Übergewichtige Ambitionen
| Titel | Spuren eines Lebens |
| Filmbewertung vom | 07.01.2008 |
| Redakteur | Martin Graetz
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Film Bewertung Für die reale Komödie der Irrungen wäre es eine phantastische Regieanweisung gewesen: Die Streikhanseln der Deutschen Bahn schieben ihren Schell-Führer aufs Abstellgleis und starten als Lokführer der Herzen ins neue Jahr. Nun ja, Pustekuchen. Aber Wunderliches gibt es immer wieder; nicht zuletzt im Kino. Dieser Star gespickten 130-Minüter übertrifft in Bezug auf verbotswidrige Langeweile noch die Verhandlungscrew vom öffentlichen Dienst. Da bringt der ehemalige Kameramann Lajos Koltai mit seiner zweiten Regiearbeit (nach „Fateless,“ 2004) ein Rührstück auf die Schiene, das beileibe den Schotter nicht wert ist, auf dem es basiert.
Hollywood, bei dem 2007 manch tödliches Versprechen uneingelöst blieb, leuchtet hier mit der Taschenlampe die Lebensspur eines Familienoberhaupts aus. Glücklich, wer gleich zu Filmbeginn einnickt. Bleigießen ist bei weitem spannender, als dieses Ringelspiel der Manierismen. Ein knappes Dutzend angesagter Schauspieler (und leider auch das Publikum) lässt der gebürtige Ungar von der Macht privater Erinnerungen heimsuchen. Nur, weil es der Bostoner Autorin Susan Minot 1998 gefiel, den Roman „Evening“ zu verfassen. Nicht genug damit, zeichnet die Amerikanerin für das Drehbuch mitverantwortlich und brachte sich als Ausführende Produzentin ein. Schwulstehre, wem sie gebührt. Eine weitere Zusammenarbeit des sentimental gestimmten Tandems sollte man sich dennoch lieber nicht wünschen. Die Familienpatriarchin Ann Lord (Vanessa Redgrave) liegt im Sterben. An ihrem Bett wachen ihre zwei Töchter. Nina und Constance sind ausgeprägt gegensätzliche Charaktere. Zufriedene Hausfrau die eine (Constance, Redgraves tatsächliche Tochter Natasha Richardson), ruheloser Single die andere (Toni Collette als Nina). Ann Lord schwelgt noch einmal in alten Erinnerungen. Während ihrer Wachträume kehrt sie an den Ort schicksalhafter Tage vor 50 Jahren zurück – die Hochzeit ihrer besten Freundin in ihrem Elternhaus. Ann war als Brautjungfer geladen, lernte bei der Gelegenheit die Welt des Reichtums wie die der falschen Gefühle kennen.
Aber vor allem verliebt sie sich in Harris (Patrick Wilson), den Sohn des Hausverwalters. Ein unvergessliches Wochenende, dessen schöner Schein jedoch von einem Unglück getrübt wurde, für das sich Ann noch immer mitverantwortlich fühlt. Der Zweifel, ob sie seinerzeit die richtige Entscheidung getroffen hat, begleitet sie bis zu ihrem Ende. Auch Ninas Leben ist nicht frei von Komplikationen, ihre Beziehung zum Freund ist fragil, sie ist schwanger, weiß aber nicht, ob sie sich allein deshalb binden soll. So werden die Todesstunden der Mutter für sie zur Zwischenbilanz ihres Lebens. Als die alte Dame aus dem Dämmerzustand heraus nach Harris ruft, reagieren die Töchter ratlos. Was hat es mit diesem Harris auf sich, dessen Identität der Familie bislang verborgen blieb? Unterdes ziehen Anns fiebrige Gedanken von Station zu Station einer fernen Vergangenheit. Es ist der Versuch, sich mit der eigenen Existenz voll tragischer Verstrickungen zu versöhnen. Schließlich wird sie gegenüber ihren Töchtern jenes Geheimnis lüften, das sich in Verbindung mit dem Namen Harris auf alle folgenreich auswirkte.
Fazit Um das problematische Band zwischen Muttern und Töchtern richtig flattern zu lassen, nahm Lajos Koltai nicht nur viel, sondern hochkarätiges Personal unter Vertrag. Verständlich, da der Aktionsradius der wichtigsten Protagonistin auf das Bett beschränkt ist. Die unermüdliche Suche nach Glück - Wünsche, Hoffnungen, Hilflosigkeit – das ganze Gefühlsspektrum sollte zum Einsatz kommen. Neben den schon Genannten verkörpern Glenn Close, Meryl Streep und Mamie Gummer (noch eine echte Tochter, nämlich von Meryl Streep) die Handelnden von einst.
Das überwiegend weibliche Darstellerensemble spielt für ein überwiegend weibliches Publikum. Der männliche Zuschauer dürfte sich in seiner Erwartungshaltung leicht düpiert sehen. Von einem emotionalen Drama muss man mehr Interaktion erwarten – auch (oder gerade) wenn es um existenzielle Dinge geht. Das rauschhafte Ambiente der Upper Class mit einem stimmungsvollen Score zu unterlegen, zeugt noch nicht von großer Kunst. Als einzig bewundernswerte Leistung ist sicher Vanessa Redgraves Interpretation der Ann Lord zu nennen. Insgesamt aber leidet der Film an seinen übergewichtigen Ambitionen.
Bewertung
20%
© 2012 Martin Graetz
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