Leergut - Redaktionelle Kommentare Film

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Der Herbstzeitlose

TitelLeergut
Filmbewertung vom21.01.2008
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
LeergutFilm Bewertung
Wenn der persönliche Boulevard der Dämmerung in Sicht ist, die biologische Uhr mit der eigenen Entbehrlichkeit um die Wette tickt, die partnerschaftlichen Pflichten mittlerweile nur noch mit hängender Spitze zu verrichten sind – ja, dann schafft sich der Mann von Welt entweder einen tief liegenden Porsche 911 an. Oder er nimmt für die letzte Meile zwischen Nichtstun und Ausruhen eine spektakuläre Abkürzung. So wie einst Hemingway, „der sein Gehirn in den Orangensaft ballerte“ (Charles Bukowski). Das Gros der grauen Panther jedoch richtet die Zeit die noch bleibt, eher auf triste Sozialverträglichkeit aus. Ihm könnte „Leergut,“ der schwejksche Gegenentwurf zum „erfüllten Lebensabend“ in Seniorenresidenzen, Ansporn sein, über Schleichwege wieder ins Getriebe einzufädeln. Mit dem Abschluss seiner Trilogie der Kindheit („Volksschule,“ 1991), der Erwachsenenwelt („Kolya,“ 1996) und jetzt dem Alter, glückte dem tschechischen Familienduo Sveràk eine herrlich leichfüßige Komödie. Vater Zdenek Sveràk, in seiner Heimat eine Schauspieler-Ikone, zeichnet abermals für ein exzellentes Drehbuch und zudem für die Hauptrolle verantwortlich, Sohn Jan inszenierte; ein Powerteam, das sich vor einem Jahrzehnt in den Hollywood-Olymp („Kolya,“ 1996) der Kategorie „Bester nicht-englischsprachiger Film“ schwang. „Leergut“ ist voll gut, wird bei der diesjährigen Oscar-Vergabe aber keine Berücksichtigung finden, weil die Tschechen bereits Jirì Menzels „I Served The King Of England“ gemeldet haben. Die möglicherweise entgangene Auszeichnung kann die Sveràks kalt lassen; die Kompensation durch den Publikumszuspruch ist sagenhaft: Ihr neues Werk avancierte zum erfolgreichsten seit Bestehen der Republik. Eine Million Zuschauer von 10 Millionen Einwohnern drängten an die Kassen! Auf hiesige Verhältnisse übertragen, müssten mindestens acht Millionen Besucher wegen einer Otto- oder Til Schweiger-Produktion die Säle stürmen.

Der alte Mann und die Bodenhaltung freilaufender Schüler – stets ein Garant für emotionales Ungleichgewicht. Josef (Zdenek Sveràk) hat so seine Probleme mit den Kids. Geben sie dem Literaturlehrer patzige Antworten, drückt der schon mal den nassen Schwamm über ihrem Haupte aus. Doch irgendwann hat er einfach keinen Bock mehr auf Schule und kündigt. Unter einer befriedigenden Alternative versteht er allerdings nicht, seiner Frau Eliska (Daniela Kolàrovà) am häuslichen Herd den Scheitel zu streicheln. Denn (ehelicher) Betrug ist sein Geschäft. In seinen Träumen bleibt derlei Gunst jungen Frauen in Strapsen vorbehalten. Zunächst aber betätigt sich der Ruheständler als Fahrradkurier. Er möchte schließlich noch etwas bewegen. Diesen Berufszweig wird er nach der ersten Vollbremsung und anschließendem Sturz in den Gartenzaun denn aber doch lieber als niederschlagende Verbindung abhaken. Nun also macht hoch die Tür für das Gastspiel in der Leergutannahme des Supermarkts. Hier fühlt sich Josef gleich heimisch. Sein Tag ist durchstrukturiert, Kunden wie Kollegen sind schrullig, doch umgänglich. Anteil am Gefühlshaushalt der Mitmenschen zu nehmen, stand dabei nicht von vorneherein auf seiner Agenda. Dass er eines Tages sogar Kupplerdienste für den Jungen vom Papierreißwolf übernehmen würde, war bestimmt außerhalb seiner kleinbürgerlichen Vorstellungskraft. Und dass ihn der Sog zwischenmenschlicher Qualitäten zusammen mit seinem Weib noch einmal buchstäblich auf Wolke sieben trägt, noch viel weniger. Freilich, ein bisschen Schwund ist immer. Die Getränkeannahme wird durch einen Flaschenautomaten ersetzt. Es kann eben der Frömmste nicht in Frieden sortieren, wenn es den bösen Rationalisierungsnachbarn nicht gefällt.

Fazit
„Leergut“ umweht der typische Humor tschechischer Filmtradition – intelligent, doppelbödig und zutiefst menschlich. Dafür zahlt man gern Pfand.

Bewertung
80%

© 2012 Martin Graetz
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