von W. Durant, das Gibson seinen Dschungel-Impressionen voranstellt, impliziert selbstredend die reine Mutmaßung über die tatsächlichen Ursachen des Maya-Zerfalls. Dabei fehlt es natürlich nicht an provokanten Thesen honoriger Archäologen und Anthropologen, die den Mayas ähnliche Probleme unterstellen, wie sie die heutige Zivilisation beschäftigen.
Die Hauptfigur des Films, Pranke des Jaguars (ein wirklicher Nachfahre der Cherokee- Cree- und Yaqui-Stämme), ist Herz und Seele von "Apocalypto". Der junge Vater, künftiger Anführer in einem kleinen Dorf von traditionellen Jägern, wird durch feindliche Krieger verschleppt und versklavt. Schließlich soll er den Göttern geopfert werden, um die große Hungersnot zu beenden.
Der Kampf um sein Leben, die Überwindung der Angst, seine Parforce-Flucht heim ins eigene Mythenreich bilden den dramatischen Höhepunkt des Werks. Die Bewährungsproben des Running Man "versetzen dem Publikum einen Schlag in die Magengrube" - die erklärte Absicht Gibsons. An dessen Schockkorridor freilich hat die entfesselte Genesis-Kamera (360-Grad-Verschluss!) Dean Semlers ("Der mit dem Wolf tanzt", 1990) erheblichen Anteil. Ein gewaltiger Film.
Fazit Der Regisseur Gibson ist dem Schauspieler Gibson inzwischen weit überlegen. Vielleicht hat er "das schale Action- und Abenteuergenre, das von Computeranimation, Reißbrett-Geschichten und einfallslosen Charakteren dominiert ist, aufgerüttelt." Der Mann fährt eben nicht nur Schlangenlinien; er kann auch was.
Bewertung
80%
© 2012 Martin Graetz
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