Das wilde Leben - Redaktionelle Kommentare Film

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Recht so, Uschi.

TitelDas wilde Leben
Filmbewertung vom29.01.2007
RedakteurMartin Graetz
Martin Graetz
Das wilde LebenFilm Bewertung
Lange nichts gehört von Deutschlands ehemaligem Edel-Groupie, der Obermaier Uschi. Allmächt, ist die a scho 60 worn? Do schau her, wie die Revoluzzer-Zeit vergeht. Schmuckdesignerin in der Stadt der Engel is sie heit? Naa, hat's doch no was Anständig's g'lernt.

Das soll alles gewesen sein? Oh nein. Mit einem erinnerungsträchtigen Wetterleuchten bringt der Werbe- und MTV-Filmer Achim Bornhak das Sex bewegte Leben der Uschi "Untermaier" (wie Matratzennachbar Dieter Kunzelmann die einstige Kommune-Ikone titulierte) "frei nachempfunden" zurück in die Zukunft.

Nicht jeder Alt-68-ger wird "feuchte Augen" bekommen, wenn die Uschi jetzt auf der Beckmann-Schiene wild um sich menschelt. Denn gerade von dem Münchner Betthase'rl ist aus guten wie aus schlechten Tagen - außer dem wohlproportionierten Body - kaum Relevantes überliefert. Weder brachte sie während der popkulturellen Ära politische Überzeugungen ein, noch tat sie sich als literarisches oder musikalisches Talent hervor.

"Sie war die Frau, die sich nahm, was sie wollte, und nicht darauf wartete, dass die Männer es ihr gaben" ("Spiegel"). Rainer Langhans, der wuschelhaarige Gefährte jener Tage, brachte es auf den erotischen Punkt: "Für diese Frau würde ich jede Revolution verraten." Der Republik hat die Egozentrik der bella figura so wenig geschadet wie den zahllosen Verehrern. In keiner Phase ließ Uschi sich von der bizarren Kopflastigkeit eines Rainer Langhans oder Dieter Kunzelmann anstecken. Letztgenannter Wirrkopf gilt heute als enttarnt, Initiator des infamsten Anschlags innerhalb der Serie von Attentaten gegen das verhasste "Schweinesystem" gewesen zu sein.

Der "Tupamaro" organisierte nach Erkenntnis Wolfgang Kraushaars "Die Bombe im jüdischen Gemeindehaus". Das Kalkül mit der "ultimativen Provokation" ging dem Buch zufolge daneben, weil der Sprengsatz dilettantisch angebracht war und nicht explodierte. Es spricht für Uschi Obermaiers Intuition, mit "dem roten Jahrzehnt" besser abzuschließen. Unter der Losung "High sein, frei sein, Terror muss dabei sein" konnten sich ihre vagen Erwartungen an das Leben nicht erfüllen.

Das Mädchen vom (Bayern)-Lande war jung, schön und damit Titelblatt-tauglich. Mehr war nicht, mehr ist nicht nachgereift. Das zur Veröffentlichung anstehende Buch zum Film ("High Times"), die pflichtgemäße Werbeschreibe, widerlegt den Eindruck keineswegs. Sie zog nicht aus, die Welt zu verändern. Der ihr zugeschriebene gesellschaftliche Stellenwert schien sie wohl selbst immer zu irritieren. Will man ihr überhaupt eine Art Lebensentwurf unterstellen, dann das unbändige Verlangen, frei zu sein - eher mit Sex, Drugs & Rock'n'Roll, als mit Hilfe bekiffter Stadtguerilleros. Relativ neu dagegen war der intensive Medienhype, der den Teenager zur Gallionsfigur der Jugendrevolte stilisierte und ungewollt eine attraktive Vorläuferin von Feldbusch, Klum & Co schuf.

Uschi Obermaier (ansehnlich gespielt von Natalia Avelon) entzieht sich der elterlichen Beschränktheit im Münchner Vorort, um im Hier und Jetzt "alles durchzumachen". Komplexfrei begriff sie die Berliner Kommune 1 als Abfluss der Gehirne, über Partner Langhans eröffnete sich zum Glück schnell ein weit glamouröseres Spielfeld. Plötzlich verzehrten sich Show-Stars wie Gitarrengott Jimi Hendrix, "Stones"- Boss Mick Jagger samt seinem Keith nach ihr. Durchaus verständlich, dass sie auch dieses Umfeld nicht dauerhaft fesselte. Im Grunde wollten sich die Herren nur zwischen zwei Gigs bei ihr entspannen. Sie lernt Dieter Bockhorn (David Scheller) kennen, den Afrika-Abenteurer aus Hamburg, eine Kiez-Größe, die ebenfalls kaum dem Ideal bürgerlicher Konvention entspricht.

Uschi ist unsterblich verliebt, vagabundiert mit Bockhorn in einem luxuriös umgebauten Bus etliche Jahre durch Asien und Amerika. Beider Nomadenexistenz endet, als ihr Dieter mit dem Motorrad frontal gegen einen Laster rast. Nun brechen für das umschmeichelte Cover Girl magere Jahre an. Als Model war Obermaier inzwischen nicht mehr gefragt; zu alt. Sie hat sich berappelt und bringt heute selbst gefertigten Schmuck unter die Leute.

Fazit
Sehr viel Uschi steckt in der Flower-Power-Retro von Achim Bornhak, aber herzlich wenig Atmosphäre. Schon die ersten Bilder stimmen den Betrachter auf öden Langnese-Chic ein. Wer vermeint, das Biopic verstrahle etwas vom damaligen Zeitgeist, ist schief gewickelt. Die äußeren Umstände eines wilden Lebens werden kurz angerissen, der politische Hintergrund sowie der Generationskonflikt völlig ausgespart.

Was also unterscheidet den Film von überflüssigen Familienvideos über unangepasste Töchter und der Notwendigkeit, den Mantel des Schweigens darüber auszubreiten? Nur die alten Diskurse an der Apo-Theke? Wenn der Langhans die Uschi zu indoktrinieren versucht, schwingt tatsächlich reiner 70ger Jahre Schulfunk mit: "Wirkliche Freiheit kann nur aus dem Verzicht entstehen!" Darauf die wilde Uschi: "Gut, dann verzichte ich halt auf Dich!"

Bewertung
70%

© 2012 Martin Graetz
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